Abgetretener Arboner Stadtrat Patrick Hug: «Sechzehn Jahre waren genug»

Er war ein Mann der Buchstaben – und dann als «Finanzminister» im Stadtrat der Zahlen. Sechzehn Jahre gehörte Patrick Hug diesem an. Er blickt zurück auf eine Zeit ohne schlaflose Nächte und freut sich auf mehr Freizeit.

Max Eichenberger
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Kein Frührentner: alt Stadtrat Patrick Hug, hier im Strandbad, politisiert als Kantonsrat weiter und hat immer noch Zugang ins Stadthaus.             (Bild: Max Eichenberger)

Kein Frührentner: alt Stadtrat Patrick Hug, hier im Strandbad, politisiert als Kantonsrat weiter und hat immer noch Zugang ins Stadthaus.             
(Bild: Max Eichenberger)

Sie haben früh angekündigt, nach vier Amtsperioden aus freien Stücken aus dem Stadtrat zu scheiden. Ein guter Zeitpunkt?

Ja, sechzehn Jahre sind genug. Der Abschied ist mir bei dem sehr guten Rechnungsabschluss auch umso leichter gefallen.

Sie sind jetzt 62 – und eigentlich Frührentner. Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Ich bin allenfalls Teilpensionär. Ich bleibe Verwaltungsratspräsident der Pensionskasse der Stadt Arbon. Als Vertreter des Stadtrates bin ich auch Verwaltungsrat bei der ABV Liegenschaften AG und Vizepräsident der Betriebskommission des Pflegeheims Sonnhalden. Dann werde ich weiterhin als Kantonsrat die Interessen der Stadt Arbon vertreten.

Sie standen zeitweilig unter Druck und mussten sich der Kritik auch aus dem Parlament entgegenstemmen, zu wenig die Kosten im Griff gehabt zu haben.

Es waren tatsächlich fünf lange Jahre der Defizite gewesen. Sicher eine belastende Zeit. Wir sind mit stark steigenden Sozialhilfeausgaben konfrontiert worden, deren Ausmass mich überrascht hat. Ich habe dann meine Beziehungen zu Finanzdirektor Jakob Stark intensiviert, um zu einer fairen Lösung für Arbon zu kommen. Dank intensiver Verhandlungen haben wir erreicht, dass der Kanton maximal 50 Prozent der Sozialhilfekosten übernimmt, die in Arbon kantonsweit am höchsten sind, und damit das Problem zu einem guten Teil gelöst. Davon profitieren auch andere Gemeinden.

Ist der Patient, der Arbon finanziell war, wieder nachhaltig gesund?

Ich meine, dass sich die Finanzlage der Stadt nun nachhaltig stabilisiert hat. Der Ausgleich der Sozialhilfekosten bis 50 Prozent, der zudem stark erhöhte Zentrumslastenausgleich, die endlich steigenden Steuereinnahmen und die Wertsteigerungen bei der Arbon Energie AG wie auch bei der ABV Liegenschaften AG tragen zu einer positiven Finanzplanung bei. Alleine durch die Neubewertung dieser beiden Unternehmen ergibt sich eine zusätzliche Reserve von 9,3 Millionen Franken. Das stärkt die Bilanz wesentlich.

Sie sagen, dass endlich die Steuereinnahmen steigen. Das hat man schon lange zuvor gehofft und immer wieder angekündigt. Warum dauerte das so lange?

Meine Philosophie war immer gewesen: man muss zuerst säen, bevor man ernten kann. Ich hätte mir gewünscht, die Erntezeit wäre früher gekommen. Entwicklungen, wie in der Neuen Stadtmitte, brauchen Zeit. Der Wohnungsmix verbessert sich. Wir dürfen nicht vergessen: Strukturell war die Vergangenheit stark von unserer Industriegeschichte geprägt gewesen. Auch beim Wohnungsangebot. Wir sind darum sehr froh, dass mit der Arealentwicklung im Saurer WerkZwei durch HRS auch Wohnungen im gehobeneren Segment entstehen. Das generiert neues Steuersubstrat, während sich die Sozialhilfekosten stabilisieren. 2018 hat die Steuerkraft pro Einwohner auf 1923 Franken zugenommen. Das ist der höchste je erreichte Wert und die massgebende Kennzahl.

