Amriswil
Ein Hauch von Illegalität: Zwei örtliche Floristen führen eine Guerilla-Aktion durch

Am Donnerstagmorgen bot sich den Autofahrern rund um Amriswil eine blumige, wenn auch kurze Überraschung. Dahinter stecken Monika Laib und Kurt Iseli.

Manuel Nagel
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Beim Ortseingang Amriswil von Sommeri herkommend bringen Monika Laib und ihre beiden Mitarbeiterinnen Simone Huber und Jessica Rettig kurz vor sieben Uhr morgens den Blumenschmuck auf der Ortstafel an.

Beim Ortseingang Amriswil von Sommeri herkommend bringen Monika Laib und ihre beiden Mitarbeiterinnen Simone Huber und Jessica Rettig kurz vor sieben Uhr morgens den Blumenschmuck auf der Ortstafel an.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 18. März 2021, 6.43 Uhr)

Es hat etwas Klandestines. Ein Hauch von Illegalität. Drei Frauen finden sich noch bei Dunkelheit um halb sechs Uhr morgens an ihrem Arbeitsort ein und treffen letzte Vorbereitungen für den geplanten Coup. Das tönt dramatisch und gefährlich, ist es jedoch nicht – zumindest nicht dramatisch.

Die Blumen werden ins Auto geladen.

Die Blumen werden ins Auto geladen.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 18. März 2021, 6.05 Uhr)

Dann geht's los mit dem Lieferwagen. Auf der Ladefläche liegen zwei Leitern, und auch Kabelbinder und Seitenschneider sind mit dabei. Und dazu ganz viele frische Blumen.

Monika Laib führt das Trio an und steuert den Ortsausgang von Amriswil in Richtung Arbon an, parkiert auf dem Grünstreifen zwischen dem Veloweg und der Kantonsstrasse. Als dramatisch könnte man jetzt höchstens die Stimmung des anbrechenden Tages bezeichnen. Die vorbeifahrenden Autos sind jedoch nicht ungefährlich, während die Frauen ihre Utensilien über die vielbefahrene Strasse tragen und mit ihrer Aktion loslegen.

Nach einer Viertelstunde ist der erste Teil geschafft und die Finger sind von der Arbeit unwesentlich über dem Gefrierpunkt doch ziemlich kalt. Doch für das Blumengesteck an der Ortstafel ist das nicht schlecht. Durch die tiefen Temperaturen büsst es nichts von seiner Schönheit ein.

Diesen Blumenschmuck an der Ortstafel sahen die Autofahrer, die am Donnerstag von Arbon nach Amriswil fuhren.

Diesen Blumenschmuck an der Ortstafel sahen die Autofahrer, die am Donnerstag von Arbon nach Amriswil fuhren.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 18. März 2021, 6.13 Uhr)

Ausserplanmässige Wiederholung

Monika Laib sowie ihre Mitarbeiterinnen Simone Huber und Jessica Rettig sind jedoch nicht alleine unterwegs an diesem Donnerstagmorgen. Im ganzen Land schmücken Blumengeschäfte Ortsschilder. Auch im Thurgau ist es eine Handvoll Floristen, die sich an dieser Guerilla-Aktion beteiligt. Laib, ihres Zeichens oberste Floristin der Ostschweiz als Präsidentin der gleichnamigen Sektion des nationalen Verbandes, erklärt auf der Fahrt zum nächsten Ziel die Hintergründe.

Bereits vor einem Jahr gab es dieselbe Aktion. Diese fiel in die erste Woche des ersten Coronalockdowns, hatte jedoch nichts damit zu tun, wie Laib sagt:

«Wir wollten das 100-Jahr-Jubiläum unseres Verbandes feiern.»

Nun folge ausserplanmässig die Wiederholung. Damit wolle die Branche einerseits den Menschen eine Freude in dieser Zeit bereiten, aber auch auf die nicht einfache Situation der Floristen aufmerksam machen.

