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Ausreisezentrum Kreuzlingen: «Die Kinder haben ein Recht auf Bildung»

Christoph und Mirjam Frehner, Bruder und Schwester, unterrichten seit März asylsuchende Kinder, die vorübergehend im Ausreisezentrum in Kreuzlingen leben. «Wir haben die Chance, den Kindern einen Raum zu schaffen, wo sie Kind sein können.»
Rahel Haag
Mirjam Frehner bastelt mit einem Kindergärtler im Ausreisezentrum in Kreuzlingen. (Bild: Donato Caspari)

Mirjam Frehner bastelt mit einem Kindergärtler im Ausreisezentrum in Kreuzlingen. (Bild: Donato Caspari)

Im Kindergartenzimmer im obersten Stock des Ausreisezentrums machen sie Limonade. Hierfür lösen sie Zucker in aufgekochtem Wasser auf. Der Krug wird samt Kelle herumgereicht. «Ich rühre das Wasser», sagt Mirjam Frehner vor, während sie umrührt.

Die Kinder tun es ihr gleich, eins ums andere, und wiederholen den Satz. Frehner greift zu einem Schälchen und fragt einen Buben: «Was ist das?» «Saftzitrone», sagt er. «Umgekehrt», sagt sie, «Zitronensaft.» Spielerisch sollen die Kinder auf diese Weise Deutsch lernen.

Ralph Huber, Schulleiter Bernegg. (Bild: Donato Caspari)

Ralph Huber, Schulleiter Bernegg. (Bild: Donato Caspari)

Seit März werden die asylsuchenden Kinder und Jugendlichen im Ausreisezentrum in Kreuzlingen beschult. Bis zu 140 Tage verbringen sie hier. Für das Projekt zeichnet Ralph Huber, Schulleiter des Schulzentrums Bernegg, verantwortlich, denn das Ausreisezentrum befindet sich in seinem Schulkreis.

«Zuvor gab es für die Kinder und Jugendlichen im Ausreisezentrum keinen Unterricht»

sagt er. Es wurde lediglich eine Art Kinderhort geführt. Seit März ist nun ein neuer Gesetzesartikel in Kraft, der besagt, dass der Bund in den Zentren den Grundschulunterricht für die Kinder Jugendlichen sichern muss. «Im Dezember hat die Schulgemeinde Kreuzlingen hierfür in Zusammenarbeit mit dem Kanton Thurgau ein Konzept ausgearbeitet», sagt Huber.

Exkursionen in den Wald

Der Unterricht für asylsuchende Kinder und Jugendliche der Schule Kreuzlingen befindet sich noch in der Einführungsphase. «Im März 2020 werden wir das Konzept überarbeiten», sagt Ralph Huber. Die Kosten teilen sich Bund und Kanton. Das Budget liege bei rund 200'000 Franken pro Jahr. Es variiere je nach Schülerzahl.

Die Eltern erhalten eine Bestätigung, dass ihre Kinder in der Schweiz eine Schule besucht haben. Nebst Fächern wie Deutsch, Mathematik und Realien wird auch Sport unterrichtet. Diese Lektionen finden im Schulzentrum Bernegg statt. Auch kleine Exkursionen werden durchgeführt, beispielsweise in den Wald. (rha)

Im Zuge dessen seien zwei Lehrpersonen angestellt worden, die sich ein Pensum von 100 Prozent teilen. Sie unterrichten jeweils zwischen sechs und dreissig Kinder und Jugendliche, im Alter von vier bis fünfzehn Jahren. Zusätzlich werden sie zeitweise von einer Lehrerassistenz und einem Zivildienstleistenden unterstützt.

Kulturschock nach der Rückkehr aus Tansania

Im Schulzimmer, ein paar Schritte den Gang hinunter, löst Christoph Frehner mit sechs Schülern Rechenaufgaben. Drei von ihnen scharen sich um den Lehrer. Er begutachtet konzentriert das Arbeitsblatt eines Buben. Dieser beobachtet ihn aufmerksam. «Alles richtig», sagt Frehner schliesslich. «Das hast du gut gemacht.» Nur beim Schreiben der Zahlen könne er sich mehr Mühe geben.

Im Schulzimmer im Ausreisezentrum erklärt Christoph Frehner zwei Buben eine Aufgabe. (Bild: Donato Caspari)

Im Schulzimmer im Ausreisezentrum erklärt Christoph Frehner zwei Buben eine Aufgabe. (Bild: Donato Caspari)

Dass die beiden Lehrpersonen denselben Nachnamen haben, ist kein Zufall. Christoph und Mirjam Frehner sind Bruder und Schwester. «Sie haben sich gemeinsam auf die Stelle beworben», sagt Huber. Für ihn ein Spezial- und zugleich Glücksfall. Beide haben die Pädagogische Hochschule Thurgau absolviert.

Christoph Frehner unterrichtete zuvor in Altnau, seine Schwester arbeitete beim Blauen Kreuz, wo sie unter anderem Lager für Kinder durchführte.

«Zudem verbrachten sie einen Teil ihrer Kindheit in Afrika.»

Genauer: in Tansania. Als sie nach vier Jahren in die Schweiz zurückkehrten, war Christoph dreizehn und Mirjam zehn Jahre alt. «Ich kann mich in die Kinder hineinversetzen», sagt Christoph Frehner. Als sie damals zurückgekommen seien, habe er einen Kulturschock erlitten. Das war vor 14 Jahren.

Einen Abschied von den Kindern gibt es selten

Das Schicksal der Kinder, die im Ausreisezentrum leben, ist besiegelt. Sie müssen die Schweiz über kurz oder lang verlassen. Das birgt Schwierigkeiten.

«Wann die einzelnen Kinder ausgeschafft werden, wird uns nicht mitgeteilt»

sagt Christoph Frehner. Er und seine Schwester wüssten morgens nie, wie viele Kinder zum Unterricht erscheinen werden. Die Gruppe sei höchstens eine Woche lang konstant. Auch einen Abschied gibt es dadurch selten. «Dennoch ist es wichtig, dass wir uns auf jedes einzelne Kind einlassen und eine Beziehung mit ihm eingehen», sagt Mirjam Frehner. Sie hätten die Chance, den Kindern einen Raum zu schaffen, wo sie Kind sein könnten.

Eine weitere Schwierigkeit: Die Kinder stammen aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Huber sagt:

«Wir haben hier alles: Vom Kind, das auf der Strasse lebte und nie beschult wurde, bis zum Kind eines Arztes, das zwei Sprachen spricht.»

Das Ziel sei aber immer dasselbe: Nebst dem Schulstoff, wollten sie ihnen Sozial- und Selbstkompetenz vermitteln. «Auch diese Kinder sind wertvoll, sagt Christoph Frehner, «und sie haben ein Recht auf Bildung.»

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