KONSTANZ: Ein schwerer Tag für Konstanz

Nach Schüssen in der Konstanzer Disco Grey ist ein Mann ums Leben gekommen, vier Personen wurden verletzt. Der mutmassliche Täter starb nach einem Schusswechsel mit der Polizei im Spital.

Philipp Zieger, Konstanz
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Polizisten sichern das Gelände rund um die Grossdisco Grey in Konstanz. (Bild: Felix Kaestle/KEY)

Polizisten sichern das Gelände rund um die Grossdisco Grey in Konstanz. (Bild: Felix Kaestle/KEY)

Philipp Zieger, Konstanz

ostschweiz@tagblatt.ch

Fassungslosigkeit. Besucher sitzen auf den Trottoirs nahe der Disco Grey. Sie können nicht begreifen, was Stunden zuvor geschehen ist. «Ich bin immer noch unter Schock», sagt ein junger Mann. Er hat die Schüsse aus nächster Nähe mitbekommen, als ein 34-Jähriger am Sonntagmorgen seine Schnellfeuerwaffe wahllos auf die Menschen richtete. Einen Türsteher hat er tödlich getroffen, ein Polizist ist knapp mit dem Leben davongekommen. Der Angreifer selbst ist tot.

Mit einem US-Sturmgewehr um sich geschossen

Es sollte ein runder Ausklang des ausgelassenen Discobesuchs werden. Eine halbe Stunde noch, dann sollte das «Grey» schliessen. 2500 Menschen fasst die grösste Konstanzer Disco im Industriegebiet. Giuliano Protopapa hatte sich mit Freunden kurz vor 4.30 Uhr gerade auf den Heimweg gemacht und sich noch auf der Treppe vor dem Lokal unterhalten. Es fallen Schüsse. Er wie auch weitere Besucher gingen anfangs davon aus, dass es sich um die Explosion von Böllern handelte. Was knallte, waren die Schüsse aus dem Gewehr des 34-jährigen Irakers. Er war zur Disco zurückgekehrt, in der er zuvor bereits den Abend und die Nacht verbracht hatte, wollte wohl Rache. Mit einem Disco-Mitarbeiter, seinem Schwager, lag er im Streit. Informationen unserer Zeitung zufolge seit geraumer Zeit. Der Mann mit anerkanntem Asylstatus zog das Gewehr. Einen Türsteher traf er am Eingangsbereich des Gebäudes tödlich am Kopf. Kollegen versuchten wohl noch, ihn zu retten. Panik brach aus. «Jemand hat geschrien: Der hat eine Waffe in der Hand», sagt Giuliano Protopapa aus Kreuzlingen. Es ist keine gewöhnliche Waffe, sondern ein M16, das Standard-Sturmgewehr der US-Armee. Ein ganzes Magazin verfeuert er. Viele Besucher erreichten das Freie. Oder sie suchten im Innern nach einer Möglichkeit, dem Täter zu entkommen. «Ich habe mich in der Toilette versteckt», sagt ein junger Mann. Er habe sich mit einer weiteren Person in einer Kabine eingeschlossen. Später sei er geflüchtet. Ein Disco-Mitarbeiter habe den Notausgang geöffnet. Der Zeuge sagt, er sei sofort weit weg vom Geschehen, habe unterwegs noch Verletzte am Boden liegen sehen. Währenddessen hört er weitere Schüsse. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Angreifer den Kassenbereich wieder verlassen und war auf den Parkplatz zurückgekehrt. Dort lieferte er sich einen Schusswechsel mit der Polizei. Einen Beamten traf er am Kopf. Sein Glück: Der Polizist trug einen Spezialhelm, der die Kugel ablenkte. Er liegt mit einem Streifschuss schwer verletzt im Spital, befinde sich aber nicht in Lebensgefahr, sagte Polizeisprecher Bernd Schmidt. Der 34-jährige Angreifer sei ebenfalls getroffen worden. Kurze Zeit später sei er im Krankenhaus gestorben. Entgegen erster Gerüchte sei der mutmassliche Täter nicht in die Disco eingedrungen und habe dort geschossen, erklärt Johannes-Georg Roth an einer Pressekonferenz. Der Leiter der Kon­stanzer Staatsanwaltschaft, die Polizei, das Landeskriminalamt und der Kon­stanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt haben die bisherigen Ermittlungen zusammengefasst. «Das ist ein schwerer Tag für Konstanz», sagt Martin Jäger, Staatssekretär im Landes-Innenministerium.

Temporäres Einsatzzentrum am Tatort

Wenige Stunden nach der Tat ist das Gelände um die Disco abgesperrt. Das eingeflogene Spezialeinsatzkommando zieht wieder ab, vermummte Spezialkräfte kehren nach Stuttgart zurück. Autofahrer wie auch die Stadtbusse müssen einen Umweg um das «Grey» nehmen. Das Gebiet ist Tatort. Spuren dürfen nicht verwischt werden. In der Nähe ist ein Einsatzzentrum errichtet. Notfallseelsorger betreuen Gäste, denen der Schock ins Gesicht geschrieben steht. Eine Sondersituation: «Es sind viele Personen, die durch das Geschehen belastet und traumatisiert sind», sagt Notfallseelsorger Fritz Möhrle. Die Zahl der Betroffenen ist durch die Tat in einer Grossraumdisco enorm. Als die Polizei eintraf, drei Minuten nach dem ersten Alarm, waren im Innenraum noch 60 bis 80 Personen, viele weitere auf dem Parkplatz.

Eine herausfordernde Lage auch für alle Einsatzkräfte, Polizei wie Rettungsdienste. 70 Kollegen sind vor Ort, erzählt Einsatzleiter Dennis Eichenbrenner. Die ersten Kollegen am Einsatz kümmerten sich um die Verletzten. Es sei sofort klar gewesen, dass es sehr viele Personen zu betreuen gibt. Die Augen- und Ohrenzeugen erhalten bei Bedarf Unterstützung in der Bewältigung des Erlebten, medizinische Betreuung und Versorgung mit Essen und Trinken an der eigens eingerichteten Betreuungsstelle: ein grosses Zelt mit Bänken.

Für Giuliano Protopapa aus Kreuzlingen ist das erneut ein schwer zu verarbeitendes Erlebnis. Jetzt die Schiesserei, erst kürzlich war er ebenfalls während eines tödlichen Angriffs in einem Konstanzer Lokal anwesend. In einer Shisha-Bar, wenige hundert Meter vom neuen Tatort entfernt, musste er eine Messerstecherei miterleben. Damals habe er sich gesagt, so schnell nicht wieder ein Vergnügungslokal mit vielen Menschen zu betreten. Am Sonntagmorgen sollte Protopapa erneut zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sein.