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Kranken Ostschweizer Kindern fehlen die Ärzte

In der gesamten Ostschweiz fehlen Kinderärztinnen und Kinderärzte. Die Gründe für das Problem sind vielschichtig. Entschärfen könnte sich die Lage, wenn in der Ostschweiz ausgebildete Mediziner in der Region bleiben.
Rossella Blattmann
Nicht nur in Praxen auf dem Land, sondern auch in Ostschweizer Spitälern mangelt es an Kinderärzten. (Bild: Reto Martin)

Nicht nur in Praxen auf dem Land, sondern auch in Ostschweizer Spitälern mangelt es an Kinderärzten. (Bild: Reto Martin)

Fieber. Weinen. Das Gesicht des zwei Monate alten Babys glüht. Doch wohin mit dem kranken Kind? Die naheliegende Antwort lautet: zum Kinderarzt. Doch in der Ostschweiz ist dieser Schritt gar nicht so einfach, denn: Hier herrscht akuter Kinderärztemangel. In der Stadt St.Gallen ist die Lage nicht ganz so prekär. Doch im Rest des Kantons St.Gallen sowie in den beiden Appenzell und im Kanton Thurgau fehlen die Kinderärzte. Roger Lauener, Chefarzt Pädiatrie des Ostschweizer Kinderspitals in St.Gallen, sagt:

«In der Ostschweiz herrscht Kinderärztemangel. Nicht nur in den Praxen. Die Situation hat sich auf die Spitäler ausgebreitet.»

Auch im Ostschweizer Kinderspital mache sich der Mangel immer mehr bemerkbar. «Ohne Kolleginnen und Kollegen, die im Ausland ausgebildet wurden, könnten wir unsere Patienten nicht versorgen.»

Eltern suchen vermehrt Spitäler auf

In Wil ist die Lage prekär. So berichteten vergangene Woche diverse Medien, dass eine Familie mit ihrem kranken Kind bis ins Kantonsspital Winterthur fahren musste, weil sämtliche Kinderärzte in der Region ausgebucht waren. Lauener bestätigt: «In Wil ist die Situation besonders schwierig.» Dass Ostschweizer Eltern gezwungen sind, mit ihrem kranken Kind in den Kindernotfall eines Spitals auszuweichen, ist
für Lauener jedoch nichts Neues.

«Wenn Eltern wegen ihres kranken Kindes in Sorge sind und keine Kinderärztin oder keinen Kinderarzt vor Ort finden, wenden sie sich vermehrt auch direkt an unsere Notfallstation.»

Andreas Würmli, Altstätter Kinderarzt und Präsident des Vereins für Ostschweizer Kinderärzte, bestätigt, dass immer mehr Eltern mit ihren kranken Kindern ins Spital ausweichen müssen, weil die Kinderärzte ausgebucht sind. Jedoch würden Eltern nicht nur wegen des Kinderärztemangels vermehrt Spitäler aufsuchen. «Familien mit Wurzeln im Ausland sind sich unsere Gesundheitsversorgung oft nicht gewohnt», sagt Würmli. Für viele bestehe der Reflex: Notfall gleich Spital.

Warum in der Ostschweiz nicht mehr Kinderärzte praktizieren, hat gemäss Lauener verschiedene Gründe. «Die Leute tendieren dazu, sich dort niederzulassen, wo sie studieren.» Für das Medizinstudium in der Schweiz treffe dies insbesondere auf die Umgebung von Zürich, Bern und Basel zu. Lauener setzt daher grosse Hoffnungen in den «Joint Medical Master», den das St.Galler Stimmvolk im Juni angenommen hat und der das Medizinstudium in zwei Jahren auch an die Universität St.Gallen holt. «Wir hoffen, dass die Kinderärzte, die wir in der Ostschweiz ausbilden, auch in der Ostschweiz bleiben.» Ob Letzteres eintreffe, werde man sehen, sobald die ersten Studenten den «Joint Medical Master» abgeschlossen hätten.

Behandlung von Kindern erfordert mehr Zeit

Roger Lauener, Chefarzt Pädiatrie am Ostschweizer Kinderspital. (Bild: Urs Bucher)

Roger Lauener, Chefarzt Pädiatrie am Ostschweizer Kinderspital. (Bild: Urs Bucher)

Ein weiterer Grund für den Kinderärztemangel: Die Pädiatrie biete im Vergleich mit anderen medizinischen Fachrichtungen finanziell einen geringeren Anreiz, sagt Lauener. «In der Pädiatrie setzen wir, um das Kind zu schonen, weniger technische Untersuchungen wie zum Beispiel Blutanalysen oder Röntgen ein.» Diese Untersuchungen kosten Geld. «Fehlen sie, wird auch weniger vergütet. Der behandelnde Kinderarzt bekommt weniger Lohn.» Doch es liegt nicht nur an den vergleichsweise tieferen Löhnen, dass in der Ostschweiz zu wenig Kinderärzte praktizieren. «Ein Teil der potenziellen Kinderärzte sieht den Beruf als besonders intensiv an.» Ein Kind zu behandeln, erfordere besondere Sensibilität und mehr Zeit als bei einem erwachsenen Patienten. Lauener betont:

«Ein schwerkrankes Kind leiden zu sehen ist nicht einfach zu ertragen.»

