Den St.Galler Krebsen droht weit Böseres als Corona – Krebspest wütet an der Sitter

So erfreulich sich die Krebsbestände im Kanton St.Gallen entwickeln, so gefährlich ist der Pilz, der Tausende innert zehn Tage dahinrafft.

Marcel Elsener
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Bilder: Ralph Ribi

«So viele schöne Exemplare in so kurzer Zeit habe ich noch nie gefangen.» Das gibt ein köstliches Festmahl, auch wenn man vom wenigen Fleisch in den Scheren nicht satt wird. 62 grössere Edelkrebse sortiert Michael Kugler an diesem Morgen am Wannenweiher in Rorschacherberg aus, und dabei setzt er über 300 Kleinere und Jüngere wieder zurück ins trübe Wasser.

Abends zuvor hat er zehn Reusen eingesetzt, belegt mit Weissfischen und Cervelatstücken, die Ausbeute entspricht dem erfreulich gesunden Bestand: Geschätzte 3000 Edelkrebse dürfte es im Weiher geben, einem von rund 25 Gewässern im Kanton St.Gallen, wo diese einheimische Krebsart vorkommt. Fressfeinde müssen sie hier nicht fürchten, nur sich selber als Kannibalen. Von Kämpfen zeugen nachgewachsene Scheren, die Kugler zeigt:

«Ausser den Augen können die Krebse quasi alle Körperteile ersetzen, bei jeder ihrer mehrfach jährlichen Häutungen.»

Erstaunlich - als Laie kennt man das nur von Eidechsenschwänzen.

Gefährdet, aber nicht so stark bedroht wie Steinkrebse

Edelkrebse dürfen unter strengen Auflagen genutzt werden; Kugler, Krebsfachmann im Amt für Natur, Jagd und Fischerei, ist als Privatperson nebst fünf Fischern auch Pächter für Krebse im Wannenweiher, am jährlichen Pächteressen steuert er die Vorspeise bei. Zur Handvoll Krebsnutzer im Kanton zählen ausserdem die Pächter des Stadtweihers Wil und des Wiesenbachs in Abtwil. Wieviel Tausend Edelkrebse es im Kanton gibt, lässt sich schwer beziffern, es ist jedenfalls nur ein minimes «Reliktvorkommen» im Vergleich zur gewaltigen Biomasse noch vor 150 Jahren, als Krebse in der Schweiz flächendeckend in praktisch jedem Bach und Weiher vorkamen. Edelkrebse gelten als bedroht; zum Schutzkonzept gehört es, viele dezentrale Bestände in Weihern, Bächen und Flüssen zu fördern.

Seltener und streng geschützt: Ein St. Galler Steinkrebs, wie er beispielsweise in Abtwil und St. Margrethen zu finden ist.

Seltener und streng geschützt: Ein St. Galler Steinkrebs, wie er beispielsweise in Abtwil und St. Margrethen zu finden ist.

Bild: Rainer Kühnis

Stärker bedroht und streng geschützt sind die beiden anderen einheimischen Flusskrebsarten: Stein- und Dohlenkrebse sind deutlich kleiner als der Edelkrebs und leben bevorzugt in kleinen Bächen. Im nationalen Aktionsplan Flusskrebse werden für den Steinkrebs die zehn wichtigsten Populationen in der Schweiz aufgelistet – jede ein sogenannter Genpool mit eigenem schutzwürdigen, lokal angepassten Ökotyp des Steinkrebses. Drei davon liegen im Kanton St.Gallen: Tannenberg, St.Margrethen, Kaltbrunn. Im grossen Genpool rund um den Tannenberg gibt es etliche Bäche in Abtwil, Waldkirch und Bernhardzell mit sehr vitalen Steinkrebsbeständen.

Gegen die «Amerikaner» lässt sich fast nichts ausrichten

Die zweite streng geschützte Flusskrebsart ist der Dohlenkrebs, der im Kanton an zwei Orten krabbelt, nämlich im Fehrbach in Mels, kein echter Eidgenosse, sondern vermutlich Nachkomme jener Krebse, die der Prättigauer Hauptmann von Ott im Mittelalter aus Holland mitbrachte; sowie seit 30 Jahren in einem Naturschutzweiher in Abtwil, Herkunft ebenfalls ausländisch und unbekannt. Mehr Dohlenkrebse finden sich vor allem im Liechtensteinischen (siehe Zweittext).

Die Bemühungen um weniger Pestizide und bessere Gewässerqualität helfen den Lebensräumen der Krebse. Heute kommen die als «Gesundheitspolizisten» geschätzten Tiere, die fast alles organische Material fressen, vereinzelt in etlichen st.gallischen Bächen vor. Trotzdem gelte es die oft verbauten und von Landwirtschaft, Industrie, Verkehr und Siedlungen bedrängten Lebensräume weiter zu verbessern, sagt Kugler und erwähnt Revitalisierungen wie 2018 im Werdenberger Binnenkanal.

