Amriswil
Zoff um Land für den Tempel der Weisheit: Als Amriswil dringend ein neues Schulhaus benötigte, war die Zeit reif für eine Retourkutsche

Vor einem Vierteljahrhundert weihte Amriswil das Schulhaus Oberfeld ein. Doch im Vorfeld wurde noch eine alte Rechnung beglichen.

Manuel Nagel
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Walter «Hasli» Haas erzählt an der 25-Jahr-Feier Anekdoten zum Bau des Schulhauses.

Walter «Hasli» Haas erzählt an der 25-Jahr-Feier Anekdoten zum Bau des Schulhauses.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 1. Oktober 2021)

«Amriswil wusste nicht mehr, wie die Kinder beschult werden sollen», erzählt Konrad Bühler. Er blickt zurück auf die 90er-Jahre, als sein Namensvetter Ernst Bühler noch Gemeindeammann war und Amriswil ein gewaltiges Wachstum erfuhr.

Konrad Bühler, Schulleiter des Schulhauses Oberfeld.

Konrad Bühler, Schulleiter des Schulhauses Oberfeld.

Bild: Manuel Nagel (1. Oktober 2021)
«Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler wuchs innert weniger Jahre um die Hälfte – von 650 auf über 1000.»

Das sagt Bühler zum kleinen Kreis der Anwesenden, die kurz vor Beginn der Herbstferien das 25-Jahr-Jubiläum des Schulhauses Oberfeld begehen.

Damals, im Oktober 1996, war Ernst Bühlers Nachfolger Peter Kummer noch Primarschulpräsident. «Und ich war immer sein Vize», sagt Walter «Hasli» Haas. Ausserdem nahm das Amriswiler Dorforiginal in der Baukommission Einsitz und weiss deshalb viele Anekdoten zu erzählen, wie es überhaupt zum Bau des «Oberfeld» kam und welche Schwierigkeiten es dabei gegeben hatte.

«Es ist so weit», sprach damals Peter Kummer, der vor genau vier Jahren verstarb, bei der Eröffnungsfeier. «Lieber Peter», sagt Haas nach oben blickend, «du hast ein Wörtchen vergessen. Endlich ist es so weit.»

Überall errichtet die Schule Baracken und Provisorien

Und Walter Haas blickt zurück: «Wir waren überrumpelt. Wir errichteten Baracken und andere Provisorien, die Primarschulen waren überall verteilt.» Also entschied die Schulbehörde, dass dringend Schulraum geschaffen werden müsse. In Mühlebach wurden 1989 drei Zimmer angebaut. Haas erzählt:

«Wir brauchten aber nicht drei, sondern 14 neue Zimmer.»

Hemmerswil erhielt auch drei neue Zimmer, aber das reichte bei weitem nicht. Der Behörde sei klar gewesen, dass es auf der Achse Hemmerswil–Mühlebach ein weiteres Schulhaus brauche, wohin man auch die Kinder vom Zentrum unterbringen konnte. Denn man sah im Gestaltungsplan, wo es noch Bauland gab.

So lag es auf der Hand, dass die zwei freien Landparzellen an der St.Gallerstrasse ins Auge gefasst wurden. Eine auf der Seite des Schwimmbades, die andere auf der Seite des Friedhofs, die der Familie Hess gehörte. Die Mehrheit habe gefunden, das Land des Textilunternehmers wäre ideal und sei voller Zuversicht gewesen – und wollte mit diesem Standortvorschlag vors Volk. Doch Walter Haas war weniger euphorisch als der Rest:

«Passt auf, ihr müsst die Geschichte Amriswils beachten.»

So warnte Haas vor rund 30 Jahren. Er rief in Erinnerung, dass einst die Amriswiler Textilindustrie in ihrer Blütezeit den Bauern deren Boden für wenig Geld abgekauft habe. Und Haas sollte recht behalten. Die Abstimmung kam vors Volk – und ging bachab. Die alten Amriswiler hätten das im Hinterkopf gehabt, davon ist Haas überzeugt, und hätten die Chance zur Retourkutsche genutzt. «Gespräche mit Alteingesessenen nach der Abstimmung haben dies bestätigt», erzählt der im Dorf bestens vernetzte Haas. Und so blieb nur noch das Land der Gemeinde auf der anderen Seite übrig. Dieser Vorlage stimmte das Volk dann zu.

Die Schulanlage Oberfeld liegt eingebettet zwischen dem städtischen Werkhof (im Vordergrund) und dem Schwimmbad.

Die Schulanlage Oberfeld liegt eingebettet zwischen dem städtischen Werkhof (im Vordergrund) und dem Schwimmbad.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 2. Juli 2020)

Man sei nun vor so einem Riesenprojekt gestanden, so Haas, und nach mehr als 25 Jahren könne er nun zugeben, dass er «von Tuten und Blasen keine Ahnung» gehabt habe. «Doch ein Mann hat es verstanden, uns Laien das alles zu erklären. Das war der Gundlach Senior, Vater eines der siegreichen Architekten Gundlach und Grandits.»

Hallenbad statt Turnhalle

Als dann im alten Schulbüro an der Tellstrasse ein erstes Modell der Anlage stand, habe er, Haas, gesagt: «Herr Gundlach, was sollen denn die Säulen vor dem Schulhaus? Goht’s no? Das sieht ja aus wie ein Tempel.» Da habe Vater Gundlach geantwortet:

«Sie haben recht, Herr Haas. Das ist der Tempel der Weisheit.»

Doch es gab Schwierigkeiten mit der Geologie. Genauer gesagt mit dem Hangwasser, welches hinunterdrückt. «Dass es so schlimm sein würde, dachten wir nicht», erzählt Haas. Wenn jeweils die Baukommission sich getroffen habe, habe Peter Kummer gesagt: «Vergesst die Stiefel nicht!» Beim tiefsten Ort der Baustelle habe sich das Wasser gesammelt – und das war bei der Turnhalle. Böse Mäuler im Dorf hätten damals gesagt, man würde auch besser ein Hallenbad anstelle der Dreifachturnhalle bauen. «Und ein Hallenbad war ja wirklich einmal vorgesehen an dem Ort», erzählt Haas und sagt, er blicke heute mit Stolz zurück, «aber das Schulhaus lebt nicht vom Bau alleine, sondern von den Kindern darin».

Mit dem Neubau ist auch das immer noch aktuelle Hauswartteam mit Helen und Hans-Peter Bössow sowie Bea Stäheli ins Schulhaus Oberfeld eingezogen.

Mit dem Neubau ist auch das immer noch aktuelle Hauswartteam mit Helen und Hans-Peter Bössow sowie Bea Stäheli ins Schulhaus Oberfeld eingezogen.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 1. Oktober 2021)

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