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Krank statt integriert

Traumatisierte Flüchtlinge
Tobias Hänni

Sie sind vor Krieg geflüchtet, vor Folter oder verheerenden Naturkatastrophen. Sie haben auf ihrer Flucht Familienangehörige verloren, sahen Menschen sterben oder wurden vergewaltigt. Flüchtlinge haben häufig Schreckliches durchgemacht. Und das Erlebte hinterlässt seine Spuren: Gemäss Schätzungen leiden bis zu 50 Prozent an einer psychischen Krankheit. In den meisten Fällen handelt es sich um eine posttraumatische Belastungsstörung, eine Krankheit, von der auch zahlreiche Kriegsveteranen betroffen sind und die eigentlich behandelt werden müsste.

Allerdings besteht bei der Behandlung traumatisierter Migranten in der Schweiz eine eklatante Unterversorgung. Schon 2013 wurde in einer Studie im Auftrag des Bundes festgestellt, dass mehrere Hundert Therapieplätze fehlen – ein Mangel, der sich mit der Flüchtlingskrise 2015/16 noch zusätzlich verschäft haben dürfte. In spezialisierten Traumazentren für Flüchtlinge sind die Wartezeiten für einen Behandlungsplatz lang; bis zu eineinhalb Jahre etwa am Ambulatorium für Kriegs- und Folteropfer in Zürich. Viele traumatisierte Flüchtlinge müssen deshalb alleine mit ihrer psychischer Krankheit fertig werden. Die Folge: Schlafstörungen, chronische Schmerzen, Depressionen.

Unbehandelte Traumata und ihre Folgekrankheiten verunmöglichen auch die soziale und berufliche Integration: Betroffene isolieren sich, vermeiden sämtliche Situationen, welche die belastenden Erinnerungen auslösen könnten. Der zunehmende Rückzug wiederum verstärkt die psychischen Leiden. Ein Teufelskreis mit hohen Folgekosten für die Gesellschaft: Früher oder später endet die Negativspirale in der Sozialhilfe. Auf lange Frist käme es deshalb günstiger, genügend Therapieplätze für psychisch kranke Flüchtlinge zu schaffen.

Allerdings scheinen es weder der Bund noch die Kantone besonders eilig zu haben. So ist die Finanzierung von Dolmetschern, die bei der psychiatrischen Behandlung von Flüchtlingen fast immer nötig sind, seit Jahren ein ungelöstes Problem. Und eines, das massgeblich zum Mangel an Therapieplätzen beiträgt. Denn die Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht, da Übersetzungsdienste nicht als medizinische Leistungen gelten. Und trotz einer Empfehlung der kantonalen Gesundheitsdirektoren von 2011 leisten bis heute die wenigsten Kantone einen Beitrag. Die Kosten bleiben deshalb bei den Therapeuten hängen. Verständlich, dass viele keine Flüchtlinge behandeln wollen. Eine einheitlich geregelte Finanzierung von Dolmetschern wäre deshalb ein wichtiger Schritt, um der Unterversorgung bei der Behandlung traumatisierter Flüchtlinge entgegenzuwirken.

Tobias Hänni

tobias.haenni@ostschweiz-am-sonntag.ch

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