KOSOVO: Reportage aus Kosovo: Eine Appenzellerin bringt Roma-Kindern das Spielen bei

Spielen hat im Kosovo kaum Tradition. In den Kindergärten, die die Appenzeller Kindergärtnerin Erika Masina dort einrichtet, sollen die Kinder spielen statt stillsitzen.

Kaspar Enz
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  • Erika Masina reist seit elf Jahren immer wieder nach Kosovo
  • In der Roma-Siedlung in Gjakova hat sie einen Kindergarten aufgebaut
  • Masina arbeitet auch daran, die Ausbildung lokaler Kindergärtnerinnen zu verbessern.
  • Ab der Korruption und der Vetternwirtschaft im Land platzt ihr manchmal der Kragen.


«Mirëmengjes, Mirëmengjes». Erika Masina dreht sich mit den Kindern im Kreis zum «Guten Morgen»-Lied. Bald sitzen sie auf den Teppichen des Kindergartens, spielen mit Klötzen. Hier wächst ein Turm seinem Erbauer über den Kopf, dort wird ein Dach länger und länger. «Beinahe Architektur. Die Kinder spielen schön hier.» Es sind nur zwei kleine Zimmer im Gemeindezentrum der Roma-Siedlung am Stadtrand von Gjakova im Westen des Kosovos. Aber Masina ist stolz auf den kleinen Kindergarten. 
 

Als die Appenzeller Kindergärtnerin vor elf Jahren zum ersten Mal hier war, war Ali Ibra ein Slum. Vier von fünf Kindern gingen nicht zur Schule. «Viele Roma hatten Angst, dass ihre Kinder an den normalen Schulen diskriminiert würden», sagt Nagihan Xërxa, Koordinatorin des Projekts bei Caritas Kosovo. «Manche fanden, ihre Kinder müssten zu Hause helfen.»
 

Über 100 Familien wohnen in der Siedlung

Diese Missstände waren für Caritas Schweiz Grund genug, schon bald nach dem Krieg in der Roma-Siedlung beim Wiederaufbau zu helfen. Heute wohnen die über 100 Familien in Häusern aus Backstein. Und der Kindergarten in der Siedlung macht den Kleinen Lust auf mehr: Heute gehen vier von fünf in Gjakova in die Schule.
 

Ein neues Kapitel

2006 stiess Erika Masina zum Projekt, eher zufällig. Im Bildungsurlaub reiste sie durch den Balkan, wo viele der Frauen herkamen, die sie in der Migrantinnenschule in Bühler unterrichtete, deren Kinder in ihren Kindergarten gingen. Der damalige Leiter von Caritas Schweiz im Kosovo verwies sie auf Beatrice Rutishauser. Die hatte bereits 2002 für Caritas begonnen, in Ali Ibra einen Kindergarten aufzubauen. «Eine wie dich könnten wir hier brauchen», sagte er. Masina war 55, eine gute Zeit, um ein neues Kapitel im Leben aufzuschlagen. 
 

Eines, das sie auch an alte Zeiten erinnert. «Auch wir mussten für Kindergärten kämpfen», sagt Masina. 1973 schloss sie in Bern das Kindergärtnerinnenseminar ab. Bald folgte sie ihrem Mann nach Appenzell, es herrschte Lehrermangel. «Auch reformierte Berner Lehrer waren willkommen», schmunzelt sie. «Trotz der langen Haare.»

Aber als sie 1975 in Schwende einen Kindergarten eröffnete, gefiel es nicht allen. Erziehung gehörte in die Familie, «Kindergärten seien für faule Weiber, sagte man».
 

Im Kosovo warteten andere Hürden. In Titos Jugoslawien war vorschulischer Unterricht zwar normal. Doch auf Tito folgte der serbische Diktator Milosevic. Als der Albanisch aus den Schulen verbannte, schickten viele Kosovo-Albaner ihre Kinder nicht mehr hin.

Und dann kam der Krieg. So waren Kindergärten den Kosovaren nicht neu. Aber sie erinnern sich nur ungern daran. «Wir sassen still in den Bänken, lernten Lesen und Schreiben», sagt Shukrije Lecaj. 
 

Politische Instabilität legt dem Projekt Steine in den Weg

Lecaj ist ein Urgestein des Projekts. Sie war einst Praktikantin bei Beatrice Rutishauser, heute bildet sie Kindergärtnerinnen weiter und begleitet sie in der Praxis. Ihr Büro liegt in Drenas, in einem Quartier, das nach dem Krieg hastig wieder aufgebaut wurde. Als Masina in den Kosovo kam, war das Haus neben einer Schule eines ihrer ersten Projekte. «Das hätte ein Didaktikzentrum für angehende Kindergärtnerinnen werden sollen», sagt Masina.

Sie brachte viel Enthusiasmus mit und Material aus der Heimat: Teppiche von Tisca Tiara in Bühler, Stühle von der Teufener Linde. Die Gemeinde Drenas hatte sich für das Vorhaben engagiert. Doch seit einem Wechsel in der Behörde ist davon nichts mehr zu spüren. «Die politische Instabilität legt uns immer wieder Steine in den Weg», sagt Masina. Das Haus ist heute oft leer. «Es tut mir weh, wenn ich das sehe», sagt Lecaj. Doch aufgeben will sie nicht. Etwas hätte sie gelernt von Masina, sagt sie. «Kämpfen.»
 

Die starre Runde lösen

Ein paar Strassen weiter besuchen die beiden einen Kindergarten an einer nahen Schule. Die Kinder sitzen auf Stühlen. Sie warten darauf, aufgerufen zu werden, um Dreiecke und Kreise zu identifizieren. Masina ist etwas genervt. «Das ist ja wie früher. Abstrakte Geometrie. Und an der Wand die Plakate mit Zahlen, Buchstaben, Monaten.» Masina schaltet sich ein, löst die starre Runde mit einem Lied auf, Lecaj spricht mit der Kindergärtnerin. «Sie sind verwirrt. Sie haben erst von uns gelernt, mit den Kindern zu spielen.» Aber Eltern und Schulgemeinde haben andere Pläne. «Sie erwarten, dass die Kinder schon lesen und schreiben lernen», sagt Lecaj.

Die Ostschweiz läuft Schlittschuh auf dem Seealpsee (Bild: Urs Bucher)
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Die Ostschweiz läuft Schlittschuh auf dem Seealpsee (Bild: Urs Bucher)

Die Welt selbst entdecken

«Spielen, Spielzeug, das alles hat kaum Tradition hier», sagt Masina. Statt im Spiel ihre Umwelt zu entdecken, warteten die Kinder darauf, dass man ihnen sagt, was zu tun ist. «Und das funktioniert auch gut. Kindern in diesem Alter kann man alles Mögliche beibringen.» Aber übers Spiel entdecken sie die Welt selber, lernen aus Erfahrung und haben eigene Ideen. Das sei nachhaltiger, als mit drei Jahren das ABC zu können. 
 

Davon lassen sich immer mehr Schulgemeinden überzeugen. Weiter nördlich von Drenas, in Vushtrii, werden Masina und Lecaj von der Schulbehörde empfangen. 2015 meldete sich die Schulgemeinde bei Caritas und wurde eine der 50 Schulgemeinden, die jährlich ausgerüstet wurden: Sie bekam einfache Einrichtungen, ihre Kindergärtnerinnen erhielten praktischen Unterricht.
 

Ein begeisterter Schulpräsident

Schulpräsident Enver Bajrami ist begeistert. «Bevor Caritas kam, besuchten nur die Hälfte der Kinder eine Vorschule. Schon ein Jahr später waren es 68 Prozent. Dieses Jahr werden es alle sein», sagt er stolz. Nicht nur wegen der Stühle und Spielzeuge, die die Schulgemeinde bekam. «Vorher wussten wir eigentlich nicht, wie man mit Kindern arbeitet», sagt Bajrami. Pauken statt Spielen hiess das Motto. Die Resultate sehe man schon bei den ersten Jahrgängen. «Die Schulkinder sind initiativer und arbeiten besser in Gruppen zusammen.»
 

Stillsitzen liegt ihr nicht

So spielen und singen immer mehr Kindergärtler im Kosovo, statt wie früher stillzusitzen. Etwas, das Erika Masina auch nicht liegt. «Manchmal will sie alles ganz schnell erreichen», sagt Kreshik Basha. Er leitet das Büro von Caritas Schweiz im Kosovo. Klappe etwas nicht, breche ihr Temperament durch. Es sei fast so hitzig wie das albanische, sagt Basha. «Aber manchmal braucht es Geduld hier.» Die will Masina nicht immer aufbringen.

