ALTLASTEN
«Es wird eben teuer, wenn man etwas einfach nur verbuddelt»: Kreuzlingen saniert eine alte Mülledponie und es kommt nicht nur Schönes zum Vorschein

Die Sanierung der Mellgenten-Deponie im Osten der Stadt Kreuzlingen geht in eine entscheidende Phase. Ziel ist, das Wasser des Chogenbachs wieder sauber zu machen.

Inka Grabowsky
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Stefan Braun und René Löpfe zeigen, wie die Pflanzenkläranlage funktioniert.

Stefan Braun und René Löpfe zeigen, wie die Pflanzenkläranlage funktioniert.

Bild: Inka Grabowsky

«Entsorgen» ist nicht nur ein schöneres Wort für «Wegwerfen», sondern zeigt mitunter auch eine Geisteshaltung: Wer vor den Zeiten von Recycling und Müllverbrennung seinen Kehricht auf der Deponie entsorgte, der machte sich keinerlei Sorgen mehr darüber. War die eine Müllhalde voll, machte man eben ein paar hundert Meter weiter eine neue auf. So geschehen in Kreuzlingen in den 1960er-Jahren. Die Deponie am Steigerzelg wurde abgelöst von der nächsten im Gebiet Mellgenten. Der Landbesitzer machte einen Vertrag mit der Stadt: Von 1963 bis 1971 durfte sie das Tobel oberhalb des Weltenbaches mit Haushaltskehricht, Gewerbe- und Industrieabfall verfüllen.

«Tobel, alte Kiesgruben oder das Seeufer waren damals für Deponien sehr begehrt.»

Das sagt Stefan Braun, der Umweltbeauftragte der Stadt, der sich heute um die Sanierung der alten Deponien kümmern muss.

Kamera bringt Risse ans Licht

Das Areal am Steigerzelg erwies sich dabei als relativ unproblematisch. Die hier gemessenen Schadstoffe stellen keine Bedrohung für die Umwelt dar. Die 42'000 Kubikmeter grosse Mellgenten-Deponie jedoch ist sanierungsbedürftig. Der Bach, der unter dem Abfall in einer Röhre fliesst und in den Chogenbach mündet, enthält Ammonium weit oberhalb der erlaubten Grenzwerte. Und Ammonium wird – je nach pH-Wert des Wasser - zum giftigen Ammoniak. «Wir konnten mit einer Kamera zahlreiche Fugen und Risse in der Röhre sehen», sagt René Löpfe, der Leiter des Sanierungsprojekts.

«So gelangt Sickerwasser aus der Deponie in die Umwelt.»

Die Lösung dieses Problems ist recht einfach: Die Eindolung des Weltenbachs ist grosszügig bemessen. Das kleine Fliessgewässer wird nun auf 240 Metern Länge in eine neue, kleinere Röhre geleitet, die man in die alte, rissige hineinschiebt. Stefan Braun sagt:

«Das ist erstmal nur eine Symptombekämpfung, die das grundlegende Problem nicht angeht. Wir sind aber durch die Altlastenverordnung verpflichtet, einen erkannten Sanierungsfall innerhalb von ein bis zwei Generationen abzuschliessen.»

Schon 1990 - vier Jahre vor dem Erlass der Verordnung - hatte die Stadt Kreuzlingen versucht, stinkendes Sickerwasser, das auch abseits des Baches in Richtung Tobel abfliesst, mit Hilfe einer Pflanzenkläranlage zu reinigen. Die Stützmauer am Rand der Deponie, die undichte Stellen enthielt, bekam einen offiziellen Abfluss.

Weder ein schöner Anblick, noch ein schöner Geruch: das Sickerwasser unterhalb der Stützmauer.

Weder ein schöner Anblick, noch ein schöner Geruch: das Sickerwasser unterhalb der Stützmauer.

Bild: Inka Grabowsky

Von hier wird im Winter die braune Brühe in die Kanalisation geleitet. Derzeit - noch bis Mitte April – wird der Abwasserkanal im Acker über der Deponie erneuert, um mehr Wasser aufnehmen zu können. Im Sommer wird das Wasser nach oben in einen mit Kies gefüllten Container gepumpt und gefiltert. Anschliessend landet es in einem Sandfilter und sickert von dort in ein Beet, wo Pflanzen das Ammonium als Dünger verwerten. Bodenbakterien oxidieren es in Nitrit und später in Nitrat. Die Filtermaterialen Kies und Sand müssen alle paar Jahre auf einer Deponie entsorgt werden. Das abgereinigte Wasser fliesst in den Bach. René Löpfe sagt:

«Das hat jahrelang schon ganz gut funktioniert, aber die Anlage war zu klein dimensioniert.»

