«Krass, krass»: Tod am Galgen – St.Galler Klimaaktivisten provozieren mit Pseudo-Hinrichtung

Die Klimakrise tötet: Diese Botschaft haben St.Galler Klimaaktivisten in eine drastische Inszenierung verpackt. Kritik war dabei einkalkuliert – und sie kam.

Daniel Walt
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Es ist ein verstörender Anblick: Ein überdimensionaler Galgen steht auf dem St.Galler Kornhausplatz. Drei junge Menschen warten auf den Tod durch Erhängen. Jeder von ihnen hat einen Strick um den Hals. Nur Eisblöcke, auf denen die Jugendlichen stehen, verhindern, dass die zum Tode Verurteilten am Galgen baumeln. Bloss: Das Eis wird weniger. «Uns schmilzt die Zeit davon», heisst es denn auch auf einem Plakat, das Aktivisten vom Kollektiv Klimastreik Ostschweiz an die Konstruktion angebracht haben.

Ein Galgen und Menschen, die in Kürze stranguliert werden: Das ist scharfer Tobak. Das gibt auch Miriam Rizvi vom Kollektiv Klimastreik Ostschweiz unumwunden zu. Sie sagt:

«Wir haben uns bei dieser Aktion für ein starkes Bild entschieden. Doch die Klimakrise tötet.»

Der Galgen symbolisierte bei der Inszenierung, die am Samstag stattfand, die Klimakrise beziehungsweise die Politik – und das am Boden befindliche Eis die Zeit, die im Kampf gegen die Krise zerrinnt.

Miriam Rizvi, Kollektiv Klimastreik Ostschweiz. (Bild: Urs Bucher)

Miriam Rizvi, Kollektiv Klimastreik Ostschweiz. (Bild: Urs Bucher)

Laut Rizvi war die Provokation bei dieser Aktion Programm. Die Politik habe die Dringlichkeit der Klimakrise nach wie vor nicht verstanden, begründet die Kantonsschülerin. Reaktionen waren dementsprechend einkalkuliert.

Und sie kamen. «Viele machten Fotos und suchten das Gespräch mit uns. Es gab aber auch Leute, die fanden, diese Aktion sei zu radikal.» Die Antwort der Klimaaktivistin auf diesen Vorwurf lautet wie folgt: «Diese Szenerie ist nicht radikal, sondern an diversen Orten der Welt bereits Realität. Die Klimakrise richtet eine ganze Generation indirekt hin – und man ist sich dessen noch gar nicht bewusst.»

«Eine Gratwanderung»

«Krass, krass»: Das geht Judith Eisenring beim Anblick der Bilder der Aktion durch den Kopf. Als Leiterin der Geschäftsstelle Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein der Dargebotenen Hand (Telefon 143) ist sie auf Inszenierungen im öffentlichen Raum, die mit dem Thema Tod zu tun haben, besonders sensibilisiert. Das Ganze sei sicherlich eine Gratwanderung, erklärt sie auf Anfrage. Aber vielleicht brauche es in unserer medialisierten Gesellschaft solch provokative Ansätze, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Als geschmack- oder gar pietätlos empfindet Eisenring die Pseudo-Hinrichtung nicht, wie sie sagt. Zum einen betont sie, dass es bei der Aktion nicht etwa um das Nachstellen eines Suizids, sondern einer Fremdtötung gegangen sei. Die Inszenierung mit dem Galgen und dem dahinschmelzenden Eis ist in ihren Augen Mittel zum Zweck:

«Es geht darum, aufzuzeigen, dass wir es bei der Klimakrise mit einer tickenden Zeitbombe zu tun haben und dass es wirklich um Leben oder Tod geht.»
Judith Eisenring, Dargebotene Hand (Telefon 143). (Bild: pd)

Judith Eisenring, Dargebotene Hand (Telefon 143). (Bild: pd) 

Weiter betont Judith Eisenring, die Jugendlichen seien bei ihrer Aktion im legalen Rahmen geblieben und nicht etwa anonym, sondern mit ihren Gesichtern für ihr Anliegen eingestanden. Das Engagement der Klimajugend steht für Eisenring ganz grundsätzlich in einem scharfen Kontrast zur «No future»- beziehungsweise «Nach uns die Sintflut»-Haltung, die vielerorts zu beobachten sei. Eisenring bezeichnet die Aktion denn auch als «legitim und nachvollziehbar».

«Drastisch, aber nicht diskriminierend»

Amnesty International setzt sich weltweit für die Abschaffung der Todesstrafe unter anderem durch Erhängen ein. Was sagt diese Organisation zur Galgen-Aktion der St.Galler Klimaschützer? Beat Gerber, Mediensprecher des Schweizer Amnesty-Ablegers, hält fest: «Aus unserer Sicht handelt es sich um eine legitime Form der freien Meinungsäusserung zu einem Anliegen, das auch für uns dringlich ist.»

Beat Gerber, Amnesty International. (Bild: pd)

Beat Gerber, Amnesty International. (Bild: pd)

Die Inszenierung sei zwar drastisch, sie diskriminiere aber niemanden – «und zu Stilfragen bei Kampagnen anderer Nichtregierungs-Organisationen äussern wir uns nicht», so Beat Gerber weiter. Das Verwenden des Galgens als Symbol könne anderen Organisationen nicht verboten werden.

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Galgen in Eigenregie gebaut

Miriam Rizvi vom Klimakollektiv Ostschweiz betont, es sei den Initianten in keiner Art darum gegangen, Gefühle zu verletzen – beispielsweise jene von Angehörigen von Menschen, die hingerichtet worden seien. «Wir sind klar gegen die Todesstrafe», so Rizvi. Und was ist mit Kindern, welche die Aktion mitbekommen haben? «Unsere ganze Gesellschaft ist voll von Gewalt: Das TV-Programm, Bücher, Comics», antwortet Rizvi. Mit entsprechenden Erklärungen hätten Eltern ihren Sprösslingen den Sinn und Zweck der Aktion sicherlich näherbringen können, ist sie überzeugt.

Die Galgen-Inszenierung kam bereits einmal bei einer Demonstration der Organisation «Fridays for future» in Köln zur Anwendung. Davon liessen sich die St.Galler Klimastreiker inspirieren. Die Aktion war von der Polizei bewilligt – laut Rizvi stellte diese im Vorfeld mehr Fragen an die Klimaaktivisten als vor einer gewöhnlichen Standaktion. Zehn bis zwölf Jugendliche waren laut Rizvi schliesslich an der Inszenierung beteiligt, der Galgen wurde in Eigenregie gebaut. Dabei war auch die Sicherheit ein Thema. So trugen die Jugendlichen, welche die Todeskandidaten mimten, zwar tatsächlich einen Strick um den Hals – er war aber lose. Rizvi:

«Selbst ohne das Eis, auf dem sie standen, wären sie nicht stranguliert worden.»

«Klar, diese Gefahr besteht», antwortet die St.Galler Aktivistin auf die Frage, ob die Klimajugend durch solche provokativen Aktionen nicht an Sympathien in der Bevölkerung einbüsse. Aber Leute, welche der Klimajugend wegen dieser Inszenierung nun den Rücken kehrten, sähen die Dringlichkeit der Klimakrise nicht. Die Mehrheit der Rückmeldungen vor Ort sei ohnehin positiv gewesen, hält sie fest. Rizvi führt das darauf zurück, dass die Klimakrise als Thema mittlerweile omnipräsent und das Klimakollektiv in der Ostschweiz auch bekannt sei.