KONTAKTBAR: Blauer-Aff-Betreiberin: «Es gibt zu viele Frauen»

Das Business sei schwieriger geworden, sagt die neue Betreiberin des «Blauen Aff». Ihr Lokal in Affeltrangen werde aber auch noch in zehn Jahren geöffnet sein. Ein Gespräch über Preisdruck im Sexgewerbe, die Schicksale der Frauen und die Vorlieben der Freier.

Donat Beerli
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Sexarbeiterinnen warten im «Blauen Aff» auf Kunden. (Bild: Reto Martin)

Sexarbeiterinnen warten im «Blauen Aff» auf Kunden. (Bild: Reto Martin)

Donat Beerli

donat.beerli@thurgauerzeitung.ch

Qualität ist Eva L. ein wichtiges Anliegen. Das betont sie immer wieder. «Wir haben sogar den besten Kaffee», sagt die 37-jährige Ungarin und lächelt, als sie den Besucher im Barbereich ihrer Kontaktbar empfängt. Sie trägt ein locker sitzendes Sommerkleid, ist ungeschminkt, trinkt Kaffee und raucht Kette während des Gesprächs. Darüber, was sie tut, spricht sie gern und offen. Sich öffentlich äussern, will sie aber ohne ihren Namen. Aus Angst vor Diskriminierung ihrer Familienmitglieder, mit denen sie im Thurgau wohnt.

Frau L., bleibt der «Blaue Aff» nun geöffnet oder nicht?

Natürlich. Ich habe einen 10-jährigen Mietvertrag unterschrieben. Und denke nicht daran, diesen aufzulösen.

An den Gerüchten ist also nichts dran? Gegen die ehemalige Pächterin läuft ein Konkursverfahren.

Das war vor meiner Zeit. Ich kann nichts dazu sagen. Nun möchte ich vorwärts schauen. Es gibt viel zu tun: Die Zukunft des «Blauen Aff» steht auf dem Spiel. Wir sind nach wie vor die beste und bekannteste Kontaktbar in der Ostschweiz. Das soll so bleiben.

Wenn ich mir das Gebäude ansehe, hat die Vergangenheit aber ihre Spuren hinterlassen.

Wir müssen investieren, ohne Frage. Bis im September werden wir die komplette Inneneinrichtung inklusive den Zimmern renovieren. Im nächsten Jahr ist dann die Aussenfassade dran.

Die Zeiten im Rotlichtmilieu waren aber auch schon besser. Heute bezahlt der Freier im «Blauen Aff» für eine halbe Stunde noch 100 Franken, früher waren es 150 Franken. Das ist wenig, wenn man seinen Körper verkauft.

Ich wollte die Preise nicht anpassen, aber ich musste. Um zu überleben. Wenn die Bordelle in der Umgebung immer billiger werden, muss auch ich etwas tun. Meine Gäste sind zwar nach wie vor bereit, mehr zu bezahlen, doch es gibt Grenzen.

Warum werden die Dienste der Frauen immer billiger?

Es gibt zu viele Frauen auf dem Markt. Und anderseits zu viele Puffs, die irgendwo aufgehen. Darunter leiden die Freier. Denn Qualität kann nicht jeder bieten. Ein Zimmermann kann auch kein Kosmetikstudio aufmachen.

Was bedeutet Qualität?

Das fängt an, wenn der Kunde reinkommt. Er muss sich wohlfühlen, muss abschalten können von seinem Alltag. Dafür sorge ich, das Team an der Bar und natürlich die Mädchen, mit denen sie nachher aufs Zimmer gehen. Ich bin verantwortlich, dass sie gepflegt sind. Zudem verlange ich einen HIV-Test.

Reden wir über die Frauen. Woher kommen diese?

Bei uns eigentlich alle aus Ungarn. Das hat auch mit meiner Herkunft zu tun. Dort habe ich meine Kontakte, dort machen wir Werbung.

Wie kommen sie hierher?

Zweimal pro Woche fährt ein von uns organisierter Autobus nach Ungarn und wieder zurück.

Und wie lange bleiben sie normalerweise?

