Arboner Unterstufenschüler verzichten seit vier Jahren auf Hausaufgaben – die Erfahrungen sind positiv

Das Pilotprojekt des Schulhauses Stacherholz ist erfolgreich verlaufen und mittlerweile im Alltag implementiert.

Rosa Schmitz
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Aufgaben werden von Schülern ausschliesslich im Unterricht erledigt.

Aufgaben werden von Schülern ausschliesslich im Unterricht erledigt.

Bild: Gaetan Bally/Keystone

Die Unterstufe des Schulhauses Stacherholz ist Vorreiter – seit vier Jahren wird hier auf Hausaufgaben verzichtet. «Es wird natürlich niemandem zusätzliches Lernen verboten. Aber es wird auch nicht verlangt», sagt Schulleiter Marco Roduner. Der Sinn der Sache sei, dass die Schüler im Unterricht ausreichend lernen und auch angemessen auf Prüfungen vorbereitet werden. Bis zur dritten Klasse. Wenn einer eine Lernschwäche habe und zusätzliche Unterstützung benötige, werde dies von der Lehrperson initiiert.

«Unsere Erfahrung war, dass die Hausaufgaben vielfach nicht den gewünschten Effekt erfüllten», sagt Roduner. Sie sollten als Teil des Lernprozesses betrachtet werden. Aber in der Praxis wird vielfach nur eine Übung mit nach Hause gegeben. Und zwar für alle Schüler gleich, ohne Differenzierung nach ihren jeweiligen Fähigkeiten sogar als «Fertig-mach-Hausaufgaben» für schwächere Schüler.

Lehrer wollten Kinder weiterhin unterstützen

Die Initiative kam von den Unterstufenlehrerinnen. «2016 ist die Schule durch die Schliessung des Schulhauses Schöntal in eine anspruchsvolle Situation gekommen», erklärt Roduner. Die schulergänzende Betreuung habe sich in die anderen beiden Schulhäuser verschoben, was für viele Schüler zu weit entfernt gewesen sei.

«Weil besonders auch die Hausaufgabenhilfe zuvor rege besucht worden war, befürchteten wir, die Kinder mit ihren Schwierigkeiten alleine zu lassen.»

Nach längerer Überlegung und reger Diskussion, wie es weitergeht, lancierten die Lehrpersonen der Unterstufe das Projekt «ohne Hausaufgaben nach Hause». Dabei wurde in einer einjährigen Versuchsphase – während des Schuljahrs 2016/2017 – überprüft, welche Wirkung mit dem bewussten Verzicht auf Hausaufgaben in der Unterstufe erzielt werden kann.

Unterstützt wurde das Projekt von Anfang an von der Schulleitung und der Schulbehörde nach Rücksprache mit dem Schulinspektor. «Wir hatten grosse Hoffnungen für das Projekt», sagt Roduner.

Einbezug der Eltern ist zentral

Zu Recht? Die Rückmeldungen der Schüler und Lehrpersonen zeigen: Ja. Einige Eltern standen dem Projekt anfangs kritisch gegenüber. «Grossen Widerstand von Elternseite habe es aber nicht gegeben», erklärt Roduner. Dies habe sicherlich zum Erfolg des Projekts beigetragen. Der Einbezug der Eltern ist zentral, daher sei es wichtig gewesen, ihnen Einsicht zu gewähren und ihnen bei Unsicherheiten entgegenzukommen. Das Projekt wurde auch von einer Elterngruppe begleitet.

Roduner ist sich sicher, dass der Schulalltag ohne Hausaufgaben der richtige Schritt für die Unterstufe des Schulhauses Stacherholz ist. Als Grundlage für die Evaluation bei den Eltern, Schülern und Lehrpersonen dienen diverse Ziele. Zum Beispiel soll die Unterrichtszeit vermehrt für effektives Lernen genutzt werden.

Die Eltern sollen von der Hausaufgabenbetreuung entlastet werden. Die Schüler sollen im Unterricht Strategien anwenden, um das Gelernte zu vertiefen und zu festigen. Die Lehrpersonen sollen ihre Zeit und Energie vermehrt auf die Lernprozesse der Schüler richten können. Die Eltern sollen Einblick in den Unterricht erhalten. Und die Lehrpersonen sollen im Rahmen des Projektes zusammenarbeiten und ihre Praxis aufeinander abstimmen.

Widerspruch aus St.Gallen

Die positiven Bewertungen der Eltern, Schüler und Lehrpersonen des Projekts deuten darauf hin, dass das Projekt ein Erfolg ist. Widerspruch kommt aus St.Gallen. «Hausaufgaben müssen sein», ist Bernhard Hauser von der Pädagogischen Hauptschule überzeugt. Er leitet den Master für Early Childhood Studies.

«Hausaufgaben erhöhen die Übungszeit», sagte er kürzlich in einem Interview in dieser Zeitung. Dabei gehe es für Schüler weniger darum, etwas neu zu lernen, sondern darum, etwas Verstandenes gut zu speichern. Zum Beispiel durch Auswendiglernen und Repetieren. Würde man Hausaufgaben abschaffen, würden über die neun Jahre der Volksschule etwas 700 Lernzeit fehlen.

Die Einwände kennt Roduner aber und kontert: Wenn man ein Projekt wie dieses richtig angeht, erzielt man ohne Hausaufgaben ebenso gute, wenn nicht sogar bessere Lernergebnisse. Oft könnten Lehrer die Schüler so nämlich besser steuern und fördern. Als Allheilmittel will er es allerdings nicht verstanden wissen. Er betont:

«Jede Situation muss gesondert betrachtet werden. Was bei den einen klappt, muss nicht unbedingt bei den anderen gelingen. Wir haben mit dem Verzicht auf Hausaufgaben positive Erfahrungen gemacht.»
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