Wenn Schuldirektoren Kindergärten schliessen, weil das Geld fehle, erfahrene Kindergärtnerinnen entlassen, mit fadenscheinigen Argumenten. Wenn politisch gut vernetzte Leute auf den Hügeln um die Hauptstadt Villen bauen, während die meisten Kosovaren vom Wiederaufbau noch wenig haben, platzt ihr schon mal der Kragen. Da sei Geduld fehl am Platz, sagt sie. 
 

Enttäuschte Hoffnungen

«Wir haben Freiheit, ja», sagt Mustaf Kastrati, ein ehemaliger Mitarbeiter von Caritas im Kosovo. Er sitzt in seiner Stube in Prizren bei Wurst und Käse. Fast 20 Jahre lang arbeitete er auf Schweizer Baustellen, nach dem Krieg kam er zurück. «Wir glaubten, wir könnten werden wie die Schweiz.» Doch die Politik sei korrupt, die Schulen schlecht. «Und es gibt keine Arbeit.»

Nein, die Hoffnungen hätten sich nicht erfüllt. Er ist stolz auf seine Kinder, die meisten studieren im Ausland. Er zeigt ein Foto, das ihm sein zweiter Sohn geschickt hat, aus der Schweiz: eine Aufenthaltsbewilligung. Er wurde zu einem weiterführenden Informatikstudium an der ETH zugelassen. Ein Grund zum Feiern. Kastrati schenkt Wein ein und legt Wurst nach. 
 

"Bei uns ist alles geordnet"

Dass Erika Masina sich vor elf Jahren entschied, jeweils das halbe Jahr im Kosovo zu arbeiten, sei wohl Abenteuerlust gewesen. Sie lernte Albanisch, «weil ich mir beweisen wollte, dass ich mit 55 noch eine Sprache lernen kann». Und: «Bei uns ist alles geordnet, man weiss immer, was passiert.» Im Kosovo fällt manchmal der Strom aus, es gibt Mäuse in der Küche.

«Und zuerst musste ich herausfinden, wie man überhaupt irgendwo hin kommt.» Dass sie blieb, hat auch mit Freunden wie Kastrati zu tun. «In der Ostschweiz hab ich meine Familie, meine Enkel», aber Heimweh habe sie kaum je im Kosovo. «Hier hat man Zeit füreinander. Die Leute sind herzlich, man hilft sich gegenseitig aus.»
 

Erika Masina sei hier schon fast zu Hause, sagt auch Kreshik Basha. Nach dem Krieg strömten die Hilfswerke und ihre Mitarbeiter in den Kosovo. «Das waren sicher Experten, aber sie sprachen nur Englisch. Erika hat Albanisch gelernt.» Das zeige, dass sie ihre Arbeit im Kosovo ernst nehme und die Leute, ihre Mitarbeiter hier respektiere. «Und sie kann mit den Kindern reden. Das mag ein kleine Sache sein, aber es ist sehr wichtig.» 
 

Masinas Arbeit zeigt Früchte. «Unser Ausbildungsprogramm ist anerkannt», sagt Caritas-Leiter Basha. Das Projekt hat die Unterstützung des Bildungsministeriums. Seit kurzem ist der Kindergarten im Kosovo obligatorisch. Eine Evaluation soll nun zeigen, wie es mit dem Projekt weitergehen soll. Der Kosovo und seine Kindergärten müssten eines Tages auf eigenen Beinen stehen.
 

Dass sie zu Hause in Bühler als Kindergärtnerin pensioniert wurde, macht Masina nicht traurig. «Das gibt mir Zeit für neue Projekte.» So schnell kommt sie also nicht zur Ruhe. Ausser, wenn sie einen Kindergarten betritt. Wenn sie im Kreis mit den Kindern sitzt, und «Mirëmengjes» singt oder eine Geschichte erzählt, dann scheint die Frau, die sonst keine Minute stillsitzen kann, einen inneren Frieden zu finden. «Die Welt der Kinder ist auch meine Welt», sagt sie.  Das habe sie in ihrer Jugend als Pfadiführerin gemerkt. «Wenn man mit Kindern arbeitet, muss man geduldig sein, zuhören können.» Doch es ist keine leise Ruhe in ihrem Kindergarten. «Man sagt mir oft, es sei laut bei mir.»