Amriswil
In absehbarer Zukunft schweigen die Glocken des höchsten Kirchturms im Thurgau

Weil in der reformierten Kirche Amriswil die Steuerung des Geläuts ersetzt werden muss, wird es für eine gewisse Zeit leiser werden im Stadtzentrum.

Manuel Nagel
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Mesmerin Eliane Grossen betrachtet den Mechanismus des Glockengeläuts. Dieses löst sie teilweise auch manuell aus.

Mesmerin Eliane Grossen betrachtet den Mechanismus des Glockengeläuts. Dieses löst sie teilweise auch manuell aus.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 16. Februar 2021)

Er ist der höchste Kirchturm im Kanton. Rund 75 Meter ragt die reformierte Kirche in den Himmel. Ein Brand im Glockenturm wäre für die Feuerwehr eine grosse Herausforderung. Otto Seger, Vizepräsident von Evangelisch Amriswil-Sommeri und in der Kirchenvorsteherschaft zuständig für die Liegenschaften, war selbst Feuerwehrmann und erinnert sich: «Selbst bei guter Positionierung des Fahrzeugs kamen wir knapp unter die Schallläden.» Das Brandrisiko soll nun minimiert werden. Die Elektroinstallation von Uhr und Glocken ist in Holzkästen aus Holz und könnte einen Schwellbrand verursachen. Sie soll revidiert werden. Im Budget für das aktuelle Jahr (siehe Kasten) veranschlagt die Kirchgemeinde 72'500 Franken. 67'500 Franken entfallen dabei auf den Ersatz der Glockenautomation sowie auf die Elektroinstallation, und weitere 5000 Franken fliessen in bauliche Massnahmen im Zusammenhang damit.

82'027 Franken Minus

An der Urnenabstimmung vom 7. März stimmt Evangelisch Amriswil-Sommeri nicht nur darüber ab, ob es die Parzelle 242 mit dem Radolfzeller Park und dem Spoerlé-Brunnen der Stadt verkaufen will, es befindet auch über das Budget 2021. Die Evangelische Kirchgemeinde rechnet mit einem Minus von 82'027 Franken bei gleichbleibenden Steuerfuss von 22 Prozent.

Das Budget 2021 sowie das Protokoll der Kirchgemeindeversammlung vom 20. Februar 2020 können auf der Website der Evangelischen Kirchgemeinde Amriswil-Sommeri heruntergeladen werden. (man)

Für das kommende Jahr werden dann nochmals etwas mehr als 100'000 Franken budgetiert, sodass die gesamte Revision auf rund 200'000 Franken zu stehen kommt.

Rund 20 Tonnen wirken unkontrolliert auf den Turm

Ein teurer Spass. Das wäre es, wenn es nur darum ginge, Holzkästen zu ersetzen. Dies ist jedoch nur ein willkommener Nebeneffekt. Tatsächlich geht es auch um die «Verlängerung der Lebensdauer der Kirche», wie es in der Abstimmungsbotschaft steht. Otto Seger erklärt diesen Zusammenhang wie folgt:

«Läuten unsere Kirchenglocken, so wirken gewaltige Kräfte auf den Turm und das Gebäude ein, denn das Gewicht der fünf Glocken und des Glockenstuhls beträgt mehr als 20 Tonnen.»

Dass dabei die Glocken unkontrolliert schwingen würden, komme erschwerend noch hinzu.

Die grösste der fünf Glocken der evangelischen Kirche Amriswil wiegt 4992 Kilogramm und hat einen Durchmesser von 194 Zentimetern. Im Hintergrund erkennt man die Schallläden des Glockenturms.

Die grösste der fünf Glocken der evangelischen Kirche Amriswil wiegt 4992 Kilogramm und hat einen Durchmesser von 194 Zentimetern. Im Hintergrund erkennt man die Schallläden des Glockenturms.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 16. Februar 2021)

In Zukunft werden die Glocken beim Geläut durch einen Motor angetrieben, der mittels Winkelmessung den Schwung der Glocken genau steuert. Das hat – nebst kleinerer Kräfte, die auf das Gebäude wirken – auch den Vorteil, dass der Klang harmonischer werde, sagt Mesmerin Eliane Grossen, Herrin über die Glocken der reformierten Kirche. Sie schaltet das Geläut, etwa bei Abdankungen, manuell ein. Die Stundenschläge alle 15 Minuten werden hingegen automatisch ausgelöst.

Wartungskosten sollen deutlich reduziert werden

Diese Anlage aus den 1960er-Jahren ist jedoch auch schon in die Jahre gekommen und entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen. Mit der Generalrevision der Mechanik, die jeweils nach etwa einem halben Jahrhundert erfolgen sollte, soll zudem auch der Wartungsaufwand deutlich reduziert werden können, erhofft sich Otto Seger.

Wann die Arbeiten beginnen und wann somit die Glocken schweigen, steht noch nicht fest. Otto Seger sagt:

Otto SegerVizepräsident Kirchgemeinde Amriswil-Sommeri

Otto Seger
Vizepräsident Kirchgemeinde Amriswil-Sommeri

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 16. Februar 2021)
«Der Auftrag an die Glockenfirma ist noch nicht erteilt.»

Zuerst brauche es die Zustimmung für das Budget 2021 durch die Kirchbürgerinnen und Kirchbürger. Die Revision des Glockenstuhls und das ersetzen der Klöppel durch wesentlich leichtere und somit die Glocken schonendere erfolgt dann erst im kommenden Jahr.

Obwohl für einige Monate die Amriswiler Reformierten auf die Zeitschläge verzichten müssen, so soll es doch nicht ganz still werden. Hochzeiten oder Abdankungen könnten weiterhin eingeläutet werden, da nicht alle Glocken gleichzeitig revidiert würden, gibt Mesmerin Eliane Grossen Entwarnung.