Kosten-Poker um Glasfasernetz

Stadtwerke und kommunale Elektrizitätswerke investieren in Glasfasernetze. Ob sich ihre Investitionen in die neue Technologie rechnen, ist ungewiss. Trotzdem wird Zuversicht verbreitet – zum Beispiel im St. Galler Stadtrat.

Andreas Kneubühler
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Glasfasernetz: In St. Gallen soll es bis in 25 Jahren refinanziert sein. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Glasfasernetz: In St. Gallen soll es bis in 25 Jahren refinanziert sein. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Quer durch die Schweiz werden momentan Glasfasernetze geplant. Als erste haben in St. Gallen die Stadtwerke mit dem Bau eines 78 Mio. Franken teuren Netzes begonnen. In Zürich wollen die EWZ für 430 Mio. Franken ein ähnliches Projekt realisieren. Glasfasernetze sind aber auch in diversen Gemeinden ein Thema. Energie Wattwil plant zusammen mit der Genossenschaft Holzenergiezentrum Toggenburg (HEZT) ein Glasfasernetz in Nesslau und Neu St. Johann. Auch in den beiden Appenzeller Halbkantonen soll die neue Technologie angeboten werden.

Hier testen die St. Gallisch Appenzellischen Kraftwerke (SAK) vorerst die technische Machbarkeit in einem Pilotprojekt in Herisau.

Refinanziert in 25 Jahren?

Die Initianten streichen vor allem die Vorteile der ultraschnellen Datenverbindungen heraus. Über Zahlen wird hingegen weniger gerne gesprochen. Das liegt daran, dass die Kalkulationen der Elektrizitätswerke auf Annahmen über die Marktentwicklung beruhen, die sich erst in einigen Jahren bestätigten werden – oder auch nicht.

In der Stadt St. Gallen sollen die Investitionen beispielsweise in 25 Jahren refinanziert sein.

Marktbeispiel St. Gallen

Der Grund für die Unsicherheit liegt vor allem bei der Zusammenarbeit mit der Swisscom. Der ehemalige Staatsbetrieb beteiligt sich in St. Gallen, Zürich, Basel, Bern und Genf an den Investitionen für den Bau des Glasfasernetzes. Konkret werden jeweils Kabel mit vier Fasern verlegt.

Als Ausgleich für die Kostenbeteiligung erhält die Swisscom das Nutzungsrecht an der Hälfte der Fasern.

Das Problem dabei: Damit fällt für Netzbauer wie die St. Galler Stadtwerke der beste Kunde für die beiden übrigen Fasern weg. Sie müssen nun darauf bauen, dass die Konkurrenten der Swisscom genügend Kunden gewinnen, damit sich ihre Investitionen doch noch rechnen. Wie der Markt spielen wird, zeigt sich momentan in St. Gallen, wo bereits ein Quartier ans Glasfasernetz angeschlossen ist.

Gegen die Swisscom treten der lokal verankerte Provider MHS@Internet AG sowie MyGate AG mit Sitz in Zürich an. Alle Anbieter müssen die Kunden in erster Linie überzeugen, für mehr Bandbreite mehr zu zahlen als heute. Momentan liegen die Offerten für Bündelangebote mit allerdings unterschiedlicher Ausgestaltung zwischen 99 bis 111 Franken pro Monat.

Klar scheint, dass das Geschäft vor allem über Kombiangebote für Festnetz, Internet und Fernsehen aus einer Hand laufen wird.

TV-Angebot massgebend

«Alles andere finanziert sich nicht», sagt Matthias Hertzog, Geschäftsleiter der MHS@Internet AG. Seiner Meinung nach wird weniger der Preis ausschlaggebend sein, als die Ausgestaltung des TV-Angebots.

Die Zahl der Sender, aber auch Aufzeichnungsfunktionen oder Video on Demand sollen den Unterschied ausmachen. Bei Präsentationen habe dies die Kunden weitaus am meisten interessiert, weiss Hertzog.

Beide Anbieter müssen nun den Kunden schmackhaft machen, bestehende Verträge für den TV-Anschluss mit der Cablecom, für das Festnetz oder Internet mit Swisscom, Sunrise oder anderen Providern zu kündigen und zu ihnen zu wechseln.

«Wir übernehmen den Aufwand für die Kündigungen», wirbt Stefan Leonhardt, verantwortlich für das Marketing bei Mygate.

Harte Konkurrenz

Dass es nicht einfach ist, gegen die Swisscom anzutreten, zeigen allerdings die Erfahrungen von Orange und Sunrise im Mobilfunk. Der ehemalige Monopolbetrieb hält dort konstant einen Marktanteil von 60 Prozent und ist in anderen Bereichen erfolgreich am Ausbauen: Im «Tages-Anzeiger» erklärte Swisscom-CEO Carsten Schloter

letzthin, dass sein Unternehmen «in Schlüsselmärkten wie Mobilfunk und Breitband drei von vier Neukunden, im digitalen Fernsehen sogar vier von fünf gewinnt».

Stadtrat ist sich sicher

Ob unter diesen Vorzeichen die Rechnung der St. Galler Stadtwerke, des EWZ und der SAK – falls es dort auch zu einer Kooperation mit der Swisscom kommen sollte – aufgeht, ist offen. Wie hoch der Marktanteil der Swisscom-Konkurrenten jeweils sein müsste, wird nicht bekanntgegeben.

Keine Zweifel hat der St. Galler Stadtrat: Der Einstieg der Swisscom führe voraussichtlich zu einer kleineren Anzahl von Kunden, heisst es in der Antwort auf eine Anfrage aus dem Stadtparlament. Diese Mindereinnahmen würden aber durch den Finanzierungsanteil der Swisscom kompensiert, rechnet der Stadtrat vor, ohne dies mit Zahlen zu belegen.