2004 wurde Proben genommen, die zeigten, dass die Stickstoffbelastung immer noch viel zu gross war. Das Gebiet musste ins Kataster der belasteten Standorte aufgenommen werden.

Das Übel an der Wurzel packen

Sondierungsbohrungen belegten, was die Fachleute sich schon gedacht hatten: Der Mellgenten-Deponie-Müll verrottet einfach nicht ordentlich. «Das ist wie bei einem Komposthaufen, der schlecht belüftet ist», erklärt Löpfe. «Den Bakterien, die unter aeroben Bedingungen organisches Material verwerten, fehlt der Sauerstoff zum Atmen.»

Konkret stiessen die Wissenschaftler auf einen perfekt erhaltenen Stapel Zeitungen aus dem Jahr 1968. Noch immer kann man im «Thurgauer Volksfreund» nachlesen, wie die Witwe von Martin Luther King auf den Mordanschlag reagierte. Die alte Deponie soll also gezielt aerobisiert werden.

Nach 53 Jahren ist die Zeitung immer noch lesbar. In der Deponie verrottet kaum etwas.

Nach 53 Jahren ist die Zeitung immer noch lesbar. In der Deponie verrottet kaum etwas.

Bild: PD

Saugbelüftung für Aerobisierung

«Wir haben uns zu dem Zweck für das Prinzip der Saugbelüftung entschieden», sagt der Geologe Löpfe. «Wir schaffen an vier Bohrstellen, die bis zu 15 Meter tief sind, mit Pumpen einen Unterdruck im Deponiekörper. Dadurch wird Umgebungsluft an die belasteten Stellen gesaugt. Gleichzeitig saugen wir das Deponiegas ab.» Es besteht aus CO2 und Methan und riecht dementsprechend unangenehm. Es wird gefiltert und dann in die Atmosphäre entlassen.

Von aussen sind nur die Schachteinfassungen und Pumpenköpfe zu sehen, die aus dem Boden aufragen. Neben der Mulde oberhalb der Stützmauer, in dem schon heute das Schmutzwasser gefiltert wird, wird im kommenden Jahr ein Container aufgestellt, in dem die Pumpenanlage betrieben und kontrolliert wird.

Gewusst wo

Um die optimalen Standorte der Pumpschächte festzulegen, haben die Experten den Boden genau untersucht. Mit Hilfe der geo-elektrischen Tomografie, bei der zwei Elektroden in den Boden gesteckt werden, stellten sie fest, wo und in welcher Tiefe der Boden dem Strom besonders wenig Widerstand bot. Bauschutt ist beispielsweise weniger leitfähig, Metallschrott mehr. Anschliessend massen sie die Magnetisierbarkeit und konnten so die Stellen finden, an denen viel organisches Material liegt. Hier wirkt sich die Verbesserung von Lebensbedingungen für Bakterien besonders günstig aus.

Hier entsteht eine grössere Abwasserleitung für das ammoniumhaltige Sickerwasser.

Hier entsteht eine grössere Abwasserleitung für das ammoniumhaltige Sickerwasser.

(Bild: Inka Grabowsky)

Statt in 100 Jahren bereits in zehn Jahren im grünen Bereich

Zwei Bohrungen zu Testzwecken hat es schon geben. An Beobachtungsrohren konnte man messen, dass der Sauerstoffgehalt im belasteten Bereich unter der Deponieabdeckung und dem Ackerboden innerhalb von zwei Monaten wie gewünscht zunahm. Stefan Braun sagt: «Wir schätzen, dass es nun nicht mehr über hundert Jahre dauert, bis der Ammoniumgehalt im Sickerwasser in Ordnung ist, sondern nur noch zehn.» Das Projekt kostet die Stadt etwa 1,5 Millionen Franken.

«Es wird eben teuer, wenn man etwas einfach nur verbuddelt.»

Gelegentlich ärgert sich der Umweltbeauftragte über die Sorglosigkeit früherer Politiker. «Aber kommende Generationen werden eben den Kopf schütteln, wenn sie sich um Atommüll oder Mikroplastik aus unserer Zeit kümmern müssen.» Die Sorgen des Umweltbeauftragten wegen der Nachlässigkeit in vergangenen Zeiten hören nicht auf: «Als nächstes kommen die chlorierten Kohlenwasserstoffe, die aus Reinigungsbetreiben ins Erdreich gelangt sind. Das zu sanieren wird voraussichtlich ähnlich aufwändig und teuer.»

«Wir sind wirklich froh, dass wir nach den umfangreichen Vorarbeiten nun ein Sanierungsprojekt bewilligt bekommen haben. Bald wird der Chogenbach wieder sauber sein

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