Doch Monika Laib stellt sofort klar:

«Unsere Branche darf aber nicht gross klagen.»

Man habe in den vergangenen zwölf Monaten fast immer geöffnet gehabt und es sei auch nicht schlecht gelaufen. Doch viele Betriebe hätten sich anders organisieren müssen. All die Hochzeiten oder auch Grossveranstaltungen mit Blumenschmuck seien abgesagt worden, sodass sich ganz andere Arbeitsabläufe auch für das Personal ergeben hätten. Die Belastung im Laden habe für die Angestellten zugenommen.

Bei der Ortseinfahrt von Romanshorn her stecken Stäbe mit Blumensträussen in der Erde. Geplant und ausgeführt wurde diese Dekoration von Jessica Rettig im dritten Lehrjahr.

Bei der Ortseinfahrt von Romanshorn her stecken Stäbe mit Blumensträussen in der Erde. Geplant und ausgeführt wurde diese Dekoration von Jessica Rettig im dritten Lehrjahr.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 18. März 2021, 6.34 Uhr)

Am Abend werden die Blumen wieder abgeräumt

Da ist diese Aktion vom 18. März eine willkommene Abwechslung. Jessica Rettig, die bei Monika Laib im dritten Lehrjahr ist, hat den Blumenschmuck bei der Ortseinfahrt von Romanshorn her geplant und bindet nun die Sträusse an die Stäbe, die vor der Tafel im Boden stecken. Auch hier dauert das Anbringen des Schmuckes keine Viertelstunde. Ein Verkehrsteilnehmer scheint jedoch keine Augen für die Pracht zu haben. Die drei Frauen eilen über die Strasse, da sich eine Lücke aufgetan hat. Der Autofahrer drückt jedoch noch kurz aufs Gas und hupt empört ob der Strassenquerung.

Auch in Richtung Sommeri wird die Ortstafel geschmückt.

Auch in Richtung Sommeri wird die Ortstafel geschmückt.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 18. März 2021, 6.43 Uhr)

Da ist die Reaktion eines Passanten beim dritten und letzten Standort bedeutend freundlicher. Der Mann ist zu Fuss vom Kronberg nach Sommeri unterwegs und beobachtet interessiert, wie Rettig und Huber mit der Stabilität des Schmuckes kämpfen. Hilfe gibt es von der benachbarten Schreinerei, die ein Stück Holz zur Verfügung stellt. Nun ist alles fixiert und es geht zurück ins Geschäft, wo Monika Laib frische Gipfeli und Tee zum Zmorgen spendiert.

Zur selben Zeit ist Kurt Iseli im Westen der Stadt und in Schocherswil unterwegs, um dort die Ortseingänge zu verschönern. Doch bereits am Donnerstagabend werden die Blumen wieder abgeräumt, wie Monika Laib verrät. Man wolle schliesslich keine hängenden Blumen als Visitenkarte des Floristenverbandes präsentieren, sondern den Leuten Freude bereiten – selbst wenn diese nur etwas mehr als zwölf Stunden währt.

So präsentiert sich nach getaner Arbeit die noch leicht mit Schnee bedeckte Ortstafel bei der Schreinerei Bösch im Schwarzland.

So präsentiert sich nach getaner Arbeit die noch leicht mit Schnee bedeckte Ortstafel bei der Schreinerei Bösch im Schwarzland.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 18. März 2021, 6.53 Uhr)

Im Thurgau wurden auch die Ortsschilder von Kradolf-Schönenberg und von Wigoltingen verziert. Es haben sich jedoch weniger Floristen sich an der Aktion beteiligt, als vor einem Jahr.

Im Oberthurgau verschönerten ausserdem noch in Kradolf örtliche Floristen die Ortseinfahrt.

Im Oberthurgau verschönerten ausserdem noch in Kradolf örtliche Floristen die Ortseinfahrt.

Bild: Georg Stelzner (Kradolf, 18. März 2021)