Kontrastmittel im Seewasser

Eine neue Studie der Internationalen Gewässerschutzkommission Bodensee weist zahlreiche Schadstoffe nach. Die tiefe Konzentration beeinträchtigt die Qualität des Trinkwassers nicht. Die Auswirkungen auf das Ökosystem werden erforscht.

Julia Nehmiz
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Als könnte er kein Wässerchen trüben, der Bodensee – doch stille Wasser sind bekanntlich tief, und manchmal voller Schadstoffe. (Bild: Urs Jaudas)

Als könnte er kein Wässerchen trüben, der Bodensee – doch stille Wasser sind bekanntlich tief, und manchmal voller Schadstoffe. (Bild: Urs Jaudas)

ST. GALLEN. Wenn es viel regnet und die Kanalisation nicht mehr alle Wassermassen schluckt, fliesst manches ungefiltert in den Bodensee. Das erklärt die Koffein-Funde in der Bregenzer Bucht; die Überbleibsel des menschlichen Kaffeegenusses werden sonst in der Kläranlage eliminiert.

62 nachgewiesene Einzelstoffe

«Die Felchen haben keinen erhöhten Blutdruck», lacht Benjamin Sollberger vom Bundesamt für Umwelt in Bern, Vorsitzender des Sachverständigenkreises der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB): «In Gewässern wird Koffein sehr schnell abgebaut.» Erstmals seit der Gründung 1959 lancierte die IGKB eine so umfassende Kampagne wie die jetzige Studie. Der Bodensee wurde auf Herz und Nieren überprüft, die Forscher fahndeten nach «anthropogenen Spurenstoffen». Sie wurden fündig. Von den rund 600 gesuchten Einzelstoffen konnte die IGKB im Seewasser 62 nachweisen. Erfreulicherweise liegen die Konzentrationen der nachgewiesenen Schadstoffe nie über nationalen oder internationalen Grenzwerten – sie bewegen sich sogar weit unter den Zielvorgaben für Gewässer, aus denen Trinkwasser gewonnen wird. Doch viele dieser Stoffe sind sehr beständig und könnten sich in tieferen Wasserschichten einlagern.

Für Sollberger ist das Feststellen dieser Mikroschadstoffe nicht ungewöhnlich: «Im Prinzip ist heute ein Würfelzucker im Bodensee nachweisbar.» Die Spurenstoffe im Gewässer seien eine Zivilisationserscheinung – eine Folge der zahlreichen Chemikalien, die täglich benutzt würden. Michael Eugster vom St. Galler Amt für Umwelt und Energie findet keinen Grund zur Beunruhigung. «Das Bodenseewasser ist einwandfrei», sagt der Leiter der Abteilung Abwasser und Gewässerqualität. Doch das Thema Trinkwasser sei emotional besetzt – niemand will Schadstoffe im Wasser. Die Sorge der Bevölkerung um die Qualität des Trinkwassers sei ernst zu nehmen.

Unbekannte Auswirkungen

Nicht alle Stoffe können in der Kläranlage eliminiert werden. «Im Bodensee befinden sich mehrere Tonnen Röntgenkontrastmittel», sagt Michael Eugster. «Besser wäre doch, solche nicht filtrierbaren Stoffe direkt zu entsorgen.» Auch Rückstände von Medikamenten gelangen über die Kanalisation in den See – 70 Prozent des Wirkstoffes einer einzigen Tablette werden wieder ausgeschieden. Im Bodensee wurde ein Antiepileptikum gefunden, allerdings in sehr geringer Konzentration, zehn Nanogramm pro Liter: «Um die Wirkung einer Tablette zu erzielen, müsste man 20 Millionen Liter Wasser trinken», so Eugster.

Trotzdem stellt sich für die IGKB die Frage, ob man diese Schadstoffe im Bodensee haben möchte – oder eben nicht. «Ob sie langfristig Auswirkungen auf das aquatische Ökosystem haben, wissen wir nicht», sagt Eugster. Die IGKB werde die Entwicklung der Konzentration der Spurenstoffe aufmerksam verfolgen und weitere Untersuchungen durchführen. Koffein mag für Felchen ungefährlich sein – andere Spurenstoffe sind es vielleicht nicht.

www.igkb.ch