Bei einem Kind seien auch immer die Eltern dabei. «Als behandelnder Arzt darf man Mutter und Vater eines Kindes nie vergessen.»

Dass der Beruf des Kinderarztes eine hohe Belastbarkeit erfordert, bestätigt Slavko Mirjanic, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Herisau. «Wir haben täglich 50 bis 60 Patienten, manchmal auch mehr.» In seiner Praxis nehme er nur noch neugeborene Babys auf, für andere Kinder habe er keine Kapazität mehr. Pro Monat seien das 20 bis 40 neue Patienten. Auch im Kanton Appenzell Ausserrhoden sei es für die Eltern schwer, einen Kinderarzt in der Nähe des Wohnorts zu finden. «Es herrscht eine ähnliche Situation wie bei allen Kollegen in der Region.» Zum Glück gebe es auch Hausärzte, die grössere Kinder ab zirka sechs Jahren betreuen würden. Dass Mirjanic ausgelastet ist, zeigt auch sein hohes Arbeitspensum:

«Ich arbeite im Durschnitt zwölf Stunden pro Tag. Manchmal auch mehr.»

Betreffend der Anzahl Medizinstudenten, die sich für die Fachrichtung Kinder- und Jugendmedizin entscheiden, lässt folgendes Statement Laueners aufhorchen: «Die Anzahl der Absolventen, die den Facharzt in Kinder- und Jugendmedizin machen, ist über die Jahre hinweg mehr oder weniger gleich geblieben. Wir haben einfach viel zu wenig Ärzte, die den Beruf des Kinderarztes dann auch tatsächlich Vollzeit ausüben.»
Der oberste Pädiater des Ostschweizer Kinderspitals spricht auch den Punkt Teilzeitarbeit an.

Dies betreffe vor allem die Kinderärztinnen: «60 bis 80 Prozent der Studierenden, die den Facharzt in Kinder- und Jugendmedizin machen, sind Frauen.» Zum Zeitpunkt des Abschlusses seien sie meist 32 bis 35 Jahre alt, ein Alter, in dem auch das Thema Familienplanung ins Spiel komme. «Die Kinderärztinnen, die im Beruf bleiben, sei es in einem Spital oder in einer Praxis, reduzieren ihr Pensum», sagt Lauener. Und für eine 100-Prozent-Stelle, für die es früher eine Person brauchte, benötige man neu zwei oder drei Personen. Auch manche Männer möchten gerne Teilzeit arbeiten, um mehr Zeit für die Familie zu haben. «Gerade als Kinderarzt finde ich dies eigentlich schön – aber es erschwert die Situation.»

Auf 4000 Kinder kommt ein einziger Arzt

Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht, in welchem Ausmass den kranken Kindern in der Region die Ärzte fehlen. «Momentan praktizieren in der Ostschweiz gut 50 Kinderärztinnen und Kinderärzte», sagt Andreas Würmli. Laut Bundesamt für Statistik lebten Ende 2017 in den beiden Appenzell, im Kanton St. Gallen und im Kanton Thurgau insgesamt 210405 Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 19 Jahren. Daraus folgt: Auf 4000 Kinder kommt ein einziger Kinderarzt.

Trotzdem bleibt Kinderarzt ein Traumberuf. «Kinder sind sehr dankbare Patienten. Es ist schön, kann ich helfen, dass sie wieder gesund werden», sagt der Herisauer Kinderarzt Slavko Mirjanic. Damit sich ein Kinderarzt voll dem Beruf widmen könne, sei vor allem eins wichtig: «Man braucht die Unterstützung der Familie. Sonst ist man schnell überfordert.» Mirjanic sagt über seinen Beruf: «Das Schönste ist, wenn mich die Kinder erkennen und stolz sind, wenn sie mich in der Stadt treffen. Das ist eine schöne Anerkennung.»

Medizin studieren in St.Gallen

Kinderärzte in der Ostschweiz setzen grosse Hoffnung in den «Joint Medical Master». Dieser soll auch wieder mehr Kinderärzte in die Ostschweiz bringen. Das St.Galler Stimmvolk hat am 10. Juni Ja zur Ärzteausbildung an der Universität St.Gallen gesagt. Beim «Joint Medical Master» arbeiten die Universitäten St.Gallen und Zürich sowie das St.Galler Kantonsspital zusammen. Der «Joint Medical Master» sieht ein Bachelorstudium in Zürich und anschliessend ein Masterstudium in St.Gallen vor. Im Herbst 2017 haben die ersten Studentinnen und Studenten an der Universität Zürich ihr Medizingrundstudium mit dem «St. Galler Modell» begonnen. 2020 werden die ersten 40 Studentinnen und Studenten ihr Masterstudium an der Universität St.Gallen beginnen. Im Sommer 2023 werden sie ihre Ausbildung abschliessen. (bro)

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