Arbon
Er war ein schlechter Schüler, machte keine Lehre und besitzt heute trotzdem eine Goldgrube: Das ist Gionatan Capuano, der rebellische Wirt vom «Roten Kreuz»

Seine illegal erstellten Pergolen haben ihn über den Oberthurgau hinaus bekannt gemacht. Gionatan Capuano verteidigt sie bis vor Bundesgericht. Bei einem Latte Macchiato gibt er nun Privates preis.

Annina Flaig
Merken
Drucken
Teilen
Gionatan Capuano in seinem Gartenrestaurant in Arbon.

Gionatan Capuano in seinem Gartenrestaurant in Arbon.

Bild: Reto Martin (Arbon, 4. Mai 2021)

Die Vorgeschichte

  • 2017 baut Gionatan Capuano für sein Gartenrestaurant ohne Baubewilligung zwei Pergolen. Es entwickelt sich ein Rechtsstreit.
  • Am 3. Juni 2020 sprach die Stadt ein Nutzungsverbot für beide Pergolen aus.
  • Am 19. April 2021 hob die Stadt das Nutzungsverbot wieder auf mit der Begründung, dass die Gastronomie besonders stark von den Covid-Einschränkungen betroffen ist.
  • Am 3. März 2021 entschied das Verwaltungsgericht, dass beide Pergolen nicht bewilligt werden können.
  • Capuano zieht den Fall weiter ans Bundesgericht.

Zwei bis drei Millionen sind ihm zu wenig. «Ich bin kein normaler Wirt. Ich bin ein Businessman.» Das sagt Gionatan Capuano, Besitzer des «Roten Kreuzes» in Arbon. Die Millionen hatte ihm die Stadt Arbon unlängst für sein Hotel und Restaurant angeboten, wie letzte Woche bekannt geworden ist. Ziel der Stadt war es offenbar, die seit Jahren andauernden Querelen zu beenden. Der Plan läuft schief: Capuano lässt sich auf diesen Deal nicht ein.

Das Hotel Rotes Kreuz an der Hafenstrasse in Arbon.

Das Hotel Rotes Kreuz an der Hafenstrasse in Arbon.

Reto Martin (Arbon, 4. Mai 2021)

Der 50-Jährige mit der sportlichen Softshelljacke und dem manchmal spitzbübischen Lächeln wirkt jünger, als er ist. Die «Thurgauer Zeitung» empfängt er mit offenen Armen. Es gibt einen Latte macchiato und ein Gipfeli, dann erzählt er frisch von der Leber: 1,5 Millionen hat er vor 18 Jahren für das Hotel direkt am See hingeblättert. Heute sei es ein Vielfaches davon wert:

«Wir haben aus diesem Haus eine Goldgrube gemacht.»

Diese Goldgrube hat er bekanntlich überdacht, und zwar illegal. Ein Grünfink und ein Buchfink sitzen an diesem Morgen auf der grossen Metallkonstruktion. Sie schielen auf das Gipfeli der Journalistin. Ansonsten ist um 10 Uhr keiner hier. «Warten Sie ab», sagt Capuano. «Die Gäste werden kommen, und sie lieben diese Pergola.» Der Rechtsstreit inklusive die beiden Pergolen haben ihn bis heute eine Viertelmillion Franken gekostet. Doch er kämpft weiter. Ohne den Wetterschutz gehe es nicht mehr.

Die Metallkonstruktion über dem Gartenrestaurant ist seit Jahren Streitobjekt.

Die Metallkonstruktion über dem Gartenrestaurant ist seit Jahren Streitobjekt.

Reto Martin (Arbon, 4. Mai 2021)

Beim «Roten Kreuz» spielt sich eigentlich alles draussen ab: 350 Plätze hat es hier. 110 sind es drinnen. Früher sei hier immer die Hölle los gewesen, sobald es zu regnen begann.

«Es gab immer wieder Konflikte mit Gästen, wenn wir sie aus Platzgründen im strömenden Regen wegschicken mussten.»

Seit März 2017 ist es anders: Sobald es zu regnen beginnt, wirkt die Pergola wie ein Magnet: «Viele kommen zu uns und suchen hier Unterschlupf.» Das Geschäft im «Roten Kreuz» floriert. Alle 21 Hotelzimmer sind im Sommer jeweils ausgebucht. «Wir könnten locker 100 Zimmer füllen», sagt Capuano.

Blick in ein Hotelzimmer des «Roten Kreuzes» in Arbon.

Blick in ein Hotelzimmer des «Roten Kreuzes» in Arbon.

Bild: Reto Martin (Arbon, 4. Mai 2021)

Es seien seine italienischen Wurzeln, die zum Vorschein kommen, wenn er so wild gestikuliert. Seine Eltern sind vor 50 Jahren aus Süditalien in die Schweiz eingewandert. Capuano ist zusammen mit vier Geschwistern in St.Gallen aufgewachsen. Heute wohnt der Hotelier mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern (eineinhalb- und fünfjährig) in Teufen. Aus erster Ehe hat er ausserdem eine 24-jährige Tochter, wie er betont.

Der Hotelier hat auch eine Zigarrenfabrik

Das «Rote Kreuz» ist ein Familienbetrieb, seine Eltern und sein Bruder sind Aktionäre der Innoxent AG, die das Hotel betreibt. Capuano hat aber noch andere Firmen gegründet, die parallel laufen und in verschiedenen Branchen tätig sind. So ist er auch in das Geschäft seines älteren Bruders in Costa Rica involviert, der dort die Zigarren «Brun del Ré» produziert, welche im «Roten Kreuz» zum Verkauf aufliegen.

Im Winterhalbjahr, wenn das Hotel am See geschlossen ist, beschäftigt er einige seiner Mitarbeiter in der Capuano GmbH weiter. Der Wirt und sein Servicepersonal werden dann zu Handwerkern. Er erzählt mit einem Lachen:

«Ich schlage gerne mit dem Pickel Wände ein.»

Mit der Firma kauft er in der Region Liegenschaften, die er nach abgeschlossenen Umbau- und Renovationsarbeiten wieder verkauft.

«Besser spät als nie», sagt er, als einer seiner Angestellten der Journalistin ein Sitzkissen bringt. Gegen Mittag beginnt sich das Restaurant rapide zu füllen: Da sitzen Grosseltern aus Kradolf, die mit ihrem Enkel nebenan auf dem grossen Spielplatz waren, zwei Velotouristen aus Zug, die ein paar Tage Ferien am Bodensee machen und ein Paar aus dem Zürcher Oberland, das sich einen Wellnesstag im Bad Horn gönnt. Ihnen gefallen die Pergolen. Und vor allem freuen sie sich auf einen feinen Zmittag draussen am See.

Ein Gast schreit ihn verärgert an

Fische sind die Spezialität des Hauses. «Der Felchen läuft gut», sagt Capuano. Wenn Personal ausfällt oder viel Betrieb herrscht, packt er im Restaurant an vorderster Front mit an. Er serviert Kaffee, Mittagessen, hilft in der Küche aus und räumt die leeren Teller ab. Dabei wurde er auch schon aufs Primitivste beschimpft, wie er sagt, weil er einem Gast versehentlich Kaffee auf die Hose schüttete. Als die Frau ihn anschrie, sie wolle den Chef sprechen, sagte er bloss: «Voilà der Chef bin ich, gnädige Frau.»

Gionatan Capuano, Wirt des «Roten Kreuzes» in Arbon.

Gionatan Capuano, Wirt des «Roten Kreuzes» in Arbon.

Reto Martin

Der Gang vor Bundesgericht erhält in seinem bewegten Leben kein ausserordentliches Gewicht. Immerhin hat er dort in anderen Angelegenheiten während seiner früheren Stationen als Pächter im Seerestaurant Rorschach und Betreiber der ehemaligen Diskothek im Fussballstadion des FC St.Gallen schon in drei Streitfällen gewonnen.

Er habe gelernt, sich durchzuboxen, auch wenn die Voraussetzungen oft nicht gerade rosig waren:

«Ich war ein ganz schlechter Schüler und weigerte mich als einziger in der Klasse, eine Berufslehre zu machen.»

Sein Oberstufenlehrer sagte damals zu ihm: «Aus dir wird nie etwas werden.» Ähnlich schlecht war die Prognose eines Arztes, der ihm, als er knapp 14 Jahre alt war, nach einem schweren Autounfall im Spital prophezeite, dass er vermutlich nie wieder werde gehen können. In die Details gehen mag er nicht. Doch angeblich hat er schon als 22-Jähriger als Zigarettenverkäufer bei Philip Morris in Kloten eine gute Stange Geld verdient. Ein Jahr später startete er als Pächter im Landhaus Gossau seine Gastronomiekarriere. Heute steht Capuano mit beiden Beinen im Leben und es klingt fast triumphierend, wenn er sagt: «Ich habe meinen eigenen Weg gefunden, um erfolgreich zu sein.»