Kreisgericht
Aus Todesangst um ihren Freund: Frau geht vor Kantonsspital St.Gallen auf drei Polizisten los

Eine Frau hat vor der Notfallaufnahme des St.Galler Kantonsspitals mehrere Polizisten tätlich angegriffen. Dies, weil das Spital ihr den Einlass ins Spitalgebäude verweigerte. Das Kreisgericht St.Gallen verurteilte sie zu einer bedingten Geldstrafe.

Claudia Schmid
Drucken
Teilen
Die Frau wurde nach tätlichen Angriffen gegen drei Polizisten in Handschellen abgeführt.

Die Frau wurde nach tätlichen Angriffen gegen drei Polizisten in Handschellen abgeführt.

Bild: Getty

Der Vorfall ereignete sich in einer Januarnacht Anfang Jahr. Die Beschuldigte begleitete ihren damaligen Freund gegen Mitternacht im Rettungswagen zur Notaufnahme. Er war mitten auf der Strasse gestürzt, weigerte sich aber anfänglich, ins Spital gebracht zu werden. Als die Frau nicht ins Spitalgebäude eingelassen wurde, kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen ihr und drei Polizisten.

Beruhigungsversuch scheiterte

Beim Versuch, die Beschuldigte zu beruhigen, habe sie eine Beamtin am Kragen gepackt. Sie habe mit Fäusten und Händen um sich geschlagen, als die Polizistin versucht habe, sie zu blockieren, heisst es in der Anklageschrift. Daraufhin hätten sie zwei Beamte zum Polizeifahrzeug gebracht. Die Beschuldigte habe sich vehement und mit massiver körperlicher Gegenwehr gesträubt.

Laut Anklageschrift konnte sich die Angeklagte einseitig aus den Handfesseln befreien und wollte wieder in Richtung der Notaufnahme rennen. Die Beamten forderten sie auf, die Hände erneut auf den Rücken zu legen. Dieser Aufforderung kam sie gemäss Anklage nicht nach und trat mit Füssen nach den Polizisten. Aufgrund dieses Verhaltens verfügte die diensthabende Leiterin der Zentralen Notaufnahme die fürsorgerische Unterbringung der Beschuldigten. Auf der Dienststelle der Stadtpolizei soll sie weiterhin um sich geschlagen haben.

Aus purer Verzweiflung gehandelt

Die Beschuldigte erklärte am Kreisgericht St.Gallen, sie habe aus purer Verzweiflung gehandelt. Ihr damaliger Freund sei hart mit dem Kopf auf dem Strassenpflaster aufgeschlagen. Er sei kurze Zeit bewusstlos gewesen und sie habe befürchtet, er habe eine schwere Kopfverletzung. Er habe sich aber gegen den Krankentransport gewehrt und auch nicht in die Notfallaufnahme gehen wollen. Als sie gesehen habe, wie rüde sie mit ihm umgegangen seien, habe sie ihm beistehen wollen.

Die Frau betonte, sie habe nicht bewusst die Polizeibeamten angegriffen. Es sei ihr nur um das Wohlergehen ihres Freundes gegangen. Niemand habe ihr erklärt, was mit ihm los sei und mit ihm geschehe. Sie sei aggressiv behandelt worden und wisse nur noch, dass sie mit Handschellen im Polizeiauto wieder zu sich gekommen sei.

Schon als Kind in Ausnahmesituationen explodiert

Das Kreisgericht befragte auf Antrag der Verteidigung die Eltern der Beschuldigten. Sie erzählten übereinstimmend, ihre Tochter habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ein «Helferherz». Durch ihre POS-Diagnose sei sie schon als Kind in schwierigen Situationen in grossen Stress geraten und auch explodiert. Sie besuche regelmässig eine Therapie, um mit solchen Ausnahmesituationen besser umzugehen.

Der Verteidiger verlangte einen Freispruch vom Vorwurf der Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte. Die Polizeibeamten seien unangemessen gegen seine Mandantin vorgegangen, die sich in einer Notstandssituation befunden habe. Sie habe während der ganzen Auseinandersetzung ein Hämatom am linken Auge davongetragen. Zudem sei ihre Reaktion auf die Situation nicht vorsätzlich gewesen, sondern lediglich Ausdruck ihrer Angst, dass ihr Freund sterben könnte.

Kreisgericht spricht mildere Strafe aus

Das Kreisgericht St.Gallen erklärte die Angeklagte aber trotz der Argumentation der Verteidigung für schuldig. Nicht nur die drei Polizeibeamten, sondern auch das Securitas-Personal und die leitende Ärztin hätten die Situation ganz anders geschildert als die Beschuldigte, erklärte die Richterin zum Entscheid. Die Ärztin habe beispielsweise ausgesagt, die Frau sei völlig ausgeflippt. Den fürsorgerischen Freiheitsentzug habe sie damit begründet, dass die Beschuldigte ein stark aggressives Verhalten gezeigt habe und sich durch niemanden habe beruhigen lassen.

Der Beschuldigten sei aber zugutezuhalten, dass sie sich grosse Sorgen um ihren Freund gemacht habe. Ausserdem liege aufgrund der POS-Diagnose und der Einnahme von Medikamenten wegen Fiebers eine verminderte Zurechnungsfähigkeit vor. Das Kreisgericht fällte gegenüber der Staatsanwaltschaft deshalb eine mildere Sanktion und verurteilte die Frau zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 40 Tagessätzen zu je 90 Franken. Zudem muss sie die Verfahrenskosten von 1970 Franken bezahlen.

Aktuelle Nachrichten