Als über ein Viertel der Bischofszeller Bevölkerung starb

Nachtwächter Ueli Köchli läutet jeden Donnerstagabend die Feuerglocke im Bischofszeller Bogenturm.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Nachtwächter Ueli Köchli zieht das Hanfseil und bringt dadurch die Feuerglocke im Bogenturm zum Läuten.

Nachtwächter Ueli Köchli zieht das Hanfseil und bringt dadurch die Feuerglocke im Bogenturm zum Läuten.

Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

Ueli Köchli steigt die enge, alte Holztreppe zum Turm hoch. Er öffnet das Fenster und wirft einen Blick auf die Altstadt. Nachdem der achte und letzte Glockenschlag verhallt ist, beginnt er das Hanfseil zu ziehen und bringt dadurch die Feuerglocke zum Läuten. Für ihn sei dies immer ein bewegender Moment, erzählt der Nachtwächter.

Ueli Köchli läutet für zehn Minuten die Feuerglocke im Bogenturm. Dies als Zeichen der Verbundenheit mit denjenigen, die in dieser schwierigen Zeit unter den Folgen der Coronavirus-Pandemie leiden. «Der feine Ton der Glocke hört sich an wie ein Gebet und lädt ein, einen Moment innezuhalten», sagt Zunftmeister Bernhard Bischof.

Der Thurgauer Kirchenrat hat im März angeordnet, dass bis Gründonnerstag von 20 Uhr bis 20.10 Uhr alle Kirchen mit ihren Glocken läuten sollen. Auch die Bischofszeller Nachtwächter- und Türmerzunft hat sich daran beteiligt und die Feuerglocke geläutet. Die Zunft behält dies allerdings bei – und Ueli Köchli läutet bis auf weiteres jeden Donnerstag diese Glocke.

Geläut zum Ende der beiden Weltkriege

Die kleine geschichtsträchtige Feuerglocke wird nicht elektrisch geläutet. Noch heute wird sie mit einem alten Hanfseil in Bewegung gesetzt. Versehen ist sie mit der Jahreszahl 1743 – dem dritten Bischofszeller Stadtbrand. Beim Brand damals, der auch das hölzerne Innenleben des Bogenturms zerstört hatte, ist die Glocke in die Gasse gefallen und zerschellt. Die Scherbenfragmente wurden nach Lindau am Bodensee gebracht, wo eine neue Feuerglocke gegossen wurde, die heute noch im Bogenturm hängt. «Diese Glocke wird immer in schwierigen Zeiten geläutet», erklärt Bernhard Bischof deren Funktion. Dies sei etwa beim Ende des Ersten und Zweiten Weltkrieges oder 1956 bei der Ungarnbesetzung durch die Russen der Fall gewesen.

Die Nachtwächter hatten zudem einst die Aufgabe, bei Brandausbruch mit der Feuerglocke Alarm zu läuten. Auf der Glocke prangt ein altes Bischofszeller Wappen mit dem Bischofsstab. Die drei Flammen darauf symbolisieren die drei Stadtbrände und die drei Sterne den jeweiligen Wiederaufbau.

Die Kranken mussten durch das verlorene Loch

Bereits in früheren Jahrhunderten gab es hierzulande ähnliche Situationen wie heute. Die Coronaepidemie erinnert an die Lungenpest im Jahre 1611 in Europa, der rund ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer fiel. «Allein im August 1611 starben in Bischofszell 152 Personen an der Lungenpest, und Bischofszell zählte damals keine 600 Einwohner», weiss Bernhard Bischof. Über 30000 Personen seien im Thurgau gestorben. Die Lungenpest habe etwa ein Jahr lang gedauert und sei dann Ende Dezember 1611 schlagartig verschwunden – die Krankheitssymptome seien mit Covid-19 vergleichbar gewesen. Um die Krankheit einzudämmen, mussten die ortsansässigen Pestkranken das Städtchen verlassen. Wegen der Ansteckungsgefahr jedoch nicht durch die Stadttore, sondern durch ein kleines Törchen in der Stadtmauer, das heute noch im Pfarrgarten sichtbar ist – das sogenannte «Verlorene Loch». Durch dieses begaben sich die Kranken ins Siechenhaus in der Bleiche, das bereits im Jahre 1428 erstmals erwähnt wurde. Gleich neben dem Siechenhaus, unweit der Sitterbrücke, stand die St.Jakobskapelle, benannt nach dem Schutzpatron der Pestkranken. Dorthin durften diese zum Gebet.

Aus dem Siechenhaus wurde später ein Armenhaus, und heute ist es ein Wohnhaus. Die Kapelle wurde abgebrochen, weil die Pest als teuflisch galt. Auch in Zeiten der Pest sei die Feuerglocke in Bischofszell geläutet worden – als Aufmunterung für die Bevölkerung. «Wenn die Bischofszeller Bevölkerung nun jeweils am Donnerstagabend für einen Moment das Fenster öffnet und den Klängen zuhört, um den Tausenden von Corona-Opfern zu gedenken, dann bekommt diese Botschaft eine besondere Kraft, die wir sehr schätzen würden», betont der Zunftmeister.

Nachtwächter sind ebenfalls im Homeoffice

Zurzeit arbeiten auch die Bischofszeller Nachtwächter im Homeoffice. «Wir bearbeiten neue Geschichten für unsere Rundgänge», sagt Bernhard Bischof, der nach seiner Pensionierung während fünf Jahren ein Teilzeitstudium in «Rechtsordnung im Mittelalter» an der Universität Zürich besucht hat.

Und wann findet der nächste Nachtwächterrundgang statt? «Wir halten uns an die Weisungen des Bundesrates und sind in Kontakt mit den Verantwortlichen der Stadtverwaltung», sagt Bernhard Bischof. Für den Mai seien alle Rundgänge abgesagt worden. «Wir hoffen aber, dass wir im Juni mit entsprechenden Sicherheitsauflagen wieder dazu einladen dürfen.»

Süsse Hommage an die Bischofszeller Nachtwächter

Der Königsbeck in Zihlschlacht stellt seit dem vergangenen Sommer «Nachtwächterli» her. Die süsse Spezialität aus Schokolade findet bei Jung und Alt grossen Anklang. Das freut auch die Bischofszeller Nachtwächterzunft.
Yvonne Aldrovandi-Schläpfer