Amriswiler Cupmärchen ohne Happy End – und Aarauer Anhänger prügeln sich mit St. Gallern

Zu Beginn machte das Gerücht einer Schlägerei zwischen Aarauern und St. Gallern die Runde im Tellenfeld. Je länger jedoch das Spiel dauerte, desto wichtiger wurde das Sportliche. Zwei Minuten fehlten dem FC Amriswil schliesslich zur Sensation.

Manuel Nagel
Drucken
Teilen
Die Spieler des FC Amriswil schwören sich vor der Verlängerung aufeinander ein. Noch liegt alles drin in diesem Cupspiel. (Bilder: Manuel Nagel)

Die Spieler des FC Amriswil schwören sich vor der Verlängerung aufeinander ein. Noch liegt alles drin in diesem Cupspiel. (Bilder: Manuel Nagel)

Es war das beherrschende Thema auf dem Tellenfeld, noch bevor das Cupspiel zwischen Amriswil und Aarau überhaupt angepfiffen wurde. «Häsch ghört...» wurde gleich dutzendfach getuschelt, so dass bald jeder der 635 Zuschauer Bescheid wusste – nämlich, dass sich Aarauer und St. Galler Anhänger geprügelt hätten.

Die Aarauer sollen zuvor beim Eishockey Bodensee-Cup in Kreuzlingen gewesen sein, und auf dem Weg nach Amriswil sei dann in Kesswil die Notbremse gezogen worden. «Wahrscheinlich waren das St. Galler», mutmasste ein Zuschauer, der ebenfalls in diesem Zug gewesen war. Das Ganze habe nach einer geplanten Aktion ausgesehen, denn Vermummte seien mit Schlagstöcken bewaffnet in den Zug gestürmt und hätten die Aarauer angegriffen, erzählte er.

Als die Polizei eintraf, war alles schon vorbei

Ob es sich wirklich so abspielte, weiss Daniel Meili von der Kapo-Medienstelle nicht, bestätigt aber das Scharmützel. Nur wenige Minuten habe alles gedauert. Die Polizei sei zwar sehr schnell eingetroffen, aber da sei schon alles vorbei gewesen und der Zug mit den Aarauern weiter gefahren.

Aaraus Miguel Peralta tritt einen Freistoss.Im Hintergrund unterstützen die rund 50 mitgereisten Aarauer Fans ihre Mannschaft.

Aaraus Miguel Peralta tritt einen Freistoss.
Im Hintergrund unterstützen die rund 50 mitgereisten Aarauer Fans ihre Mannschaft.

Doch während des Spiels und auch danach blieb alles ruhig. Die Aarau-Fans postierten sich nicht wie geplant hinter dem Tor, sondern liessen ihre Fahnen beim schattigen Wiesenbord gegenüber vom Clubhaus wehen. Amriswils Präsident David Hungerbühler war im Austausch mit den Gästefans und zog nach dem Spiel ein positives Fazit von deren Verhalten. «Es gab überhaupt keine Probleme», konstatierte er.

Keine Probleme schien auch der FC Aarau mit dem Unterklassigen zu bekunden. Das Duell David gegen Goliath nahm nach 20 Minuten den erwarteten Lauf, als Mickael Almeida, die portugiesische Leihgabe des FC Sion das 1:0 für sein Team schoss. «Aber dann haben die aufgehört Fussball zu spielen», wunderte sich Hungerbühler über den schwachen Auftritt des Challenge-League-Vereins, der nach vier Niederlagen in ebenso vielen Meisterschaftsspielen katastrophal in die Saison gestartet und momentan völlig verunsichert und von der Rolle ist.

Amriswils Mischa Schoch setzt sich gegen den Aarauer Gezim Pepsi durch.

Amriswils Mischa Schoch setzt sich gegen den Aarauer Gezim Pepsi durch.

Dabei liefen mit Schindelholz, Frontino, Schneuwly und dem montenegrinischen Natispieler Zverotic zahlreiche Routiniers für den FC Aarau auf dem Tellenfeld auf. Starstürmer Schneuwly humpelte jedoch nach 45 Minuten verletzt vom Platz. «Jetzt steigen unsere Chancen», meinte ein Amriswiler Fan. «Zweckoptimismus», dachten wohl die anderen Zuschauer um ihn herum. Doch je länger der Match dauerte – und vielleicht auch je mehr Bier konsumiert wurde – hörte man erst zaghaft, dann immer lauter ein «Hopp Amriswil» auf dem Tellenfeld.

Innert Sekunden vom Helden zum Löli

Alfred Schmid (sitzend) und Roger Geissberger.

Alfred Schmid (sitzend) und Roger Geissberger.

«Dra glaube», schrie auch Assistenztrainer Asmer Smajovic unentwegt aufs Feld, während zwei ältere Herren ganz hinten am Zaun kaum glauben konnten, was hier vor sich geht. Es waren Aaraus Präsident Alfred Schmid und sein Vize Roger Geissberger, zugleich Leiter des Ressort Sport bei der FC Aarau AG.
Entgegen der Zuschauer um sie herum hofften die beiden starken Männer des FC Aarau, ihre Mannschaft würde den knappen Vorsprung über die Zeit retten.

Doch sechs Minuten vor dem vermeintlichen Spielende brandete Jubel auf. «Penalty» hallte es aus vielen Kehlen. Stürmer Fabio Moser wurde vom Aarauer Giger im Strafraum gefoult, und Schiedsrichter Ovcharov zeigte zum Entsetzen von Schmid und Geissberger auf den Punkt. Die Anspannung auf den Rängen war riesig, als Kevin Bärlocher anlief – und den Ball im Tor versenkte.

Schiedsrichter Ovcharov zeigt Kevin Bärlocher Gelb-Rot.

Schiedsrichter Ovcharov zeigt Kevin Bärlocher Gelb-Rot.

In der Euphorie zog er sein Trikot aus, was ihm Gelb einbrachte. Doch weil Bärlocher nur acht Minuten zuvor für ein Foulspiel ebenfalls verwarnt wurde, flog er jetzt vom Platz. «Isch das en Löli» war noch eine der netteren Bezeichnungen, mit denen der Torschütze bedacht wurde. Viele schüttelten ob dessen Aktion nur ungläubig den Kopf.

Den Aarauern schien der Sieg irgendwie peinlich

Es war natürlich ein Bärendienst, den Bärlocher seinem Team erwies. Alles Flehen und Bitten beim Schiedsrichter nützte logischerweise nichts. Bärlocher schlich wie ein geprügelter Hund vom Platz und er wäre wohl am liebsten in einem der vielen Löcher auf dem Rasen versunken.

Ganze 30 Minuten mussten nun seine Kollegen in der Verlängerung das 1:1 verteidigen. Doch zwei Minuten vor dem finalen Penaltyschiessen kullerte ein Ball von Captain Frontino ins Tor von Mirzo Mirseloski, der zuvor sensationelle Paraden ausgepackt hatte. Gross der Schock unter den Zuschauern – und dem Aarauer Führungsduo war das 2:1 irgendwie peinlich, so schien es.

Assistenztrainer Asmer Smajovic und FCA-Präsident David Hungerbühler.

Assistenztrainer Asmer Smajovic und FCA-Präsident David Hungerbühler.

«Den Jungs hätte ich ein Weiterkommen gegönnt», sagte ein stolzer David Hungerbühler, der insgeheim schon mit der nächsten Cuprunde und einem Club aus der höchsten Liga liebäugelte. Vielleicht sei es aber auch gut so, meinte er. Man wisse ja nicht, wie die Aarauer Fans bei einer Niederlage reagiert hätten.