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Kommst im Muggensturm daher – die eigenartigen Siedlungsnamen des Kanton Thurgau

Vom Chatzebuggel bis zum Bärenwiesli und vom Morgenstern bis nach Bethlehem: Über den Kanton Thurgau verteilen sich rund 2200 Siedlungen. Deren Namen erzählen viel. Zum Beispiel von Landschaften, Tieren oder Menschen.
Ursula Ammann
Weiler so weit das Auge reicht: 2200 Siedlungsnamen sind im Kanton Thurgau dokumentiert. (Bild: PD)

Weiler so weit das Auge reicht: 2200 Siedlungsnamen sind im Kanton Thurgau dokumentiert. (Bild: PD)

Wer in Bischofszell über die alte Thurbrücke stadtauswärts spaziert, ist mit einem Fuss schon fast im Muggensturm. Wer zwischen Tannzapfenland und Bodensee wandert, streift womöglich Höll und Himmelreich an einem Tag. Und wer nach Kleinbasel will, muss die Kantonsgrenze nicht zwingend überqueren – ebenso wenig wie für einen Besuch in Bethlehem.

Der Kanton Thurgau hat viel zu bieten: Idyllisches, Geheimnisvolles, Kontrastreiches, Skurriles. Diese Vielfältigkeit zeigt sich nicht nur in der Landschaft, sondern auch in den Namen der Siedlungen, die darauf gewachsen sind. Dazu gehören Gehöfte, Weiler, Dörfer und Stadtteile. Rund 2200 Siedlungen sind im aktuellen Verzeichnis der kantonalen Dienststelle für Statistik vermerkt. Darunter Chatzebuggel und Hund, Alpenglühn und Morgenstern, Chaspersberg und Mariahalde, Liebenfels und Krachenburg, aber auch Kummer und Zorn. Die Liste liesse sich noch lange weiterführen.

Wo Wölfe in die Grube fielen

Auffallend häufig sind Siedlungen mit tierischen Namen. Entenmoos, Bärenwiesli und Fuchsberg zum Beispiel. Oder Stiergarten, Hasenreute und Wolfsgruben. Das kommt nicht von ungefähr. Viele Tierarten, die heute von der Bildfläche verschwunden sind, waren früher öfter zu sehen. Auch auf Bären und Wölfe treffe das zu, wie Martin Hannes Graf, Redaktor am Schweizerischen Idiotikon und Co-Projektleiter von «ortsnamen.ch», erläutert. «Siedlungen, die ein solches Tier im Namen tragen, nehmen oftmals auf die regelmässige Sichtung desselben Bezug», sagt er. Gelegentlich könne aber auch ein einmaliges Ereignis den Ausschlag für den Namen gegeben haben. Etwa, wenn an jenem Ort einmal ein Wolf erlegt worden sei. Meister Isegrim hat scheinbar mehrere Thurgauer Siedlungen geprägt. In Hauptwil-Gottshaus gibt es den Oberen und Unteren Wolfhag und in Amlikon-Bissegg den Weiler Wolfikon.

In Steckborn findet man das Quartier Wolfkehlen, in Ermatingen den Wolfsberg und in Basadingen-Schlattingen das Gebiet Wolfsgruben. «Die Wolfsgrube ist der Ort, an dem man Wölfe in einer Grube erlegt hat», sagt Martin Hannes Graf. «Oder eine Stelle, der man diese Bedeutung zugesprochen hat.»

Personen statt Insekten als Namensgeber

Laut dem Sprachforscher lassen sich aber nicht alle Beispiele nach demselben Muster erklären. Einige Namen müsse man sich eher bildlich vorstellen. Zum Beispiel Hirschensprung. «Der Hirschensprung, den es im deutschen Sprachraum mehrfach gibt, bezeichnet eine Stelle, die so schmal ist, dass ein Hirsch darüber springen kann», so Graf. Und mit dem Chatzebuggel sei ein Gebiet gemeint, dessen geomorphologische Form einem Katzenbuckel ähnele.

Nochmals anders ist es bei der Siedlung Muggensturm. «Ein Spezialfall», wie Martin Hannes Graf sagt. «Dieser Name deutet auf den Personennamen Muggensturm hin, den man gut belegen kann.» Wer das idyllische Fleckchen Land ausserhalb der Rosenstadt Bischofszell aufsucht – vielleicht um dort im Restaurant Muggensturm einzukehren – muss also nicht befürchten, mit besonders vielen Mückenstichen heimzukehren. Denn der Siedlungsname sagt in diesem Fall nichts über das Vorkommen der Insekten aus.

Ein «Ort von armseliger Anmutung»

In der Gemeinde Homburg liegt der Weiler Bethlehem. Dabei handle es sich um einen häufigen Namenstyp mit unklarer Motivik, sagt Martin Hannes Graf. Gelegentlich werde Bethlehem erklärt als «Ort, der an die Geburt Christi erinnern soll», gelegentlich als «Ort von armseliger Anmutung». