Kopulieren trotz Viren: Prostituierte in der Ostschweiz bieten sich derzeit vermehrt im Internet an

Seit die Bordelle geschlossen sind, bieten sich viele Prostituierte auf Websites an – Corona-Regeln hin oder her.

Janina Gehrig
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Viele Prostituierte sind seit der Bordellschliessung unmittelbar in ihrer Existenz bedroht.

Viele Prostituierte sind seit der Bordellschliessung unmittelbar in ihrer Existenz bedroht.

Bild: AP

Nicht nur Bars, Kinos und Museen hat der Bundesrat vergangenen Montag schliessen lassen, sondern auch Betriebe «mit personenbezogenen Dienstleistungen mit Körperkontakt». Das betrifft nebst Coiffeuren, Tattoostudios und Kosmetikläden auch das horizontale Gewerbe.

Die grossen Clubs würden sich daran halten, sagt eine Ostschweizerin, die seit 30 Jahren im Erotikgewerbe tätig ist. «Ansonsten wird aber munter weitergevögelt.» Ausgerechnet im Sexgewerbe, wo das Risiko einer Ansteckung mit dem Corona-Virus am grössten sei, fühle sich niemand zuständig. Zwar, schreibt das Bundesamt für Gesundheit (BAG), könne mit Bussen oder einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden, wer sich den Bestimmungen widersetzt. Für die Einhaltung der Corona-Regeln ist die Polizei zuständig. Doch um die Kontrollen in Etablissements zu umgehen, würden sich einzelne Frauen jetzt einfach auf Erotikportalen anbieten, sagt die ehemalige Geschäftsfrau. Zudem habe sie von Clubs gehört, die ihre Prostituierten nun als Escortdamen anbieten würden.

Sie, die nach einem Unfall selber einer Risikogruppe angehört, ärgert sich. «Es geht um die Gesundheit von uns allen. Nur, weil die Männer ihren Reissverschluss nicht zulassen können, werden andere einem Risiko ausgesetzt.»

Wenige bieten nur noch virtuellen Sex an

Tatsächlich finden sich auf den einschlägigen Websites Inserate, die gerade einmal ein paar Stunden alt sind. Zwar verweisen viele Frauen auf Diskretion und Hygiene, sie bieten jedoch nach wie vor in allen Regionen der Schweiz «Service von A bis Z» an. Im Raum St.Gallen setzt auf xdate.ch nur gerade eine Frau ausschliesslich auf Sex via Kamera. «Haus- und Hotelbesuch ab 19.4. wieder», schreibt Hanny. Auch die Sex-Dating-Plattform «The Casual Lounge» verbucht laut eigenen Aussagen seit Ausrufung der Notlage durch den Bundesrat «einen rasanten Anstieg von Anmeldungen». Doch warum übernehmen die Betreiber der Websites keine Verantwortung? Xdate.ch ist nicht erreichbar. Bei ­«and6­.com» heisst es: «Wir sind in einer speziellen Situation und geben keine Auskunft.»

Susanne Gresser, Teamleiterin bei «Maria Magdalena», der St.Galler Beratungsstelle für Personen im Sexgewerbe, rät den Frauen, allenfalls auf Telefon- oder Cybersex auszuweichen. Den Frauen aus Osteuropa rate man aber in erster Linie, wenn möglich nach Hause zu gehen. Das sei aber nicht einfach, da viele Flüge ausgesetzt wurden und die Bahn nur noch bis zur Schweizer Grenze fährt. Viele würden in ihren Heimatländern zudem erst einmal unter Quarantäne gesteckt. «Das macht Angst.» Die meisten Frauen verstünden, dass die Situation ernst sei. «Sie wollen gesund bleiben, sorgen sich aber um ihre Existenz, die nun unmittelbar bedroht ist», sagt Gresser, die nun statt nach HIV-Tests und Gynäkologenterminen vermehrt nach Corona-Tests gefragt wird. Betreibern von Wohnungen rate man, Kurzarbeit anzumelden.

Sie müsse wohl einen Kredit beantragen, sagt denn auch eine Frau, die zwölf Zimmer in der Ostschweiz an Prostituierte vermietet. «Alle Frauen sind abgereist. Ich habe plötzlich null Einkommen und laufende Kosten», sagt sie.

Auch die Kunden, viele über 60 Jahre alt, sind ängstlich

Glück im Unglück hat Barbara Krümmer, die in Rebstein ein Erotikstudio betreibt. Die zwei Frauen, die sie beschäftigte, sind nach Spanien und Italien abgereist, der Vermieter erlässt ihr die Miete vorerst. «Ich hoffe, dass der Bund auch uns Selbstständigerwerbende unterstützt.» Weil die Grenzen dicht seien, werde es schwierig, wieder Frauen aus EU-Ländern zu finden. Andererseits könne das auch von Vorteil sein: «Die Mädchen aus Osteuropa haben die Preise gedrückt, zudem arbeiteten viele schwarz», sagt Krümmer.

Auch die Männer seien ängstlich. «Meine Stammkunden sind alle über 60. Sie fragen schon, wann ich wieder öffne. Aber ich sage ihnen, sie sollen zu Hause bleiben.» Auch sie mache derzeit nichts, ausser in den Zimmern die Blumen zu giessen und zu lüften. «Das Webcamzeug ist zu wenig lukrativ.»