«Bei uns wird noch geschossen»: Eine Zusammenstellung mit Ausschnitten aus der Thurgauer Zeitung vom Mai 1945

Kriegsende 1945. Ein Blick zurück in die TZ von damals. Ein Leben zwischen Flüchtlingen, Feierlichkeiten und abrüstenden Soldaten.

Zusammenstellung: Enrico Kampmann
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Titelseite der «Thurgauer Zeitung» vom 2. Mai 1945.

Titelseite der «Thurgauer Zeitung» vom 2. Mai 1945.

Bild: Andrea Stalder

Von der Grenze

Am Dienstagmorgen des 1. Mai sind in Kreuzlingen zu Fuss wieder 220 Flüchtlinge aus Süddeutschland angekommen. Die Leute waren von den Franzosen befreit worden. Zur Hauptsache waren es französische Zwangsarbeiter. Unter ihnen befinden sich auch 33 katholische Schwestern, die in deutschen Lazaretten gearbeitet haben. Die Flüchtlinge werden direkt nach Frankreich übergeführt.

Im Vorarlberg wird noch gekämpft

Nachdem es den französischen Truppen gelungen war, am Mittwochmorgen des 2. Mai in die in Brand geschossene Stadt Bregenz einzudringen und sich festzusetzen, war die Besetzung des unteren Rhein-Deltas nur noch eine Frage weniger Stunden. Bereits in der Morgenfrühe hängten die Bewohner von Höchst und Lustenau massenhaft weisse Tücher und Flaggen in den altösterreichischen Farben rot-weiss-rot heraus.

Gegen Mittag erschien am Grenzübergang Höchst-St. Margrethen die erste französische Patrouille. Es kam darauf zu Unterhandlungen zwischen den Franzosen, den deutschen Zollbeamten und den zuständigen Schweizerischen Militärinstanzen. Die Entwaffnung der deutschen Truppen wurde vereinbart.

Im Laufe des Nachmittags fuhren die französischen Panzer Richtung Hohenems. Bis auf die Höhe der Schweizer Grenzübergangsstelle Schmitter in Diepoldsau vollzog sich der Vormarsch kampflos. Doch dann setzten sich einige SS-Truppen zur Wehr und beschossen die heranrollenden Tanks. In diesem Moment bestand die Gefahr, dass die Franzosen die unmittelbar hinter den deutschen Verteidigern liegende Ortschaft Diepoldsau unter Feuer nehmen könnten. Der Stabschef einer Schweizer Grenzbrigade wehrte das Unheil in letzter Minute ab, indem er mit einer grossen Schweizerfahne zur französischen Tankkolonne eilte und sie über die Grenzverhältnisse aufklärte.

Die neugierige Diepoldsauer Bevölkerung besah sich das Schauspiel und wurde von den Franzosen zur Besichtigung ihrer Kampffahrzeuge auf die jenseitige Grenze gelockt. Mitten in die angeregte Unterhaltung hinein knallten aber einige Schüsse, die von versteckten SS-Leuten stammten. Die Diepoldsauer flüchteten in ihr Dorf zurück, während die Tanks den Kampf gegen die Widerstandsnester aufnahmen.

Bei dem quer im Tal liegenden Montlingerhügel kam es in den Abendstunden zu einer Kanonade, die sich auch in der Nacht auf den Donnerstag fortsetzte. Angesichts des Widerstandes zogen die Franzosen in der Nacht ihre Artillerie nach, die stundenlang auf den Sperrriegel einhämmerte, wobei die Granaten über den Schweizerischen Geländevorsprung von Diepoldsau hinwegsausten. Auch am Donnerstagvormittag ging die Kanonade sozusagen ununterbrochen weiter.

