Amriswil

Gabriel Macedo hat sich während Corona eine dickere Haut zugelegt und sagt: «Die Kritik hat mich nicht überrascht»

Stadtpräsident Gabriel Macedo blickt im Jahresendgespräch mit der «Thurgauer Zeitung» zurück auf das Jahr 2020 in Amriswil und verrät, was ihm in der Coronazeit besonders naheging.

Manuel Nagel
Drucken
Teilen
Stadtpräsident Gabriel Macedo steht vor seinem Arbeitsplatz, dem Amriswiler Stadthaus.

Stadtpräsident Gabriel Macedo steht vor seinem Arbeitsplatz, dem Amriswiler Stadthaus.

Bild: Reto Martin

Sie sind ziemlich aktiv auf Social Media. Zuletzt konnte man sehen, dass Sie im Engadin waren. Wie wichtig war dieser Tapetenwechsel?

Sich eine Auszeit zu gönnen, ist immer wichtig, auch wenn es nur zwei, drei Tage sind, um den Kopf durchzulüften und all die Informationen setzen zu lassen. Ich bin an vielen Orten, vieles kommt zusammen und ich muss den Kopf bei der Sache haben. Ich schätze das, wenn ich an einem Wochenende einfach einmal eine Pause machen kann. Und wenn ich an einen unbekannten Ort gehe, dann nehme ich die Umgebung ganz anders wahr.

Eine Umgebung, die Sie gut kennen, ist Portugal. Ein Teil Ihrer Familie lebt dort. Das Land kam kurz vor den Weihnachtsferien weg von der Quarantäneliste. Ist nun ein Kurztrip dorthin geplant?

Ich war schon fast eineinhalb Jahre nicht mehr dort, aber es war und ist nichts geplant. Im Juni wollte ich allerdings nach London. Auch dort habe ich Familienmitglieder. Aber auch das musste ich wegen Corona auf unbestimmte Zeit verschieben.

Corona hat 2020 bestimmt. Der Stadtrat hat gleich zu Beginn der Krise spontan den Mietern der städtischen Liegenschaften den Mietzins gestundet. Dafür gab es auch Kritik. Wurden Sie überrascht von diesen negativen Reaktionen?

Ich war mir bewusst, dass es keinen Entscheid gibt, bei dem alle sagen, «das habt ihr super gemacht». Auch innerhalb der Behörde gibt es immer Diskussionen. Das ist wichtig und richtig und die Stärke unseres politischen Systems. Es kam für mich deshalb nicht überraschend.

Haben Sie sich in den eineinhalb Jahren im Amt eine dickere Haut zugelegt?

Ich wusste von Beginn weg, dass ich die brauche, hatte aber auch schon einiges im Rucksack. Doch gerade diese Coronazeit liess mich immer wieder spüren, dass Entscheide oder Meinungen nicht immer akzeptiert werden. Ich habe in den letzten neun ­Monaten sicher noch besser gelernt, damit umzugehen.

Wobei in dieser Zeit Bund und Kanton viele Entscheidungen abnahmen.

Ich sah die Rolle der Stadt von Anfang an, dass sie informieren sowie Vertrauen und somit ein Sicherheitsgefühl schaffen soll. Um den Leuten zu zeigen: «Wir sind hier. Kommt zu uns, wenn ihr etwas braucht.» Als ein Bindeglied zwischen Gesellschaft und Wirtschaft und denjenigen, die über uns entschieden haben.

Bevor für die Restaurants der zweite Lockdown kam, stand die Winterstube auf dem Marktplatz. Es gab Kritik, wieso gerade jetzt und wieso kein einheimischer Betreiber, sondern ein Unternehmen aus Langrickenbach.

Bevor wir die Bewilligung gesprochen haben, suchten wir das Gespräch mit den umliegenden Restaurationsbetrieben. Von allen kam die Rückmeldung, dass sie durch Veranstaltungen auf dem Marktplatz wie «Amriswil on Ice» oder eben die Winterstube nicht beeinträchtigt würden. Natürlich haben die Amriswiler Betriebe für uns Priorität, aber die Wirtschaft hört nicht an der Gemeindegrenze auf.

Auf dem Marktplatz fand auch einer von nur fünf Weihnachtsmärkten in der ganzen Ostschweiz statt.

Mir kommt auch noch die Kulturnacht in den Sinn. Das war ein grosses Ding, jedoch dezentral und man lief durch die ganze Stadt zu den einzelnen kulturellen Highlights. Zudem hatten wir Wetterglück, die Schutzkonzepte funktionierten und die Leute hielten sich daran. Dasselbe gilt eigentlich auch für den Weihnachtsmarkt. Die Platzverhältnisse waren grosszügig. Ich bekam nach beiden Events viele Rückmeldungen, es sei schön, ist nicht alles abgesagt worden.

Mit dem Radolfzeller Park bekommt die Stadt einen weiteren Ort, wo in Zukunft Märkte möglich sind. Wird er zur Konkurrenz für den Amriswiler Marktplatz?

Die Qualität des Raumes wird beim Radolfzeller Park eine andere sein, da er nicht an der Hauptstrasse, sondern zwischen den beiden Achsen Kirch- und Bahnhofstrasse liegt. Deshalb bekommt er eine wichtige Rolle, mit welcher der Marktplatz nicht überall wird mithalten können. Dieser aber bleibt für uns ein ganz wichtiger Ort in der Stadt, als historisches Zentrum. Aber wir brauchen eine Vision für ihn.

Gab es in diesem Coronajahr auch Projekte, die nicht realisiert werden konnten?

