Amriswil
«Hoffentlich nur ein Bubenstreich»: Unbekannte schneiden Hirschgehege eines Amriswiler Landwirts auf – 40 Tiere fliehen, eines stirbt

Die halbe Herde entkam durch das aufgeschnittene Schlupfloch in der Umzäunung. Landwirt Martin Klingler konnte mit Hilfe von Polizei und Nachbarn die Tiere wieder ins Gehege treiben – eine gefährliche Situation.

Diego Müggler
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Teilzeit-Landwirt Martin Klingler im Damhirsch-Gehege, welches Unbekannte mutmasslich zerstörten.

Teilzeit-Landwirt Martin Klingler im Damhirsch-Gehege, welches Unbekannte mutmasslich zerstörten.

Bild: Ralph Ribi

Ein gerader Schnitt durch die Drahtmaschen. Von oben bis unten. Der Zaun links und rechts nach vorne gedrückt. So sah am 26. Mai das Loch im Damhirsch-Gehege von Martin Klingler in Biessenhofen bei Amriswil aus. Offensichtlich von Unbekannten in der Nacht zerschnitten.

So sah der Zaun nach der Tat aus.

So sah der Zaun nach der Tat aus.

Bild: PD

Etwa die Hälfte der 84 Tiere nutzten das Schlupfloch, um auf die nebenan liegende Wiese zu fliehen. Dort entdeckten sie Bekannte, auch die Polizei wurde schon informiert. Nach einem mehrstündigen Einsatz von Polizei, Nachbarsfamilie und Martin und Ruth Klingler waren alle Hirsche wieder im Gehege drin, ausser einem. Dieser kehrte nach zwei Tagen von selbst zurück. Doch zu früh gefreut: Er sei seit seiner Rückkehr sehr panisch gewesen, sagt Klingler.

«Der Hirsch ist frontal in einen Zaunpfosten gerannt.»

Dabei brach er sich das Genick und starb.

Mit blauem Auge davon gekommen

Trotzdem habe er sehr viel Glück im Unglück gehabt, sagt Klingler. Denn Damhirsche sind ängstliche Fluchttiere und dadurch ausserordentlich schwierig, in eine gezielte Richtung zu treiben. Falls die Hirsche nicht innerhalb von Tagesfrist wieder im Gehege gewesen wären, so Klingler, «hätte ich die Jäger anweisen müssen, die Tiere zu schiessen».

Was das für den Familienbetrieb geheissen hätte, will sich der Teilzeit-Landwirt nicht ausmalen. Doch noch viel schlimmer wäre ein solcher Vorfall ein paar Wochen später gewesen, sagt Klingler. Denn in wenigen Tagen werden die jungen Hirsche auf die Welt kommen. Dazu sagt der Thurgauer:

«Wären die Baby Hirsche ausgebrochen, hätten wir kaum eine Chance gehabt, diese wieder einzufangen.»

Diese seien bereits sehr schnell und flink, aber im hohen Gras kaum zu entdecken. Nur mit Drohnen und Dutzenden Stunden Arbeit hätte ein Teil der Jungen eingefangen werden können.

Die Damhirsche sind schnell und flink. Das gilt bereits für die Jungen.

Die Damhirsche sind schnell und flink. Das gilt bereits für die Jungen.

Bild: Ralph Ribi

Anzeige wird wohl im Sand verlaufen

Weiter hatte Klingler Glück, dass die entlaufenen Hirsche keinen Drittschaden verursachten. Gerade ein Autounfall auf der 50 Meter entfernten Hauptstrasse hätte folgenschwer enden können.

Wenn er sich diese möglichen Auswirkungen für Mensch und Tier vor Augen führe, sagt der hauptberufliche Lastwagenfahrer, «schockiert es mich, dass Menschen so etwas anrichten.»

Den Sachschaden schätzt Klingler nun auf 2700 Franken. Dieser wird ihm aber nicht durch eine Versicherung ersetzt. Zudem hat der 55-Jährige eine Anzeige gegen unbekannt eingereicht. Aber weder die Polizei noch er glauben daran, dass die Täter ermittelt werden. Denn Spuren, Zeugen oder andere Hinweise gibt es keine. Klingler sagt:

«Es könnte jede und jeder gewesen sein. In der Nacht bleibt man am Tatort unentdeckt.»

«Hoffentlich nur ein Bubenstreich»

Ein mögliches Motiv für die Tat kann sich Klingler kaum vorstellen. Persönlich habe er mit niemandem ein schwerwiegendes Problem. Das Einzige, was ihm in den Sinn kommt, wären extreme Tierschützer, die ein falsches Verständnis von Tierschutz haben:

«Viele Tiere haben sich beim Entkommen am aufgeschnittenen Draht verletzt.»

Zudem wären Auswilderungen von Damhirschen in der Schweiz gar nicht möglich, da Damhirsche nicht einheimisch sind und somit nach spätestens zehn Tagen in freier Wildbahn geschossen werden müssen.

Damhirsche kommen aus Klein- und Vorderasien und sind somit nicht heimisch.

Damhirsche kommen aus Klein- und Vorderasien und sind somit nicht heimisch.

Bild: Ralph Ribi

Klingler hofft aber, dass sich auch dieses Tatmotiv nicht bestätigt. «Am liebsten wäre mir, wenn es ein einfacher Bubenstreich gewesen wäre.» Die Täter würden hoffentlich einsehen, dass diese Aktion zu weit ging und in Zukunft Harmloseres machen, sagt Klingler.