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KONFLIKTE: "Jeder Mensch hat Gewaltfantasien"

Nach wie vor sei die Anwendung von Gewalt ein tief verankertes gesellschaftliches Tabu. Gebrochen werde es allenfalls von Kriminellen, in ausserordentlichen Drucksituationen oder aus ideologischen Gründen, sagt Psychologe Allan Guggenbühl.
Richard Clavadetscher
Gewalt unter Jugendlichen: kein Unterschied zwischen heute und früheren Zeiten. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

Gewalt unter Jugendlichen: kein Unterschied zwischen heute und früheren Zeiten. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

Richard Clavadetscher

Allan Guggenbühl, immer wenn ein Ereignis wie in Flums passiert, wird gefragt, ob es denn vom Umfeld des Täters nicht hätte vorhergesehen werden können oder gar müssen. Vorhersehbarkeit – was sagen Sie dazu?

Dass jemand mit einer Axt auf andere losgeht, ist ein sehr aussergewöhnliches, seltenes Ereignis. Was das Umfeld hätte sehen können und offenbar ja auch gesehen hat, ist, dass es ein Jugendlicher mit Problemen war, mit einer sehr aussergewöhnlichen Aggression, der Hilfe brauchte. Aber die Tat selber war – so denke ich – nicht vorhersehbar. Gerade eben, weil sie so aussergewöhnlich ist.

Uns interessiert die Frage, was denn in jungen Männern dieses Alters abgeht, dass im Extremfall solche Dinge passieren.

Zuerst ist zu sagen, dass alle jungen Männer und Frauen in ihrem Kopf Konfliktszenarien durchspielen und Gewalt­fantasien haben. Solche Fantasien können ihnen sogar helfen, schwierige Situationen zu bewältigen, auf Gewalt zu verzichten und sozial kompetenter zu werden. In der Fantasie werden Kon­flikte auf verschiedene Arten gelöst – eben auch mit Gewalt. Das gehört zum Menschen.

Wir alle haben doch schon mal gedacht: «De Cheib sött mer z Tod schla!» Aber wir machten das dann nicht. Was ist denn die Disposition von jemandem, der nach solchen Gedanken zur Tat schreitet?

Die überwiegende Zahl der Menschen hat eine Hemmung, akzeptiert das gesellschaftlich geachtete Tabu des Gewaltverzichts: Man setzt auch bei Konflikten keine Gewalt ein. Nun gibt es Menschen, die dieses Tabu brechen. Dies etwa aufgrund einer kriminellen Energie, einer ausserordentlichen Drucksituation oder einer bestimmten Ideologie. Aber 99,9 Prozent der Menschen beachten dieses tief verwurzelte Tabu. Wie tief es verwurzelt ist, zeigt sich zum Beispiel bei Polizisten, die – Stichwort Terrorismus – auch Situationen andenken müssen, in denen sie auf jemanden zu schiessen haben. Das Problem dabei: Die Polizisten haben alle auch dieses Tabu und tun sich deshalb schwer damit.

Von jungen Männern, die Gewalt­taten begehen, hört man oft, sie ­seien Aussenseiter gewesen. Welche Bedeutung hat denn Aussenseitertum in diesem ­Zusammenhang?

Ich denke, es ist eher so: Weil etwas Aussergewöhnliches passiert ist, suchen wir nach Erklärungen. Das beruhigt uns dann. Wir denken darum, dass es sich um eine Person handeln muss, die nicht zur Gemeinschaft gehört. Tatsächlich ist aber nicht erhärtet, dass Gewalttäter überdurchschnittlich oft Aussenseiter sind.

Es geht ja hier um nackte Aggression. Wie stark spielt denn die gesellschaftliche Akzeptanz von ­Aggression auch noch mit hinein? Noch vor drei, vier Jahrzehnten war aggressives Verhalten gerade bei der Jugend doch geächtet. Heute ist eine gewisse Aggressivität – etwa im Geschäftsleben – gesellschaftlich akzeptiert.

Aggression gehört zum Leben. Aggression heisst ja nicht Gewalt. Der Mensch muss sich ab und zu durchsetzen, dazu braucht es eine gewisse Aggression. Bei Gewalt handelt es sich um eine nicht ­akzeptable Form der Aggression unter Zivilpersonen. Nach wie vor hat nur der Staat das Recht, in bestimmten Situationen Gewalt einzusetzen.

Es muss einer nicht gerade ein Beil zur Hand nehmen, es fällt aber allgemein auf: Während früher in Kämpfen von jemandem abgelassen wurde, wenn er einmal am Boden lag, ist das heute nicht mehr so. Ist also die Aggression, die Gewalt bei jungen Männern heute ­unkontrollierter?

Das, was Sie sagen, ist meiner Ansicht nach ein Mythos. Es stimmt effektiv nicht. Es gibt historische Beispiele, etwa im Appenzellerland, wo Jugendliche sich schlugen und anschliessend Kontrahenten in einer Jauchegrube versenkten. Extreme Sachen gab es also auch damals. Sicher gab es die von Ihnen beschriebene Hemmung damals auch, doch wahrscheinlich waren körperliche Kämpfe verbreitet und akzeptiert.

Wir sprechen jetzt von jungen ­Männern. Sind denn junge Frauen vor solchen Aggressionsausbrüchen gefeit?

Frauen leben die Aggression anders aus, nämlich mehr verbal. Sie versuchen eher, jemanden durch Worte zu verletzen als mit physischer Gewalt. Dies gilt insbesondere auch in der Öffentlichkeit. In Beziehungen, im privaten Bereich allerdings ist es teilweise anders, da können Frauen durchaus auch physisch gewalttätig sein.

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