50 Jahre Frauenstimmrecht
«Es war und ist ein steiniger Weg»: Die PMS Kreuzlingen hat eine Podiumsdiskussion zur Gleichstellung organisiert

Eine Podiumsdiskussion zum Jubiläum 50 Jahre Frauenstimmrecht in Kreuzlingen zeigt: Noch gibt es Handlungsbedarf bei der Gleichstellung von Mann und Frau.

Barbara Hettich
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Antonella Bizzini, Melanie Gabriel, Karin Bauer, Claudia Umbricht, Nina Schläfli und Caroline Arni.

Antonella Bizzini, Melanie Gabriel, Karin Bauer, Claudia Umbricht, Nina Schläfli und Caroline Arni.

Bild: Ralph Ribi

1971 war ein historisches Jahr. 65,7 Prozent der Schweizer Männer stimmten der Verfassungsänderung zu, die den Frauen die gleichen politischen Rechte einräumte.

«Es war ein langer, steiniger Weg, und es ist uns wenig bewusst, was hinter unseren Freiheiten steht.»

Das sagte Rektorin Brigitte Pallmann und begrüsste die 3.- und 4.-Klässler der Pädagogischen Maturitätsschule zum Podium «50 Jahre Frauenstimmrecht» in der Seminaraula. Die Lehrkräfte Karin Bauer und Claudia Umbricht moderierten die Veranstaltung, auf dem Podium diskutierten Antonella Bizzini von der Fachstelle «Frau und Arbeit», Nina Schläfli, Präsidentin der SP Thurgau, die Basler Uniprofessorin Caroline Arni sowie Melanie Gabriel, Mitbegründerin der Firma Yokoy.

Es gibt noch viel zu tun

Im Geschichtsunterricht hatten sich die Schülerinnen und Schüler mit der Geschichte des Frauenstimmrechts befasst. Die Teilnehmenden sind zudem mit dem Frauenstimmrecht aufgewachsen, und so stand im Fokus der Diskussionen vor allem die Gleichstellung von Mann und Frau. Denn Frauen wie Männer werden heute noch mit gesellschaftlichen Erwartungen an ihr Rollenverhalten konfrontiert.

«Die Gleichstellungsfrage hat mich politisiert.»

Das sagte Nina Schläfli und erzählte, dass sie noch 2019 im Wahlkampf der Kantonsratswahlen von einem Journalisten tatsächlich nach ihrer Familienplanung befragt wurde. Klassische Frauenberufe seien schlechter bezahlt, Frauen übernähmen mehr Care-Arbeit, und Geschiedene und Alleinerziehende seien oft von Armut bedroht.

«Gleichstellungspolitik ist nicht nur Sache der Frau, auch Männer haben Probleme mit ihrem Rollenbild.»

Gleichstellung bedeute deshalb mehr Freiheit für alle.

Stolperstein Selbstvertrauen

Melanie Gabriel ist Mitgründerin einer Firma in der Fintech-Branche. Sie sagte:

«Wenn ich Jahre früher geboren wäre, dann wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.»

Diese Branche werde von Männern dominiert, in ihrer Firma versuche sie, mehr Diversität reinzubringen: Frau, Mann, Alt und Jung sowie Menschen mit einer Behinderung. «Die besten Ideen kommen, wenn jeder im Team etwas anderes mitbringt», sagte sie. Um genügend geeignete Frauen zu finden, dürften bei einer Stellenausschreibung nur die wichtigsten Qualifikationen definiert werden, denn Frauen melden sich nur, wenn sie alle erfüllen können. Männer trauen sich da mehr zu.

Karin Bauer, Claudia Umbricht, Nina Schläfli und Caroline Arni.

Karin Bauer, Claudia Umbricht, Nina Schläfli und Caroline Arni.

Bild: Ralph Ribi

Körperliche Eigenschaften

Auch nach 50 Jahren Frauenstimmrecht hätten Frauen in der Arbeitswelt nach wie vor Hürden, die Männer nicht haben, zum Beispiel das Kinderkriegen, sagte Antonella Bizzini, Juristin von der Fachstelle «Frau und Arbeit». Eine Schwangerschaft sei im Gegensatz zu Unfall oder Krankheit ein kalkulierbares Risiko, Arbeitgeber könnten damit also entspannter umgehen. In anderen Staaten hänge die Berufswahl weniger von den körperlichen Eigenschaften ab – in Russland arbeiten die Frauen auch im Strassenbau.

«Wir müssen dringend auch über die Männerquote reden.»

Zu schön für dreckiges Geschäft?

Ihr Vater habe sie als Kind intellektuell sehr gefördert, erzählte Caroline Arni, Professorin an der Uni Basel. Als sie erfahren habe, dass er 1971 ein Nein in die Urne legte, war sie schockiert. «Er hat die Frauen als schön und rein empfunden, er wollte sie nicht dem dreckigen Geschäft der Politik aussetzen», erklärte die Historikerin, warum die direkte Demokratie nicht der einzige Faktor für die späte Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz war. Im Bereich Gleichstellung gebe es noch riesige Baustellen. 100 Milliarden Franken jährlich nehmen die Frauen weniger Geld ein, unentgeltliche Arbeit eingerechnet. Die Professorin gab den jungen Menschen mit auf den Weg:

«Kämpft für eure Rechte, und habt Spass dabei.»

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