Beim Lockdown im Frühling gab es gewisse Verzögerungen. Aber in der zweiten Jahreshälfte konnten wir vieles aufholen. So eine Denkpause tut manchmal auch sehr gut. Wir sind an drei grossen Infrastrukturprojekten dran: Das sind der Neubau des Werkhofs, über den wir im Juli 2021 abstimmen werden, der Bau weiterer Alterswohnungen, da gehen wir voraussichtlich Ende 2021 mit dem Projekt an die Urne, und der Neubau eines Bushofs zusammen mit der Neugestaltung des Bahnhofplatzes. Dort rechnen wir 2022 oder 2023 mit einer Abstimmung.

In diesem Jahr wurden auch Projekte zu Ende gebracht, etwa die Stadthauserweiterung oder die Sanierung der Sporthalle Tellenfeld.

Hinzu kam noch die Sanierung der Flurstrassen. Das war ein grosser Lupf, um alles zu koordinieren, zu planen und umzusetzen. Das alles hat sehr gut funktioniert in einem schwierigen Jahr. Aber, was gefehlt hat, ist die Partizipation der Bevölkerung. Wir hätten gerne den Amriswilern gezeigt, was umgesetzt wurde mit ihrem Steuergeld. Doch sowohl die Besichtigung des Stadthauses wie auch das Einweihungsfest der Sporthalle Tellenfeld fiel ins Wasser.

Wie auch Ihr Stadtgespräch.

Das wollte ich zu meinem und auch zum Schutz des Gegenübers nicht verantworten. Sobald es aber wieder möglich ist, werden die Stadtgespräche mit der Bevölkerung fortgeführt.

Diese Bevölkerung zählt nun mehr als 14000 Einwohner. Ist das nur eine Zahl, oder was bedeutet das für Sie?

Es ist ein positives Signal. Es wurde in vergangener Zeit viel gebaut in Amriswil – und nun werden viele dieser Wohnungen auch besetzt. Das zeigt, hier wohnt man gerne. Wir haben attraktive Arbeitsplätze, gute Einkaufsmöglichkeiten, ein breites Vereinsangebot und viel Grünraum rund um uns herum.

Bevölkerungswachstum, das bedeutet ja nicht immer auch eine Erhöhung der Steuerkraft, gerade in einer Stadt mit Zentrumsfunktion.

Ein Vergleich mit kleineren oder mittleren Gemeinden ist wegen dieser Zentrumslast schwierig. Vergleichen wir uns mit den anderen Städten im Thurgau, die eine ähnliche Steuerkraft haben, so stehen wir gut da. Wir näherten uns die letzten Jahre stets dem kantonalen Durchschnitt an. Das spricht für die Arbeit meiner Vorgänger. Und das ist eine positive Entwicklung, weil es auch Zeichen für ein qualitätsvolles Wachstum der Bevölkerung ist. Das ist wichtig für eine Stadt. Die Kunst ist aber auch, möglichst haushälterisch mit den zu Verfügung stehenden Mitteln umzugehen – und das haben wir bisher geschafft.

Was bleibt Ihnen vom Jahr 2020 in Erinnerung?

Wie man in Amriswil während des Lockdowns miteinander umgegangen ist, hat mich beeindruckt. Man stand zusammen und half sich gegenseitig und unkompliziert.

Gibt es auch Einzelschicksale, die Ihnen nahegehen?

Schicksale gab es viele, und ich kenne auch nicht alle. Was mir aber sehr nahegeht, das sind die Bewohner unseres Alters- und Pflegezentrums wie auch die Mitarbeiter des APZ. Sie hatten ein ganz schwieriges Jahr und sind in ihrem Alltag sehr eingeschränkt. Aber gemäss einer Umfrage unter den Bewohnern sind 90 Prozent mit den getroffenen Massnahmen zufrieden. Die Stadtverwaltung startete im Frühsommer eine Aktion auf freiwilliger Basis, ein Aktivierungsprogramm für die APZ-Bewohner. Ein grosser Teil war dabei und musizierte vor den Balkonen, andere führten Spielnachmittage mit Abstand durch oder lasen etwas vor...

Und Sie chauffierten einige der Senioren mit einer Velorikscha durch Amriswil.

Damit sie etwas rauskommen. Das war auch für mich ein Lichtblick in einer schwierigen Zeit.

Die Bewohner sind zufrieden. Aber wie verständnisvoll sind deren Angehörige?

Wir stossen auch hier auf breites Verständnis, obwohl es auch für sie eine sehr schwierige Zeit ist. Fast alle haben die Massnahmen so akzeptiert. Ich habe deshalb grössten Respekt vor den Bewohnern, den Angehörigen wie auch vor den Mitarbeitern, die das sehr professionell machen. Man muss sich immer vor Augen führen, dass es zum Schutz der Bewohner dort ist, die zur Risikogruppe gehören. Wenn man zu viel macht, ist es für einige nicht recht, und wenn es Todesfälle gibt, dann heisst es, wieso habt ihr nicht mehr gemacht.

Was erhoffen Sie sich für Amriswil im neuen Jahr?

Dass wir alle möglichst schnell wieder in den Normalbetrieb zurückkehren können. Aber das wird nicht von heute auf morgen möglich sein. Ich hoffe, dass uns das Volk bei den kommenden Abstimmungen, die wichtig für die Entwicklung der Stadt sind, das Vertrauen schenkt und den Vorlagen zustimmt. Und ich wünsche mir, dass man sich weiterhin auf Augenhöhe begegnen kann. Dass man sich sachlich austauscht und auch kritisch sein kann, aber dass man andere Meinungen respektiert. Das zeichnet Amriswil aus, selbst wenn es immer grösser wird.