Das ist unterschiedlich. Die einen ein Wochenende, andere mehrere Wochen. Die Zeiten, in denen man ein paar Monate blieb, sind jedoch vorbei. Die Frauen sind freier geworden, sie bestimmen, wie lange sie bleiben.

Wissen die Frauen überhaupt, was sie hier machen werden?

Ja.

Und die Familien zu Hause?

Nein.

Warum tun sie es?

Wegen des Geldes. Warum sie Geld brauchen, ist unterschiedlich. Es gibt solche, die haben eine Scheidung hinter sich und stehen mit ihren zwei Kindern auf der Strasse. Ungarn ist nicht die Schweiz, es gibt keine sozialen Sicherheiten. Mit der Arbeit hier können sie schnell Geld verdienen.

Wie viel?

Darüber möchte ich nicht reden. Aber stellen Sie sich vor: In Ungarn verdienen sie vielleicht 300 Franken im Monat. Jetzt können Sie selber rechnen.

Wie viel von den 100 Franken, wenn eine Frau mit einem Mann aufs Zimmer geht, bekommen Sie?

Nichts. Wenn ein Freier mit den Mädchen aufs Zimmer geht, gehört ihnen das Geld. Sie haben ja dafür gearbeitet, nicht ich.

Wie verdienen Sie denn Ihr Geld?

Ich verdiene ausschliesslich an den Getränken, welche die Kunden und Mädchen bestellen.

Das läuft nicht überall so. Sie könnten mehr Geld machen.

Als Mensch kann ich das nicht. Zudem denke ich langfristig. Wenn ich die Mädchen abzocke, bringt das nichts. Ich will Qualität, und dass sich die Mädchen wohl fühlen. Wenn du beginnst, sie abzuzocken, spricht sich das herum. Dann kommen die Frauen nicht mehr zu dir.

Was bevorzugen die Freier?

Unterschiedlich. Die Männer wollen Liebe, Romantik, aber auch unterhalten werden. Darum ist es so wichtig, dass die Mädchen ihre Arbeit gern machen.

Gern?

Wenn du es nicht gern machst, verdienst du auch kein Geld. Ich hatte mal eine hier, die hat ausgesehen wie Pamela Anderson. Doch sie war eingebildet, das mögen die Männer nicht. In drei Tagen, an denen sie hier war, ging niemand mit ihr aufs Zimmer.

Haben Sie Stammgäste?

Natürlich. Wir haben viele, die kommen nur, um am Feierabend ein Bier zu geniessen. Zwei Stunden später gehen sie wieder – ohne Sex. Wir zwingen die Männer nicht dazu, aufs Zimmer zu gehen. Das ist mir wichtig.

Können Sie garantieren, dass hinter den Frauen niemand steht, der ihnen das Geld wegnimmt?

Ich habe ein sehr gutes Verhältnis mit den Mädchen. Natürlich weiss ich nicht jede Kleinigkeit über ihr Leben. Das müssen sie mir auch nicht erzählen. Aber das Thema wird teilweise falsch dargestellt. Die Mädchen, die in diesem Business arbeiten, haben vielleicht einen Freund in Ungarn. In der ungarischen Kultur gibt es dieses Denken nicht: Das ist mein Geld, das ist deins. Wenn Frauen verliebt sind, teilen sie ihr Geld mit ihrem Partner, auch wenn sie es allein verdient haben.

Wie viele Männer, die zu Ihnen kommen, leben in einer Beziehung?

Das weiss ich nicht. Ich frage auch nicht danach.

Es wird immer wieder gesagt, dass die Freier zunehmend auf Kondome verzichten.

Das stimmt leider. Die Regeln sind aber klar bei uns: Geschlechtsverkehr nur mit Kondom. Ich verstehe nicht, warum Männer so etwas fordern, sogar wenn sie in einer Beziehung sind.

Warum sind Sie vor 20 Jahren in die Schweiz gekommen?

Ursprünglich ferienhalber. Dann bin ich geblieben. Mir gefällt das Land, der Thurgau, die Regeln – und die Sicherheit. Nur die Menschen sind manchmal ein wenig kalt. (lacht)