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KREUZLINGEN: Fall Kümmertshausen: Bandenboss muss 14 Jahre ins Gefängnis

Siebeneinhalb Jahre für den Kronzeugen. Keine Verwahrung für den Bandenboss: Am Montag wurden im Fall Kümmertshausen die Urteile gefällt. Ein Beschuldigter erhält 60'000 Franken, weil er zu lange in Haft sass.
Ida Sandl
Gerichtszeichnung mit zwei der 14 Angeklagten im grössten und aufwendigsten Prozess in der Thurgauer Strafprozess-Geschichte. Am Montag hat das Kreuzlinger Bezirksgericht die Urteile gefällt. (Bild: SIBYLLE HEUSSER (KEYSTONE))

Gerichtszeichnung mit zwei der 14 Angeklagten im grössten und aufwendigsten Prozess in der Thurgauer Strafprozess-Geschichte. Am Montag hat das Kreuzlinger Bezirksgericht die Urteile gefällt. (Bild: SIBYLLE HEUSSER (KEYSTONE))

Auch nach einem Jahr Verhandlung ist der Fall Kümmertshausen nicht restlos geklärt. «Einiges bleibt im Dunkeln, vieles erscheint sinnlos», sagt der Kreuzlinger Vizegerichts-Präsident Thomas Pleuler im Schlusswort. Er hat den Vorsitz im Monsterprozess. Sinnlos ist für Pleuler vor allem der Tod des IV-Rentners aus Kümmertshausen im November 2010.

Gestern hat das Bezirksgericht die Urteile für die insgesamt 14 Beschuldigten verkündet. Es blieb teilweise massiv unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft. So verurteilten die Richter Nasar M., den Kopf der Bande, zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren. Der Staatsanwalt wollte ihn 19 Jahre hinter Gitter schicken und anschliessend verwahren. Das Gericht sieht die Voraussetzungen für eine Verwahrung nicht erfüllt. Nasar M. sei zwar alles andere als zimperlich vorgegangen bei seinen Taten. Er habe sich auch eine Unmenge an Delikten zu Schulden kommen lassen. Es gebe aber keine Hinweise, dass Nasar M. eine schwere Beeinträchtigung seiner Opfer gefördert oder gewollt habe. Es reiche nicht, wenn der Gutachter zum Schluss komme, dass es kein geeignetes Mittel gebe, um ihn von weiteren Straftaten abzuhalten. Nasar M. habe zwar die Fäden gezogen. Einen Bandenboss, wie ihn die Anklage beschreibe, stelle man sich aber anders vor, sagt Pleuler, «vor allem professioneller».

Yilmaz. B., der sogenannte Kronzeuge, wurde zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Er hätte eingreifen müssen, als einer der beiden Männer, denen in der Türkei der Prozess gemacht wird, dem IV-Rentner eine Kapuze in den Rachen stopfte. Daran ist der 53-Jährige erstickt. Yilmaz B. habe sich der eventualvorsätzlichen Tötung durch Unterlassung schuldig gemacht. Er habe den Tod des IV-Rentners nicht beabsichtigt, aber durch seine Untätigkeit in Kauf genommen. Strafmildernd wertete das Gericht die Belastung, durch die intensive Berichterstattung der Medien über ihn.

Hätte er den IV-Rentner überhaupt retten können

Yilmaz B. wird das Urteil ans Obergericht weiter ziehen. Das erklärte sein Verteidiger Roman Bühler im Januar, als das Gericht die Schuldsprüche verkündete. Dies gilt nach wie vor: «Wir sind überzeugt, dass das Urteil vor Obergericht nicht standhalten wird», sagt Bühler. Gemäss medizinischem Gutachten sei der IV-Rentner wahrscheinlich bereits in dem Moment gestorben, als ihm die Kapuze in den Rachen gestopft wurde. Das würde bedeuten, Yilmaz B. hätte ihn nicht mehr retten können.

Einer der Beschuldigten, Müslüm D., wird vom Staat eine Genugtuung von 60000 Franken erhalten, weil er zu viel Zeit in Untersuchungs- und Sicherheitshaft verbüsst hat. Genau 441 Tage zu viel. Wie alle Verurteilten, muss aber auch er anteilsmässig die Verfahrens- und Gerichtskosten zahlen. Bei ihm sind das knapp 100'000 Franken. Müslüm D. wurde wegen Drogendelikten zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt, davon soll er zehn Monate absitzen. Der Staatsanwalt hatte viereinhalb Jahre beantragt.

Osman S., der Spieler, muss achteinhalb Jahre hinter Gitter. Auf sein Konto gehen Erpressung und Drogendelikte. Rund sechs Jahre hat er schon verbüsst. Das Gericht sieht in ihm nicht den Schwerverbrecher, als den ihn die Anklage beschreibt. Yildrim D., der Mann fürs Grobe, wurde zu dreieinhalb Jahren verurteilt. Dabei berücksichtigen die Richter, dass ein deutsches Gericht ihn für die gleichen Taten bereits siebeneinhalb Jahre aufgebrummt hat.

Für den Verteidiger von Osman S. war gestern schon klar, dass er das Urteil nicht weiterziehen werde. Andere wollen erst die schriftliche Urteilbegründung abwarten. Auch Staatsanwalt Christoph Buner will die schriftliche Begründung zuerst analysieren und dann über einen Weiterzug entscheiden. Trotzdem werde er zum Teil wohl vorsorglich Berufung anmelden, um sich alle Optionen offen zu halten.

Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Verschlafen und Vergessen

Einen Angeklagten müsste es interessieren, welche Strafe das Gericht ihm zuweist, würde man meinen. Selbst, wenn die Schuldsprüche schon vor zwei Monaten gefallen sind. Zwei der insgesamt 14 Beschuldigten im Fall Kümmertshausen scheren sich aber offensichtlich nicht darum. Er sei im Ausland, habe verschlafen und schaffe es nicht an die Verhandlung, liess der eine ausrichten. Er wurde in Abwesenheit zu zwölf Monaten bedingt bei einer Probezeit von drei Jahren verurteilt. Die Straftaten: Anstiftung zur Nötigung und Verstoss gegen das Waffengesetz. Der andere wurde im Januar von den Drogendelikten freigesprochen. Er rief kurz vor Beginn der Verhandlung an und entschuldigte sich, er habe völlig vergessen, dass er vor Gericht hätte erscheinen sollen. «Absolut unverständlich» nannte der Vorsitzende Richter Thomas Pleuler diese Haltung. Insgesamt fällt das Gericht vier Freisprüche, dabei geht es dreimal um Drogendelikte und einmal um Anstiftung zur qualifizierten Erpressung. (san)

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