Die Reichenau im Weintaumel

Vor und nach der Besetzung der deutschen Bodenseegebiete haben sich eine Reihe Episoden abgespielt, die für immer festgehalten werden sollen. Auf der Reichenau befand sich ein grosses Weindepot der deutschen Wehrmacht, umfassend rund 300000 Liter Wein. Als die Nachbarstadt Radolfzell fiel und die Franzosen gegen Konstanz vorrückten, war es unmöglich, den Wein abzutransportieren. Den Franzosen wollte man ihn nicht ausliefern, und so wurde die Weisung gegeben, den Wein unter die Bevölkerung zu verteilen. Da die Einwohnerzahl gering ist, traf es auf jeden ein ansehnliches Quantum.

Da wurde nun der Wein massenhaft abgeholt, viele hatten zuhause keine leeren Fässer mehr, so dass sie kurzerhand Mostfässer auslaufen liessen, sie putzten und dann mit Wein füllten. Nun hatten aber auch die Konstanzer von dieser Weinverteilung Wind bekommen, und bald setzte eine Wanderung mit kleinen Fässchen meist per Velo ein. Einige hatten ebenfalls zuhause zuerst den Most auslaufen lassen und hofften nun, mit Wein beladen nach Hause zurückzukehren.

Wie gross aber war ihre Enttäuschung, als sie auf der Reichenau ankamen: Der Wein war bereits verteilt, und die Konstanzer konnten mit einem langen Bart und leeren Mostfässchen heimkehren!

«Schweizer Schutzgebiet»

Die Reichenauer hatten einige Tage zwischen Hangen und Bangen durchgemacht. Als Radolfzell bombardiert wurde, war es ihnen begreiflicherweise nicht mehr recht wohl. Aber sie wussten sich zu helfen. Sie zogen einfach eine weisse Fahne hoch und hofften nun, nicht beschossen zu werden.

Als am 26. April die Franzosen am Untersee entlang in langen Kolonnen von Tanks und Autos gegen Hegne fuhren, da standen zahlreiche Reichenauer auf der Hohwart, dem höchsten Zipfel der Insel, und schwenkten weisse Tücher. Auch eine Schweizerfahne war dabei und ein Transparent, auf dem zu lesen war «Schweizer Schutzgebiet». Der bekannte Mutterwitz der Reichenauer kam hier zum Ausdruck.

Als drei Tanks und vier Autos aus der langen Kolonne, die gegen Konstanz fuhr, in die Reichenau abschwenkten, wurden die Franzosen von den Reichenauern herzlich empfangen und mit Ess- und Trinkwaren gut bewirtet. Sie sollen noch etwas Öl am Hut gehabt haben vom Abend zuvor, an dem sie den Wein der Wehrmacht reichlich ausgekostet hatten!

Wie das Kriegsende feiern?

Nach einer Information aus Bern hat der Bundesrat die Kantonsregierungen mit einem Kreisschreiben ersucht, zu veranlassen, dass am Tage des Kriegsendes in Europa die Glocken im ganzen Lande zur gleichen Zeit geläutet werden. Nach seiner Meinung sollte darüber hinaus der Tag mit Dankgottesdiensten begangen werden, nicht aber mit weltlichen Feiern.

So treffe es auch nicht zu, dass Telegramme an neuntausend Privatfirmen bereitgestellt worden seien, um diese Betriebe zur Arbeitseinstellung am Tage des Kriegsendes aufzufordern. Weder der Bundesrat noch eine andere Amtsstelle haben einer Arbeitseinstellung in den privaten Betrieben in Aussicht genommen. Ob der Tag wirklich nur mit kirchlichen Feiern begangen werden soll, nicht auch etwa, nach dem Belieben der Einwohner und der Behörden, durch öffentliche Gemeindefeiern, das dürfte man sich unseres Erachtens immerhin noch fragen.

Es ist nicht gesagt, dass eine allgemeine öffentliche Volksfeier böse Folgen haben müsse und es weniger Exzesse gebe, wenn der Dank für die Erhaltung des Friedens den Kirchen und den kirchentreuen Bürgern vorbehalten wird.

