Bestialische Bestrafung: Pfarrer verliert Augenlicht weil er die Bauern unterstützte

Heute vor 450 Jahren starb Johannes Rebmann. Der Pfarrer wurde geblendet. Deshalb nannten ihn die Leute Pfarrer Blindhans. Heute noch erinnert der Blindensteg über die Töss an dessen Initiator.

Markus Schär
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Pfarrer Blindhans Johannes Rebmann in Amtstracht und mit Blindenstock, wird von einem Mädchen zum Bau des Blindenstegs zwischen Embrach und Dättlikon geführt. (Bild: PD)

Pfarrer Blindhans Johannes Rebmann in Amtstracht und mit Blindenstock, wird von einem Mädchen zum Bau des Blindenstegs zwischen Embrach und Dättlikon geführt. (Bild: PD)

Als Johannes Rebmann 1499 in Wigoltingen zur Welt kommt, tobt an der Grenze zu Konstanz der Schwabenkrieg. Fünf Jahre wächst Rebmann in Wigoltingen auf, dann zieht sein Vater mit ihm nach Waldshut. Dort geht er zur Schule und studiert später in Konstanz Theologie. 1521 wird er zum Priester geweiht. Bis dahin findet in Johannes Rebmanns Leben nichts Aussergewöhnliches statt. Doch die Zeiten sind aussergewöhnlich.

Die Reformation greift um sich und die Bauern begehren auf. Sie fordern ihre Befreiung von den Abgabeverpflichtungen, doch der Adel verharrt im alten Muster. Auch die Stimmen der Kirche stehen auf der Seite des Adels. Selbst Reformator Martin Luther kann dem Bauernaufstand nichts abgewinnen – im Gegenteil. In seiner Schrift «Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern» schreibt er: «Nun rauben und toben sie wie die rasenden Hunde. Steche, schlage, würge, wer da kann.»

Graf vermutet Unruhestifter in Johannes Rebmann

Ganz anders verhält sich Johannes Rebmann gegenüber den aufständischen Süddeutschen Bauern. Längst hat er sich der Reformation angeschlossen. Die Schriften Zwinglis haben es ihm angetan. Und so setzt er sich für die Anliegen der Bauern ein. Als Pfarrer amtet er mittlerweile im deutschen Klettgau. Der dort regierende Graf von Sulz vermutet nun gar, dass der Bauernaufstand vom Thurgauer Pfarrer angestiftet wurde, und dass Rebmann den Widerspruchsgeist geweckt habe. Deshalb lässt der Graf am 10. November 1525 Johannes Rebmann verhaften und auf die Küssaburg bringen.

Mit dem vermeintlichen Anführer der Deliquenten gibt es kein grosses Erbarmen. Ohne ein Verhör, geschweige den einer Gerichtsverhandlung, wird Johannes Rebmann gefoltert. Auf bestialische Art und Weise werden ihm die Augen ausgestochen. Eine häufige Strafe dieser Zeit (siehe Kasten). Nach dieser Tortur findet der geblendete Pfarrer, nun von allen Pfarrer Blindhans genannt, nach Aufenthalten in Konstanz und Zürich in Lufingen im zürcherischen Unterland einen neuen Arbeitsort.

Der Blindensteg: Heute führt eine Metallkonstruktion über die Töss, der Name erinnert immer noch an Pfarrer Blindhans. (Bild: Markus Schär)

Der Blindensteg: Heute führt eine Metallkonstruktion über die Töss, der Name erinnert immer noch an Pfarrer Blindhans. (Bild: Markus Schär)

Blindensteg nach Rebmann benannt

Dort initiiert er den Bau eines Steges über die Töss bei Dättlikon, die einzige Gelegenheit zwischen Winterthur und Rorbas-Freienstein, den launischen Fluss sicher und trockenen Fusses zu überqueren. Der Steg ermöglicht einerseits, die an der Töss liegenden Gemeinden seelsorgerlich zu verbinden. Andererseits dient er als wichtige Abkürzung zwischen Dättlikon und Embrach und sogar als eine verbesserte Anbindung aus dem Norden an die Stadt Zürich. Später regelt ein Vertrag zwischen der Stadt Zürich und den Gemeinden Embrach und Dättlikon den Erhalt des Blindensteges.

Im 19. Jahrhundert gehen Rechte und Pflichten vom Stadtrat an die Regierung des Kantons Zürich über. Die hölzerne Brückenkonstruktion, die immer wieder durch Hochwasser beschädigt oder gar weggeschwemmt wurde, ist im Jahre 2010 im Auftrag der Baudirektion des Kantons Zürich durch eine Stahlkonstruktion abgelöst worden. Geblieben ist jedoch der Name, in Erinnerung an Initiator Pfarrer Blindhans: «Blindensteg». Noch heute nutzen Wanderer den Steg als Übergang.

Am 25. August 1568 – vor 450 Jahren – stirbt Pfarrer Blindhans Johannes Rebmann nach einem bewegten und engagierten Leben in Zürich.

Hinweis: Markus Schär aus Elgg ist pensionierter Pfarrer.

Blendung als Foltermethode

Eine Foltermethode, die bereits im Altertum bekannt war, ist die sogenannte Blendung. Dies kann durch das Herausreissen, Ausstechen oder Ausbrennen der Augäpfel geschehen. Meist hat diese Strafe die Erblindung zur Folge. Im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit war Blendung durch Ausstechen der Augen eine häufig angewandte Form landesherrlicher Bestrafung, insbesondere nach dem Bauernkrieg von 1525. Auch im Orient war es eine bekannte Foltermethode. (sba)