Amriswil
Ein kurioses Inserat, ein Leserbrief mit «Chabis» und 675 Amriswiler, die nicht «den Frauen zuliebe» abgestimmt haben

Im Gegensatz zum Kanton gab es vor 50 Jahren in Amriswil ein knappes männliches Ja zum Frauenstimmrecht. Es war die einzige Gemeinde im einstigen Bezirk Bischofszell.

Manuel Nagel
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Ein Inserat im «Amriswiler Anzeiger» im Februar 1971 im Vorfeld der Abstimmung zum Frauenstimmrecht.

Ein Inserat im «Amriswiler Anzeiger» im Februar 1971 im Vorfeld der Abstimmung zum Frauenstimmrecht.

Bild: PD

Mit 56 Prozent Nein-Stimmen sagten die Thurgauer Männer vor 50 Jahren deutlich Nein zum Frauenstimmrecht. Den 17'046 Gegnern standen am 7. Februar 1971 lediglich 13'464 Befürworter gegenüber. Die Stimmbeteiligung im Kanton lag knapp über zwei Dritteln.

Im Bezirk Bischofszell, der später auf die Bezirke Arbon und Weinfelden aufgeteilt wurde, lag der Nein-Stimmen-Anteil mit 58 Prozent gar noch etwas höher als im kantonalen Durchschnitt. Sämtliche Gemeinden lehnten das Frauenstimmrecht ab – nur in Amriswil gab es mit 52 Prozent ein knappes männliches Ja (siehe Kasten).

Nur Amriswil sagte Ja

Die Abstimmungsresultate vom 7. Februar 1971 der Gemeinden im früheren Bezirk Bischofszell sowie im ganzen Kanton. (man)

Bezirk Bischofszell (1706 Ja / 2320 Nein)

Amriswil (675 Ja / 627 Nein)
Bischofszell (323 Ja / 381 Nein)
Erlen (115 Ja / 218 Nein)
Hauptwil (85 Ja / 193 Nein)
Hohentannen (26 Ja / 87 Nein)
Neukirch (128 Ja / 226 Nein)
Sulgen (243 Ja / 389 Nein)
Zihlschlacht (111 Ja / 199 Nein)

Thurgau (13'464 Ja / 17'046 Nein)
Bezirk Arbon (2491 Ja / 2829 Nein)
Bezirk Bischofszell (1706 Ja / 2320 Nein)
Bezirk Diessenhofen (437 Ja / 405 Nein)
Bezirk Frauenfeld (2642 Ja / 2691 Ja)
Bezirk Kreuzlingen (2036 Ja / 2242 Nein)
Bezirk Münchwilen (1586 Ja / 2623 Nein)
Bezirk Steckborn (1032 Ja / 1565 Nein)
Bezirk Weinfelden (1534 Ja / 2361 Nein)

Und das, obschon damals im «Amriswiler Anzeiger» ein aus heutiger Sicht reichlich kurioses Inserat gegen die Vorlage geschaltet wurde. Nicht von Männern, sondern vom «Bund der Thurgauerinnen gegen das Frauenstimmrecht». Doch die Mehrheit der Amriswiler Männer stimmten nicht «ihren Frauen zuliebe» ab – oder eben doch?

Auch in den Leserbriefspalten des Lokalblatts wurde im Vorfeld der Abstimmung mit harten Bandagen gefochten und eine spitze Feder geführt. So empörte sich die «Eidg. Aktion gegen die Frauenstimmrechtsvorlage Kanton Thurgau» über ein Inserat der Migros. Der Grossverteiler zählte zu den Befürwortern und tat dies nebst Produktwerbung auch kund mit einem schlichten «Ein Ja für die Frau am 7. Februar» – «Links unten, mit allerliebsten Sternchen eingerahmt», wie die Gegner süffisant anmerkten.

«Das ist genau der Stil politischer Propaganda, der uns nach erfolgreicher Zwängerei um die Stimm- und Wahlfähigkeit der Frau beglücken würde!»

hiess es im Leserbrief des «Amriswiler Anzeigers». Diese Wahlwerbung sei «Chabis» nebst der beworbenen Margarine und Minestrone.

Der Leserbrief der «Eidg. Aktion gegen die Frauenstimmrechtsvorlage Kanton Thurgau» im «Amriswiler Anzeiger».

Der Leserbrief der «Eidg. Aktion gegen die Frauenstimmrechtsvorlage Kanton Thurgau» im «Amriswiler Anzeiger».

Bild: PD

Letztlich verfing diese Argumentation weder bei der Mehrheit der Amriswiler noch bei den Schweizern, die mit 66 Prozent «Ja» zum Frauenstimmrecht sagten. Wie bei der Migros sich der Umsatz für Margarine entwickelte, ist nicht bekannt.