ARBON
«Ich selber finde die Inhalte furchtbar und abstossend»: Gefährlicher WhatsApp-Gruppenchat - Ein 34-Jähriger steht wegen Pornografie und Gewaltdarstellungen vor Gericht

Eigentlich ging es um den Verkauf von Kokain. Doch die Polizisten sind bei ihrer Hausdurchsuchung noch auf anderes gestossen: Grauslige Szenen in mehreren Handy-Videos. Die Staatsanwaltschaft Bischofszell eröffnet gleich ein weiteres Verfahren.

Tanja von Arx
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Wie kamen die Dateien aufs Handy? (Symbolbild)

Wie kamen die Dateien aufs Handy? (Symbolbild)

Christian Beutler / key

Es sind grauslige Szenen, um die es vergangenen Freitag am Bezirksgericht Arbon geht. Ein 34-jähriger Österreicher ist wegen Pornografie und Gewaltdarstellungen angeklagt, namentlich wegen Videodateien, die unter anderem Folgendes zeigen: Eine Person liegt auf dem Tisch, während eine andere versucht, ihr herausquellende Innereien zurück in den Körper zu drücken. Ein Mensch kommt mit Stromleitungen in Berührung und geht in Flammen auf. Ein kleiner Bub spielt an seinen Geschlechtsteilen herum.

Das Material gelangte im Rahmen eines Strafverfahrens betreffend den Verkauf von Kokain in den Besitz der Behörden. Die Staatsanwaltschaft Bischofszell eröffnete ein separates Verfahren. Sie fordert eine satte Geld- oder mögliche Freiheitsstrafe, einen Landesverweis für fünf Jahre und ein lebenslängliches Verbot für berufliche und ausserberufliche Tätigkeiten, die regelmässigen Kontakt zu Minderjährigen umfassen. Die Mobiltelefone, auf denen sich die Dateien befinden, sollen vernichtet werden. Der Angeklagte habe die Verfahrenskosten zu tragen.

«Es wäre schlimm, wenn ich die Schweiz verlassen müsste»

Die Richterin fragt genau und wiederholt nach. Wie kamen die Dateien jeweils aufs Handy? «Ich weiss es nicht, sie sind mir nicht aufgefallen», sagt der Angeklagte. Ebenfalls wieder und wieder. Bereits der Polizei erklärte er im Vorfeld, dass er sich nicht über den Besitz der Dateien bewusst gewesen sei. «Vermutlich handelt es sich um Videos aus einem WhatsApp-Gruppenchat.» Einem aus dem Arbeitsumfeld, so der Gleismonteur. «Ich erhielt zeitweise bis zu fünfzig Nachrichten, manchmal tippte ich auf rund 300, um den Chat als gelesen zu markieren.» Er verweist darauf, dass die Polizisten sämtliche seiner Geräte beschlagnahmt hätten, aber nur belastende Sachen auf dem Arbeitshandy gefunden haben. «Ich selber finde die Inhalte furchtbar und abstossend.» Es wäre schlimm, wenn er die Schweiz verlassen müsste.

«Ich lebe hier, habe alles hier, heute heirate ich.»

Der Verteidiger fordert einen Freispruch in allen Punkten und eine Entschädigung von 400 Franken für die U-Haft. Bei den Aussagen seines Mandanten handle es sich nicht um eine Schutzbehauptung. «Wenn er die Videos gesehen hat, wieso sollte er sie behalten?» Der Polizei unterstellte er eine sogenannte fishing expedition. «Die Beamten dürfen nicht wild durchsuchen, was sie in die Finger kriegen.» Mit falschem Übereifer hätten sie die Privatsphäre verletzt. Der Verteidiger zweifelt an, dass es sich überhaupt um strafbare Inhalte handelt. Pornografie habe keine stattgefunden, Gewalt sei nicht verherrlicht oder verharmlost worden. Im einen Video gehe es um die Notaufnahme in einem hispanischen Land, Szenen wie jene mit Innereien seien das, was die Ärzte dort ständig sähen. Beim anderen zur Hochspannungsleitung handle es sich um einen dokumentierten Arbeitsunfall. Und im einsekündigen spiele das Kind mit seinen Genitalien «wie mit einer Kinderrassel».

«Das hat nichts Aufreizendes.»

Das Gericht spricht den Mann vollumfänglich frei, allerdings weist es die Genugtuung ab, da diese in Zusammenhang mit dem Betäubungsmitteldelikt stehe. Die Anwalts- und Verfahrenskosten hat der Staat zu tragen. Die Richter begründen das Urteil damit, es sei nicht nachgewiesen, dass der Angeklagte von den Videos gewusst habe. «In dubio pro reo.» Ausserdem könne er nicht kontrollieren, was andere ihm schicken würden. «Wir glauben Ihnen.» Die Dateien habe man einmalig gefunden und er habe sie nicht weiterverbreitet. Darüber hinaus hat das Gericht bei gewissen Dateien Zweifel, ob es sich um Gewaltdarstellungen handelt. Allerdings ist es nicht der Ansicht, dass eine fishing expedition stattgefunden habe. «Die polizeiliche Durchsuchung war gerechtfertigt.»