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KREISGERICHT: 80-Jähriger erhält für Übergriff nur eine Busse

Obwohl ein Rentner über mehrere Jahre ein Mädchen immer wieder sexuell missbraucht hatte, musste er nie vor Gericht erscheinen. Der Staatsanwalt erledigte den Fall mit einem Strafbefehl.
Conradin Knabenhans

Ein heute 80-jähriger Mann aus dem Kanton St. Gallen hatte über mehrere Jahre ein Mädchen immer wieder sexuell belästigt – und ist nun mit einem blauen Auge davongekommen. Eine Gerichtsverhandlung gab es nämlich nicht, der zuständige Staatsanwalt hatte den Fall mit einem Strafbefehl erledigt.

Der Fall schockiert: Der Beschuldigte und seine Lebenspartnerin beherbergten das heute 16-jährige Mädchen oftmals in den Ferien. Schon vor Jahren begann er, das Opfer zu umarmen, es auszukitzeln oder ihm einen Kuss zu geben. Das geht aus dem Strafbefehl hervor. Ab dem 11. Lebensjahr berührte der Beschuldigte sie über den Kleidern. Ab dem 14. Altersjahr steigerten sich die Übergriffe. Beim letzten Vorfall im Juli 2016 griff der Beschuldigte unter die Kleider und drang mit einem Finger in den Intimbereich des Mädchens ein. Insgesamt fasste der Beschuldigte dem Mädchen im Zeitraum von 2015 bis 2016 mehrmals an die Geschlechtsteile. «Trotz des mittlerweile hohen Alters des Beschuldigten war ihm das Unrecht seines Handelns bewusst», heisst es weiter. Obschon es sich um «gravierende Übergriffe» handle, erscheine– «nicht zuletzt auch angesichts des Alters des Beschuldigten» – eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je 50 Franken als angemessen. Die Geldstrafe wurde bedingt ausgesprochen. Lässt er sich in den kommenden zwei Jahren nichts zuschulden kommen, muss der Mann einzig die ausgesprochene Busse von 2000 Franken und rund 1000 Franken Gebühren bezahlen.

Strafbefehle sind umstritten

Strafbefehle sind umstritten, weil der Ankläger gleichzeitig zum Richter wird. Wie kann es sein, dass ein solches Sexualdelikt – mehrfache sexuelle Handlungen mit einem Kind – nie vor ein Gericht kommt und von Dritten beurteilt wird? Das liege an der Schweizer Rechtslage, erklärt Professor Jonas Weber vom Institut für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Bern. «Der Anwendungsbereich des Strafbefehlsverfahrens richtet sich einzig nach dem Strafmass und ist nicht abhängig von der Art der Straftat.» Bis zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen werde ein Strafverfahren von der Staatsanwaltschaft mittels Strafbefehl abgeschlossen, bei einem höheren Strafmass muss beim Gericht Anklage erhoben werden. Allerdings stellt Rechtsprofessor Weber klar: «Ich persönlich bin der Meinung, dass das Strafbefehlsverfahren für Gewalt- und Sexualstraftaten vom Gesetzgeber eingeschränkt werden müsste.» Weber schlägt vor, dass sich das Opfer bei solchen Straftaten dazu äussern kann, ob ein Verfahren mittels Strafbefehl abgeschlossen wird oder ob eine gerichtliche Hauptverhandlung stattfinden müsste.

Conradin Knabenhans

ostschweiz@tagblatt.ch

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