Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

«Ich stand jeden Tag am Grab und weinte – sieben Jahre lang»: Arbonerin verliert ihre Tochter und jetzt auch noch die Gedenkstätte auf dem Friedhof

Maja war vier, als sie starb. Das ist 45 Jahre her. Nun wird die Stadt ihr Grab aufheben – ein schwieriger Schritt für die bald 80-jährige Mutter. Denn der Besuch auf dem Friedhof ist Teil ihres Alltags.
Annina Flaig
Diesen Frühling werden auf dem Friedhof Arbon die ältesten Kindergräber aufgehoben. (Bild: Donato Caspari)

Diesen Frühling werden auf dem Friedhof Arbon die ältesten Kindergräber aufgehoben. (Bild: Donato Caspari)

Ein Sonnenstrahl fällt auf seinen rechten Flügel. Der Engel sitzt gemütlich in den Schneerosen. Es ist einer aus Porzellan. Rosmarie* hat ihn hier platziert – auf dem Grab ihrer kleinen Tochter Maja*. Sie war vier, als sie starb. Rosmarie kommt jede Woche hierher – seit 45 Jahren. Ihre Füsse tragen sie wie automatisch ans richtige Ort. Sie weiss:

«Ab dem Kiesweg sind es zehn Schritte.»

Mit Islandmoos, Blautannen- und Eiben-Ästen kreiert sie hier stundenlang schöne Naturbilder für ihr verstorbenes Kind und zündet eine Kerze an.

Im April wird es dieses ihr so vertraute Plätzchen nicht mehr geben. Die Stadt wird die ältesten Kindergräber aufheben. Es gibt Hinterbliebene, die darum gebeten haben, weil für sie die Grabpflege zur Bürde geworden ist. «Keine Frage», sagt Rosmarie, «es ist Zeit.» Ihre Stimme versagt. Tränen zeichnen ihre feinen Falten nach. Die Mutter des verstorbenen Mädchens ist bald 80 Jahre alt. Es wird kein leichter Frühling für sie.

Die Mutter hört den Knall durch das offene Fenster

Maja stirbt an einem Mittwoch vor 45 Jahren. Rosmarie erlaubt ihr, mit dem gleichaltrigen Nachbarbub Martin* und der 7-jährigen Schwester ein Päckli zur Post zu bringen. Der Autofahrer, der die Kinder erfasst, ist angetrunken. Rosmarie hört den Knall durch das offene Fenster. Maja und Martin sind sofort tot. Die Schwester steht wie angewurzelt am Strassenrand, während Rosmarie rennt.

Jetzt sitzt sie am Stubentisch. Ihre hellblauen Augen blicken durchs Fenster in die Ferne:

«Zu akzeptieren was passiert ist, ist eine Lebensschule.»

Ihre Mitmenschen haben unterschiedlich reagiert. Einige wandten sich ab. Andere unternahmen seltsame Aufmunterungsversuche. Einmal sagte eine Mutter zu ihr: «Du bist jung. Du kannst noch viele Kinder bekommen.» Es ist einer der Sätze, die am meisten schmerzen.

Rosmarie hört keine Musik. Blumen erträgt sie in dieser Zeit genau so wenig wie ihren eigenen Namen. Dann der Schock: Sechs Monate später ist sie schwanger.

Sieben Jahre lang steht sie jeden Tag am Grab

Das Baby – es ist ein Mädchen – kommt gesund zur Welt. Doch sein kleiner Körper ist verkrampft.

«Meine Gefühle waren nicht spurlos an diesem kleinen Wesen vorbeigegangen.»

Rosmarie ist wie ein Roboter. Sie füttert ihr Baby. Sie wickelt es. «Und von Zeit zu Zeit kam mir in den Sinn, dass ich mit ihm sprechen sollte.» Doch meistens geht sie wortlos mit ihm dorthin, wo sie sich ihrer verstorbenen Tochter nahe fühlt: auf den Friedhof. Rosmarie steht jeden Tag am Grab und weint – sieben Jahre lang.

Zwei Kinder, die sich lachend umarmen

Während des Gesprächs stellt sie ein Foto mit einem hellgrauen Holzrahmen auf den Tisch. Die Aufnahme ist stark verblasst. Doch was erkennbar ist, berührt einen tief: Zwei Kinder, die sich lachend umarmen. Rosmarie erzählt gerne von Maja und Martin. Doch viele ihrer Mitmenschen haben irgendwann aufgehört, ihr zuzuhören.

Sie hegt gegen niemanden Groll, auch nicht gegen diejenigen, die sich abgewendet haben. Was ihr über all die Jahre geblieben ist, ist dieses Grab. Noch heute geht sie nie am Friedhof vorbei, ohne einen Abstecher hierher zu machen.

«Ich schaue, dass bei den Kindern ein Lichtlein brennt.»

Im Keller sind noch viele Kerzen. Sie wird ein Plätzlein finden, um sie anzuzünden, eine nach der anderen – auch wenn die Gräber nicht mehr sind.

«Da wird mir wieder jemand geschickt»

Wertvoll in Rosmaries Leben sind diejenigen, die liebe Worte und ein offenes Ohr für sie haben. «Sei es auch nur ein Telefonanruf.» Das sagt sie zehn Minuten bevor ihr Telefon klingelt und eine Stimme auf den Anrufbeantworter spricht: «Hoi Rosmarie. Ich wollte nur fragen, wie es dir geht. Ich wünsche dir einen schönen Tag.» Für sie, die durch ihr Schicksal zum Glauben gefunden hat, ist das ein Zeichen. «Da wird mir wieder jemand geschickt», sagt sie lächelnd. Es gebe wieder viel Schönes in ihrem Leben, ihre Kinder, die Enkel oder ein Stück Vermicelles-Kuchen.

In der Wohnung blühen Orchideen. Bunte Plastik-Schmetterlinge tanzen am Fenster. Und überall sind kleine Engel. Manche spielen Geige. Andere hängen mit roten Schuhen lustig an der Schranktür. Doch einer fehlt in der Reihe: Es ist derjenige, der auf Majas Grab sitzt. Wenn es aufgehoben wird, holt die Mutter ihn nach Hause.

*Namen der Redaktion bekannt

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.