Interview

«Am besten kopfvoran in den Schlamm!» – Céline Fuchs moderiert zum elften Mal das Open Air St.Gallen

In der Ostschweizer Kultur- und Musiklandschaft ist sie zu Hause. Am Open Air St.Gallen sorgt Céline Fuchs als Ansagerin der Bands für Stimmung. Die 38-Jährige tanzt aber noch auf vielen anderen Hochzeiten.

Desirée Müller, Andreas Ditaranto
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Céline Fuchs, das selbst ernannte «Band-Mami», unterstützt junge Musiker aus der Ostschweiz. (Bild: Noemi Müller)

Céline Fuchs, das selbst ernannte «Band-Mami», unterstützt junge Musiker aus der Ostschweiz. (Bild: Noemi Müller)

Wie sind Sie aufgewachsen?

Die Schule stand definitiv nicht im Mittelpunkt meiner Kindheit und Jugend. Ich war das einzige Mädchen in einer riesigen «Kinder-Gang» in Engelburg. Was ganz toll war: Wir verreisten oft als Familie. Aber wir waren nie in einem schicken Hotel, sondern unterstützten zum Beispiel in Marokko Bauern auf ihren Feldern. Meine Eltern wollten uns beibringen, dass einem nichts in den Schoss fällt.

Wann wurde Ihre Leidenschaft für Musik und Kultur geweckt?

Meine Mutter war Präsidentin von «Kultur in Engelburg». Daher kam ich schon früh in Kontakt mit der Kleinkunst. Dazu spielte ich 20 Jahre lang in einer Guggenmusik. Mit vier Jahren habe ich angefangen. Schlagzeug, Woodblocks und Posaune lösten irgendwann die Rassel ab. Je nach Alkoholpegel spielte ich besser oder eben schräger.

Was war Ihr Berufswunsch?

Ich wollte lange Zirkusclownin werden – meine Schwester professionelle Zuschauerin. Nach gutem Zureden meiner Mutter machte ich dann doch das KV in St. Gallen. Nach dem Abschluss blieb ich noch ein Jahr, um Geld zu verdienen. Danach nahm ich mir eine Auszeit und reiste durch Neuseeland sowie Australien und arbeitete danach in einem Reisebüro.

Wie rutschten Sie in die Medienwelt?

Viva suchte Moderatoren, da habe ich mich blauäugig beworben. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine österreichische, absolut verblödete Quizshow handelte. So reiste ich acht Monate lang jedes Wochenende nach Wien. «En riese Seich», aber ich verdiente mir so mein Taschengeld und konnte Kontakte knüpfen.

Was für Kontakte waren das?

Frank Baumann vernichtete mich mit seiner Kritik in einer TV-Zeitschrift.

«Er nannte mich ein Viola-Tami-Klon mit Brodworscht-Dialekt. »

Ich schrieb ihm in einem Brief, dass ich gerne mal ein Bier mit ihm trinken möchte. Falls er mich dann immer noch blöd finde, könne ich mit seiner Meinung leben. Er willigte ein und wir verstanden uns mega gut. Im darauffolgenden Jahr rief er mich an und fragte, ob ich die Künstlerbetreuung beim Arosa Humorfestival übernehmen möchte.

Und, haben Sie?

Hab ich! Parallel dazu machte ich die Ausbildung beim Radiosender Toxic.fm in St. Gallen. Über eine Freundin kam ich dann zu meinem ersten Job am Open Air St. Gallen. Ich konnte während des Festivals an der Sternenbar, damals nur für Künstler zugänglich, arbeiten. 1996 war ich bereits das erste Mal am Open Air. Total naiv freute ich mich, dass es hinter dem Bacardi Dome noch so viel Platz hatte. Erst später wurde mir klar, dass genau dahinter die Boxen der DJs standen. Ein Höllenlärm! Aber ich war schon immer ein Hardcore-Festivalgänger. Am besten kopfvoran in den Schlamm! Dieses Jahr hoffe ich natürlich auf gutes Wetter.

Und wie wurden Sie zur Ansagerin der Bands?

Das war lustig. Als ich hinter der Bar arbeitete, lernte ich einen der Ansager kennen. Ich sagte zu ihm, dass er schon einen «verdammten» Traumjob habe. Da meinte er, ich solle am nächsten Morgen um neun Uhr hinter der Sitterbühne warten. Dann könne ich mit ihm zusammen die Anmoderation machen. Ich war absolut aus dem Häuschen. Aber er kam nicht. Vom Produktionsleiter erfuhr ich, dass er verschlafen hat. Er überreichte mir das Mikrofon und meinte, ich könne auf der Sternenbühne die Ansage machen. Ich wurde fast ohnmächtig! Er sagte nur, dass Mona Vetsch damals ausgebuht wurde, schlimmer könne es für mich nicht werden.

Und wie lief es?

Ich war wie im Rausch und weiss absolut nichts mehr davon. Nur, dass ich wie Espenlaub zitterte. Ich war null vorbereitet! Erst ab dem Moment, als ich von der Bühne ging und alle applaudierten, kann ich mich wieder erinnern. Das ist nun elf Jahre her.

Wie sind die Musiker abseits der Bühne?

Es gibt echt tolle Charakterköpfe und andere, von denen ich enttäuscht wurde. Büne Huber von Patent Ochsner zum Beispiel freute sich mega auf den Auftritt in St. Gallen. Nach dem Konzert drückte er mir total unerwartet einen dicken Schmatzer auf die Backe.

«Von Campino, dem Frontmann der Toten Hosen, war ich hingegen enttäuscht. »

Er war backstage nur mit seinen weiblichen Begleiterinnen beschäftigt. Meinen Moderationskollegen beachtete er überhaupt nicht und ignorierte seine Frage nach einem Selfie. Dann gibt’s auch Überraschungen: Die Bandmitglieder von Maxïmo Park sind auf der Bühne echte Rampensauen. Doch ohne Mikrofon vor dem Mund sind die Jungs sehr schweigsam. Gossip-Sängerin Beth Ditto rennt dazu am liebsten backstage in Unterhosen rum.

Auf was freuen Sie sich besonders dieses Jahr?

Es ist immer cool, wenn Schützlinge von mir auftreten. Dieses Jahr freue ich mich speziell auf Marius Bear. Meine eineinhalbjährige Tochter Ronja wird zudem das erste Mal Mama auf der Bühne sehen. Ein ganz besonderer Moment für mich.

Mamasein und Musik

Céline Fuchs engagiert sich für diverse Ostschweizer Kultur- und Musikprojekte. So fördert sie als Projektleiterin des Nachwuchscontests «Band-Xost» seit Jahren junge Musikerinnen und Musiker aus der Region Ostschweiz. Dazu ist Céline Fuchs im Kernteam der geplanten Eventhalle im Lattichquartier und mischt Teilzeit in der FM1-Musikredaktion mit. Die Zeit mit Töchterchen Ronja und ihrem Mann ist dem Multitalent aus Engelburg aber das Wichtigste.