Thurgau: Die Regierung ordnet an

Der thurgauische Regierungsrat hat angeordnet, dass heute zur Feier des Kriegsendes in Europa am Nachmittag alle Schulen und alle staatlichen Bureaus geschlossen werden sollen. Ferner empfiehlt er den Unternehmern von Industrie und Gewerbe, am Nachmittag Fabriken und Werkstätten ebenfalls zu schliessen, den Arbeitern aber den ausfallenden Lohn zu vergüten.

Frauenfeld schliesst die Schulen

Den hiesigen Primar- und Sekundarschulen ist vom Schulpräsidium Weisung erteilt worden, zu Beginn der Schulen in jedem Schulhaus durch einen Lehrer die Bedeutung des heutigen Tages zu erklären. Nach dieser Ansprache sollen einige Lieder gesungen und die Schulen für den ganzen Tag geschlossen werden.

Wiederaufstellen der Wegweiser

Wie wir soeben noch vernehmen, ist von der zuständigen militärischen Stelle in Bern verfügt worden, dass alle im Frühjahr 1940 beseitigten Wegweiser und Wegzeichen wieder aufgerichtet werden dürfen.

Die Soldaten kehren heim!

Der Oberbefehlshaber der Armee hat im Einvernehmen mit dem Bundesrat rasch die sich aus der Beendigung des Krieges in Europa ergebenden Schlussfolgerungen gezogen und eine teilweise Demobilisierung angeordnet. Heute Freitag, 11 Mai, ist Hauptmobilisierungstag. Morgen Samstag werden die Bataillonsfahnen dem Zeughaus übergeben. Hoffen wir, dass sie bis zum ersten Wiederholungskurs nach beendigter Kriegsmobilmachung nicht mehr benötigt werden!

Die Bevölkerung von Frauenfeld hat zum Gruss der Heimkehrenden Truppen die Stadt reich beflaggt. Nicht bloss zum Gruss, mehr noch zum Dank. Unser Infanterieregiment repräsentiert ja nach althergebrachter Anschauung die Gesamtheit der thurgauischen Truppen. In ihnen sehen wir die Vertreter der thurgauischen Bürgerschaft, die während fünf Jahren und acht Monaten so oft zum Schutze unserer Grenzen aufgeboten worden ist.

Und da heute nach menschlichem Ermessen und Hoffen der Tag der endgültigen Heimkehr gekommen ist, halten wir die Stunde für gekommen, ihnen den innigen Dank der engeren Heimat für die Treue auszusprechen, mit der sie oft unter sehr empfindlichen Opfern den Dienst für die Bewahrung von Land und Volk vor den Schrecken des Krieges geleistet haben.

Bei uns wird noch geschossen

Für die Bewohner des untern Thurgaus hat der Tag der Waffenruhe mit Kanonendonner begonnen. Man wusste nicht recht, was los war, bis sich herausstellte, dass eine Artillerieschiessübung stattfand. Um darauffolgenden Tag wurde wieder geschossen.

Einige Leute haben das als sehr unpassend empfunden, und ihrer zwei, eine Frau und ein Mann, haben sich mit Einsendungen bei der Redaktion darüber beschwert. Zur Aufklärung können wir mitteilen, dass am Dienstag, den 15.Mai, die 7. Division geschossen hat, am Mittwoch die Feldartillerierekrutenschule in Frauenfeld. Die Übungen fanden nach festgelegtem und veröffentlichtem Schiessplan statt.

Die Kommandanten sahen sich nicht veranlasst, die Anordnungen zu widerrufen; denn Soldaten schiessen gern, es gehört bei ihnen zum Handwerk, und wenn der Krieg vorbei ist, so macht es noch einmal so viel Freude, die Schüsse herauszulassen. Das weiss jeder Soldat.

Ausschnitte aus der TZ vom Mai 1945