Als wäre sie wie wir

Heute ist der Tag des Down-Syndroms: Inga ist ein Mädchen mit diesem Gendefekt. Die Schule besucht sie mit gesunden Kindern. Aber nur noch bis zum Sommer.

Manuel Nagel
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Wie wenn sie gerade die Goldmedaille gewinnen würde. Mitschüler aus Sommeri feuern Inga beim Sporttag auf den letzten Metern des Kilometerlaufs frenetisch an und klatschen mit ihr auf der Ziellinie ab. (Bild: Manuel Nagel, 9. September 2015)

Wie wenn sie gerade die Goldmedaille gewinnen würde. Mitschüler aus Sommeri feuern Inga beim Sporttag auf den letzten Metern des Kilometerlaufs frenetisch an und klatschen mit ihr auf der Ziellinie ab. (Bild: Manuel Nagel, 9. September 2015)

Meine erste Begegnung mit Inga wird mir in Erinnerung bleiben. Es war der 11. August 2014, und es war Ingas erster Schultag. Für mich war es auch der erste Tag an der Primarschule Sommeri. Ich durfte Klassenlehrerin Enriqueta Taboas bei der Integration von Inga unterstützen. Inga hat das Down-Syndrom. Das Mädchen lächelte mich hinter seinen dicken Brillengläsern an und begrüsste mich mit einem Handkuss. Ich war gleichzeitig gerührt und irritiert, wie ich als Lehrperson mit dieser Intimität umgehen sollte.

«Das ist typisch für ein Downie», sagt Heinrich Zwicky, der Vater von Inga. Menschen mit Down-Syndrom würden nicht überlegen, ob das nun den ge­sellschaftlichen Gepflogenheiten entspricht oder nicht, sondern sie würden authentisch zeigen, was und wie sie sich fühlen.

Der «Fall Inga» ist speziell für den Kanton Thurgau, da es Inga ermöglicht wurde, an ihrem Wohnort in den Kindergarten und später zur Schule zu gehen. Üblicherweise besuchen Kinder mit Down-Syndrom Institutionen wie ein Heilpädagogisches Zentrum. Ingas Eltern Angelika und Heinrich Zwicky haben sich jedoch von Beginn weg stark gemacht, dass ihre Tochter mit den Kindern den Unterricht besuchen kann, mit denen sie sich auch nach der Schule trifft und zum Spielen abmacht.

Beim Pausenfussball mittendrin statt nur dabei

Für die Sommerer Kinder der Unter- und Mittelstufe ist es ganz normal, dass Inga überall mit dabei ist. Selbst wenn die grossen Sechstklässler in der Pause Fussball spielen, dann stört Inga nicht, sondern sie kickt mit Freude und Eifer gegen den Ball.

Enriqueta Taboas erinnert sich, als sie angefragt wurde, ob sie sich vorstellen könne, ein Kind wie Inga integrativ zu beschulen. Die Unterstufenlehrerin wollte sich auf dieses Experiment einlassen und zieht nach bald drei Jahren Primarschule von Inga eine positive Bilanz:

«Die Beschulung von Inga war Herausforderung und Bereicherung zugleich»

sagt Ingas Lehrerin Enri Taboas. Die fachlichen Überlegungen, die sie jeweils in der Vorbereitung habe anstellen müssen, seien letztendlich allen Kindern zugutegekommen. «Ich bin überzeugt, dass für alle Schülerinnen und Schüler, wie auch für alle Lehrpersonen, Ingas Beschulung ein Gewinn war. Das ist gelebte Lebensschule», meint Enriqueta Taboas.

Auch Ingas Eltern finden, ihr Kind habe in der Unterstufe grosse Fortschritte gemacht. «Wir treffen regelmässig andere Kinder mit Down-Syndrom und können so Vergleiche ziehen», sagt Angelika Zwicky. Nicht nur, dass Inga liest und schreibt, sie sei auch weniger auffällig als andere «Downies». Lachte sie beispielsweise zu laut, so haben sie die anderen Kinder korrigiert. Dadurch falle sie nun im Alltag beim Einkaufen oder auf dem Spielplatz kaum noch auf.

Schulgspänli bedauern Ingas Weggang

Sie lerne von den andern Kindern, indem sie diese und deren Handeln ständig zum Vorbild habe, meint Ingas Mutter. Das sei in einer Institution mit ausschliesslich besonderen Kindern nicht möglich. Und dennoch endet die integrative Beschulung von Inga diesen Juli. Nach den Sommerferien wird Inga nicht mehr in Sommeri die Schule besuchen. Kanton und Volksschulgemeinde haben entschieden, dass sie ab August ins Heilpädagogische Zentrum nach Romanshorn geht. Gegen den Wunsch der Eltern - und auch gegen den Wunsch von Inga. Sie ist traurig, in der Pause nicht mehr mit ihren Freunden aus dem Dorf spielen zu können, und auch die Mitschüler bedauern es, dass Inga die Klasse verlässt.

Angelika Zwicky hadert mit dem Entscheid, doch Einfluss nehmen konnte sie nicht. Zwickys wurden nicht in die Entscheidungsprozesse mit einbezogen, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt.

«Ich kenne das HPZ Romanshorn, da wird tolle Arbeit geleistet»

sagt die Mutter. Aber sie hat Mühe, dass Inga nun aus dem vertrauten Umfeld gerissen wird. Schulleiterin Miriam Bruderer bringt für die Familie Verständnis auf, versichert jedoch, dass der Entscheid wohl überlegt getroffen wurde und viele Faktoren eine Rolle spielten, die Finanzen seien jedoch keiner davon.

Dieses kantonal einzigartige Erfolgsmodell der Volksschulgemeinde Amriswil-Hefenhofen-Sommeri - ein Kind mit Down-Syndrom nicht zu separieren, sondern zu integrieren - wird nun nach sechs Jahren beendet. Die Eltern von Inga sind aber allen Beteiligten dankbar, dass ihre Tochter die Chance hatte, zusammen mit normalen Kindern beschult und nicht von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden.