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«Wichser, Arschloch, du gehörst nicht auf die Strasse»: Autofahrer attackiert im Thurgau Behinderten und lässt ihn verletzt liegen

Weil er mit seinem Behindertenfahrzeug auf der Strasse fuhr, wurde ein Arnegger kurz vor Bischofszell von einem Mann beschimpft und niedergestossen.
Rita Kohn
Marianne H. blickt auf die Stelle, an der ihr Mann auf der Strasse liegen gelassen wurde. (Bild: Rita Kohn)

Marianne H. blickt auf die Stelle, an der ihr Mann auf der Strasse liegen gelassen wurde. (Bild: Rita Kohn)

Es ist heiss an diesem 1. August-Morgen. Trotzdem will Erwin H.* einen Ausflug machen. Er ist stolz auf sein neues Behindertenfahrzeug, das er sich zu seiner offiziellen Pensionierung geleistet hat. Seit eineinhalb Wochen ist der mehrfach behinderte Mann aus Arnegg mobil. Das Fahrzeug mit gelber Nummer sollte ihm mehr Selbstständigkeit geben.

Auf dem Weg von Niederhelfenschwil nach Bischofszell, kurz vor dem Muggensturm, wird Erwin H. von einem Automobilisten bedrängt. «Er fuhr neben meinen Mann, liess das Fenster herunter und schrie: ‹Du Wichser, du Arschloch, du gehörst nicht auf die Strasse.›» Erwin H.s Ehefrau Marianne ist noch immer empört, wenn sie sich die Erzählung ihres Mannes durch den Kopf gehen lässt. «Mein Mann rief zurück, dass er wegen der gelben Nummer sehr wohl auf der Strasse fahren dürfe.»

Der Fahrer steigt einfach ein und braust davon

Für den etwa 40-jährigen Automobilisten ist das zu viel. Er bremst das Behindertenfahrzeug aus, hält an. «Er ist mit erhobener Faust auf meinen Mann zugegangen, der aus seinem Gefährt geklettert war», schildert Marianne H., was sie von ihrem Mann erfahren hat. Erwin H. will sich schützen, hält sich am dunklen Van fest.

Das aber bringt den Fahrer endgültig aus der Fassung. Er schreit den behinderten Erwin H. an, dass er sein Auto nicht anzufassen habe, und stösst ihn um. Erwin H. prallt rücklings auf die Strasse, bricht sich das Schambein und ein Handgelenk. Er ist nicht in der Lage, wieder aufzustehen. Der Autolenker lässt den hilflosen Mann bei einer Temperatur von über 30 Grad einfach liegen, steigt in seinen Van und braust davon.

Ehefrau sucht Retterin

«Ich darf gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn nicht gleich darauf Retter zur Stelle gewesen wären», sagt Marianne H. und schluckt leer. Der behinderte Erich H. hätte nicht lange überlebt, wäre er auf der Strasse liegen geblieben. Bei einem der Retter konnte sie sich bereits für seine Hilfe bedanken. Eine Frau, die in einem der nahen Häuser wohnen soll, sucht sie noch, um sich auch bei ihr für ihre Hilfe zu bedanken. Sie hofft, dass die Frau sich bei ihr meldet.

Erwin H. liegt noch immer im Spital. Der Mann, dem vor Jahren eine Niere transplantiert wurde, der inzwischen aber wieder jeden zweiten Tag eine Dialyse braucht, hat das Ganze körperlich nur schlecht verkraftet. «Neben den Nierenproblemen ist mein Mann Diabetiker und lungenkrank», sagt Marianne H.

Das alles führt dazu, dass der ehemalige Chauffeur seit Jahren kaum mehr alleine unterwegs sein konnte. «Er hat sich so auf das Behindertenfahrzeug gefreut», sagt die Frau und schüttelt den Kopf. «Ich hatte immer Angst, dass ihm etwas passieren könnte. Aber an sowas habe ich nicht gedacht.» Nun steht das langersehnte Fahrzeug unbenutzt in der Ecke. Ob Erich H. je wieder nach Hause kann, ist derzeit unklar, sein Zustand ist instabil.


* Hinweis: korrekter Name der Redaktion bekannt

Körperverletzung und Beschimpfung

Ob der verantwortliche Fahrer ermittelt werden kann, ist ungewiss. Laut Kantonspolizei Thurgau geht es hier um ein Antragsdelikt: «Es handelt sich nicht um einen Verkehrsunfall.» Der Geschädigte habe bei der ersten mündlichen Einvernahme noch nicht gewusst, ob er Anzeige erstatten wolle. Marianne H. sieht die Situation etwas anders: «Die Polizei hat uns gesagt, dass sie nicht nach St. Gallen fahren werde, um die Anzeige entgegen zu nehmen. Aber mein Mann ist nicht in der Lage, das Spital zu verlassen. Und die Anzeige muss von ihm erstattet werden.»

Die Kantonspolizei präzisiert: «Die mündlichen Aussagen des Geschädigten wurden bereits vor Ort erhoben.» Da die Genesung des Geschädigten vorrangig sei, würden diese mündlichen Aussagen vorerst genügen. «Die Ermittlungen der Kantonspolizei Thurgau wurden eingeleitet, nachdem der Geschädigte mündlich das Stellen eines Strafantrags in Aussicht gestellt hat.» Ihm sei der Strafantrag zur Unterschrift zugeschickt worden.

Im Regen stehen gelassen fühlt sich Marianne H. auch bezüglich Information. «Ich hatte eine mir unbekannte Nummer auf dem Handy und auf dem Festnetz. An dem Morgen war ich im Pflegeheim bei meiner Mutter und half beim Brunch», schildert sie. Als sie die Nummer zurück rief, meldete sich niemand. «Nicht einmal ein Beantworter.» Erst viele Stunden später sei sie dann von ihrem Mann direkt angerufen und über alles informiert worden.»


Davon will die Kantonspolizei nichts wissen: «Wenn ein Polizeiposten nicht besetzt ist, wird der entsprechende Anschluss an die kantonale Notrufzentrale oder an einen anderen Posten weitergeleitet.» Die zuständige Polizistin habe versucht, die Ehefrau des Verletzten zu informieren.

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