Die Stadt hat trägt eine hohe Schuldenlast von über 50 Millionen Franken. Wann kommt die wieder ‘runter?

Diese Zahl scheint tatsächlich hoch. Sie relativiert sich insofern, als Arbon die drittgrösste Gemeinde im Kanton ist und die Nettoschuld pro Kopf noch 1346 Franken ausmacht; 2017 lag diese noch bei 1610 Franken. Wir profitieren von einer tiefen Zinsbelastung. Den Schulden stehen wesentlich höhere Gegenwerte gegenüber. Ich bin überzeugt, dass ein Schuldenabbau möglich ist, unter zwei Bedingungen: Wenn Arbon weiter positive Rechnungsergebnisse schreibt und das Eigenkapital gestärkt wird. Und: wenn die Investitionen genau angeschaut und auf die Notwendigkeit überprüft werden.

Rundherum senken Gemeinden ihren Steuerfuss. Kann das Arbon dereinst auch einmal?

Zu Beginn meiner Amtstätigkeit konnten wir den Steuerfuss in zwei Schritten von 80 auf 76 Prozent senken. Eine Prognose zu stellen, wann eine weitere Steuerfussreduktion möglich sein wird, wäre aber vermessen.

Was war das Bedrückendste in Ihrer Amtszeit? Und was das Gefreuteste?

Die Niederlage bei der Erneuerungswahl des Stadtpräsidenten gegen Andreas Balg schmerzte – wenn auch nur kurze Zeit. Gefordert hat mich als Interims-Stadtammann 2012 der Grossbrand im Saurer WerkZwei. Das Positive überwiegt jedoch bei weitem. Ich habe einen stabilen Finanzhaushalt übergeben dürfen. Sehr geschätzt habe ich den persönlichen Kontakt zur Bevölkerung. Bereichernd empfand ich den Bereich Kultur, den ich vor vier Jahren übernommen habe. Arbon hat zahlreiche kulturelle Leuchttürme – beispielhaft auch das von privater Seite initiierte Kulturzentrum Presswerk. Kultur prägt und stärkt die Identität. Seit wir 2018 dem Kulturpool Oberthurgau beigetreten sind, haben wird leichteren Zugang zu kantonalen Fördergeldern. Und wir haben ein Kulturkonzept mit dem Ziel, als Kultur-, Kunst- und Museumsstadt wahrgenommen zu werden.

Und jetzt macht man sich stark, auch das Historische Museum des Kantons nach Arbon zu holen.

Unsere reiche Geschichte, von den Pfahlbauern über die Römer bis zur Industrialisierung, ist konkurrenzlos. Ich hoffe daher schon, dass es gelingt, zumindest einen Teil hier anzusiedeln, wo die Geschichte auch stattgefunden hat.

Der Stadtrat musste oft Kritik einstecken. Wie werten Sie das?

Ein Parlament hat viele Vorteile. Das bringt aber auch mit sich, dass manches stärker hinterfragt und so öffentlich von den Medien kritisch begleitet wird. Rückblickend hätten wir wohl in der Kommunikation mehr eine proaktive Rolle einnehmen müssen. Das abgelehnte Projekt Lebensraum Altstadt anderseits zeigt, dass Workshops und Transparenz das erhoffte Resultat auch nicht erbracht haben.

Was machen Sie mit dem Gewinn von mehr Freizeit?

Ich habe mir ein Saisonabo in Arosa gekauft. Ich fahre leidenschaftlich Ski und wandere gerne. Man wird mich auch mehr im Malcantone und am Luganersee antreffen. Es hat einen ähnlichen Charme wie der Bodensee. Und auch hier ist es bekanntlich so schön, wo andere Ferien machen.