Kopfschuss wegen 6 Franken

Vor zwei Jahren eskalierte ein Streit unter Jugendlichen. Ein herbeigerufener Vater erschoss einen 19-Jährigen. Darum und wegen Sexual- und Gewaltdelikten soll der Mann 16 Jahre hinter Gitter.

Stefan Borkert
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Bischofszell. Mord, vorsätzliche Tötung oder fahrlässige Tötung wegen Unfalls? Das Bezirksgericht Bischofszell verhandelt den Fall eines 19-Jährigen, der vor zwei Jahren erschossen wurde. Die Strafuntersuchung dauerte lange, weil weitere Delikte zur Anklage gebracht wurden.

Mann mit zwei Gesichtern

Die Haare hat er straff zurück- gekämmt, kräftig von Statur und 1,90 Meter gross ist der Angeklagte.

Eine ehemalige Freundin, auf die er in Konstanz in den 80er-Jahren einmal geschossen haben soll, beschreibt ihn als Mann mit zwei Gesichtern: draussen freundlich, in den eigenen vier Wänden brutal. Auch der älteste Sohn spricht in den polizeilichen Vernehmungen von täglicher Gewalt. Die Mutter sei «wie ein Hund» behandelt worden. Es sei die Hölle gewesen.

Die meisten Gewaltdelikte sowie alle Sexualdelikte verhandelte das Gericht dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit (siehe Kasten).

Der Angeklagte beschrieb sich bei der Befragung selbst als gutmütigen Menschen: «Ich bin kein eiskalter Typ.» Er liebe seine Familie und seinen jüngsten Sohn K. abgöttisch. Die Ehe ist inzwischen geschieden. Der älteste Sohn fordert von seinem Vater Genugtuung für das erlittene Martyrium. Der jüngste Sohn will den Vater nicht belasten.

Diese Beziehung gehe weit über das übliche Mass hinaus, so der Staatsanwalt.

Auslöser für das Verfahren war ein Streit Anfang Mai 2008. Der jüngste Sohn forderte zusammen mit einem Freund von einem Mädchen sechs Franken zurück, die ihr geliehen worden waren. Das Mädchen wollte das Geld zurückgeben, hatte aber Angst vor den beiden, die sie per SMS beschimpft und bedroht hatten.

Aufgesetzter Schuss

Sie holte sich deshalb drei Jugendliche als Verstärkung. Man verabredete sich beim Schulhaus in Kümmertshausen. Der jüngste Sohn des Angeklagten rief seinen Vater um Hilfe. Der damals 45jährige Schweizer liess sich von der Mutter zum Tatort chauffieren. Er hatte einen geladenen Revolver dabei. Etwa zwei Minuten nach dessen Eintreffen am Tatort erlitt der 19-Jährige tödliche Verletzungen durch einen aufgesetzten Kopfschuss. Laut Anklage soll der Mann unter anderem deshalb für 16 Jahre hinter Gitter.

Die Verteidigung sagt, es sei ein Unfall gewesen. Der Täter habe nicht gewusst, dass der Revolver geladen war. Urteilsverkündung ist heute.

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