Amriswil
Ein mutiges Original mit Ecken und Kanten

Am 17. Februar starb der Amriswiler Hausarzt Albert Kreis im Alter von 82 Jahren. Ein Nachruf seines Kollegen Balz Burri.

Balz Burri
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«Albert Kreis, Schafzüchter, Chatzerüti» war seine Adresse im Telefonbuch. Doch Albert Kreis war Allgemeinpraktiker, Hausarzt im alten Sinne, von 1972 bis 2005 mit einer gut frequentierten Praxis an der Bahnhofstrasse 34 in Amriswil. Ein ganz spezieller Mensch, ein mutiges Original mit Ecken und Kanten. Am 17. Februar ist er gestorben.

Albert Kreis war über 30 Jahre Hausarzt in Amriswil.

Albert Kreis war über 30 Jahre Hausarzt in Amriswil.

Bild: PD

Wenn man ihn antraf, sah er aus wie ein Künstler, der gerade aus dem Atelier zu kommen schien. Er hielt wenig von Konventionen, vertrat undiplomatisch seine Meinung, auch in der Auseinandersetzung mit Behörden. Er wollte nicht zum Kreise der Obrigkeit gehören, was früher bei Ärzten üblich war. Er lebte gerne zurückgezogen und mied die Öffentlichkeit.

Er liebte die Arbeit als Arzt, klagte nie über seinen strengen Beruf, setzte sich für die Gesundheit der Patientinnen und Patienten ein und kümmerte sich um ihre sozialen Sorgen. Dabei behandelte er die Menschen aller Schichten und Herkunft gleich. Er verliess sich auf seine Sinne, Intention, seine Erfahrung und Menschenkenntnis, ging wenig akademisch vor und brauchte selten technische Zusatzuntersuchungen. Er war im Denken und Entscheiden schnell. Brauchte es bloss eine Aufmunterung oder doch ein Medikament, gar eine Spritze, nur Vitamine oder eine Krankschreibung?

Keine Arztgehilfin und kein Computer

Die Praxis war einfach eingerichtet. Es gab keine telefonischen Anmeldungen, keine Arztgehilfin, keinen Computer, obwohl dies damals schon üblich war. Seine Frau Greti arbeitete im Hintergrund mit. Man musste oft längere Wartezeiten in Kauf nehmen. Albert Kreis erledigte jedoch ein grosses Pensum an Arbeit, von Medizin bis hin zu reiner Sozialarbeit. Hier konnte er ganz unkonventionelle Wege gehen.

Ein grosser Anteil der Bevölkerung Amriswils, vom Asylbewerber bis hin zum Akademiker, schätzte seine unkomplizierte direkte Art und seinen persönlichen Einsatz. Viele nannten ihn «meinen Doktor Albert» und so war das Duzen in der Praxis oft gegenseitig. Diese Patientinnen und Patienten konnten sich auf ihren Hausarzt verlassen, er war für sie immer da.

Er machte Notizen, die Hieroglyphen glichen

Er hatte alle medizinischen Details seiner Klienten im Kopf, machte wenig Notizen, die Hieroglyphen glichen. Seine Briefe waren selten, kurz und knapp. Umso mehr machte er Hausbesuche und Spezialeinsätze. Noch Jahre nach seiner Praxisaufgabe betreute er seine Patienten in den Altersheimen Egelmoos und Debora.

Ein Kollege erinnert sich, dass Dr. Kreis eine seltene Krankheit bei einem jungen Menschen ganz im Anfangsstadium erahnte, den Patienten richtigerweise sofort hospitalisierte, ohne eine Diagnose zu stellen. Und der junge Spitalarzt staunte, als dann innert Stunden beim zuerst noch unauffälligen Mann Lähmungen auftraten und sich Albert Kreis als vorausschauender Prognostiker erwiesen hatte. Dies nennt man im Fachjargon einen guten diagnostischen Riecher.

Sozialer Einsatz, unkonventionelles Denken

Eine ältere Frau berichtete, dass Dr. Kreis zu ihr nach Hause gekommen sei, mit ihr über ihren Krebs gesprochen habe. Er erklärte ihr, es werde keine Heilung geben, sie werde aber nicht bald sterben. Weitere Untersuchungen seien nicht nötig, er werde zu ihr schauen. Dies erleichterte sie sehr und gab ihr Halt. Und Albert Kreis betreute sie bis zu ihrem Tode zu Hause.

In der heutigen Zeit kann man sich einen solchen Arzt kaum mehr vorstellen. Sozialer Einsatz, unkonventionelles Denken, Offenheit und persönliche Anteilnahme sind aber noch immer gefragt.

Lieber Albert, ich danke dir für deine ehrliche Arbeit als Arzt – und als Schafzüchter. Auch im Namen deiner menschlichen Schäfchen.