Invasive Arten setzten zu

Wie fragil die Populationen sind, zeigen Gülle- oder andere Verschmutzungen, die bachabschnittsweise ganze Gruppen vernichten. Schlimmer noch setzen den einheimischen Flusskrebsen seit Jahren die invasiven amerikanischen Arten der Kamber- und Signalkrebse zu: Letztere haben die für einheimische Flusskrebse absolut tödliche Krebspest eingeschleppt, sind selber aber resistent dagegen. Wo sich die «Amerikaner» etabliert haben, wie am Bodensee, müssten die Krebsfachleute «die Einheimischen aufgeben», sagt Kugler. Nur ganz selten und mit grösstem Aufwand, wie unlängst an einem Weiher in Wartau, lohnt sich die Gegenwehr: Weil es weit und breit die einzige amerikanische Population war, konnten so die nahe gelegenen Dohlenkrebsbestände geschützt werden.

Die Krebspest, ein Pilz, ist für einheimische Krebse zu 100 Prozent tödlich; sie werden von innen durchwuchert und verenden innert zehn Tagen, wobei sie im Krankheitsstadium mobiler sind als sonst, also die Pest noch verschleppen. Eine Infektion bedeutet, wie jüngste Fälle in der Glatt in Oberuzwil sowie am Aathalweiher in Uznach zeigen, stets «Totalausfälle» – sprich der gesamte Bestand von Hunderten Krebsen in einem Gewässer stirbt.

Jede Person oder jedes Tier kann Sporen einschleppen

Die Ausbreitung der Pilzsporen erfolgt über Wasser. Somit kann jede Person oder jedes Tier Sporen einschleppen. In der Sitter, wo sowohl Edel- als auch Steinkrebse leben, wütet die Krebspest im unteren Teil seit dem vergangenen Winter und flussaufwärts, wie zu befürchten ist. Der Auslöser ist unbekannt: Wenige Sporen aus einem befallenen Gewässer wie dem Bodensee, durch Hunde, Angler, Badende oder auch fischfressende Vögel ins Wasser getragen, reichen für die verheerende Wirkung – der Vergleich mit Corona liegt auf der Hand. Kugler sagt:

«Wir Menschen sollten uns dieses Risikos bewusst sein und entsprechend handeln»

Sprich als Angler die Stiefel und Geräte reinigen oder als Flussbadende die Badehose wechseln und die Luftmatratze abtrocknen, wenn es nach dem See noch in einen Bach geht. Krebssperren mögen zum Schutz von Bächen in höheren, abgeschiedenen Gebieten helfen, doch wo der Mensch seine Freizeitaktivitäten verstärkt, spitzen sich die Konflikte zu. Auch dies hat sich im «Corona-Sommer» gezeigt: Ruhestellen für Fische und Krebse wie kühlere Pools sind gleichzeitig attraktive Badestellen für Menschen, die zu Pandemiezeiten die Abgeschiedenheit suchen. Mit anderen Worten: Wer seinen Aktionsradius erweitert, beschränkt und bedroht einen andern – ausser eben er lässt, wie bei sich selber, höchste Vorsicht walten.

Angesichts der Krebspestattacken umso wichtiger ist das soeben lancierte Projekt der beiden Appenzell zur Aussiedlung von Steinkrebsen an der Urnäsch, also im Oberlauf der Sitter. Erst recht, weil Anfang Jahr nach einem Unfall in Gonten 20000 Liter Gülle in den dortigen Schwarzbach flossen und drei Viertel des einzigen Appenzeller Steinkrebsbestandes vernichteten.

Der Biber als Helfer

Good Krebs News aus Liechtenstein: Die seit den 1980er-Jahren gemachten Wiederansiedlungen der damals verschwundenen Edel- und Dohlenkrebse sind von anhaltendem Erfolg gekrönt. Heute kommen die beiden Arten wieder in grossen Beständen vor; zudem lebt unweit der Landesgrenze in Göfis (Vorarlberg) eine Population von Steinkrebsen. Im Gegensatz zur Ostschweiz blieb Liechtenstein bislang von der Krebspest verschont und fremde Arten konnten nicht nachgewiesen werden, obwohl sie am Bodensee und über dem Rhein in Bad Ragaz im Vormarsch sind. «Es gibt nur Positives zu berichten», sagt Krebsfachmann Rainer Kühnis, der gerade das neue Flusskrebsinventar des Fürstentums erarbeitet.

So besiedelten die Dohlenkrebse neue Gewässer, was dem Biber zu verdanken sei: Der staut Quellbäche im Talraum, wodurch «die normalerweise winterwarmen und sommerkalten Quellgewässer in winterkalte und sommerwarme Gewässer verwandelt werden», erklärt Kühnis. Wenn diese Bäche im Sommer 15 und mehr Grad erreichen, während sie im Winter in den Staubereichen abkühlen, komme das den Krebsen zugute. Auch die Edelkrebse profitierten von Strukturen, die der Biber in den monotonen Kanälen geschaffen hat. Doch habe die Jagd durch Hechte, Bisam und andere Krebsräuber den Bestand ausgelichtet. Zudem schaffe die wuchernde kanadische Wasserpest in kleinen Gewässern Platzprobleme. Während die exotische Pflanze Jungkrebsen einen guten Unterschlupf biete, könnten sich kapitale Elterntiere kaum noch bewegen.

Welche Bedeutung Liechtenstein für Flusskrebse hat, zeigte 2017 eine internationale Flusskrebstagung mit über 80 Teilnehmern aus acht Nationen in Vaduz. Unter den Referenten auch Kühnis und Kugler, die überdies gemeinsam das Flusskrebsinventar des Kantons Schwyz erstellten – eine Fachfreundschaft mit grenzübergreifender Wirkung. (mel)

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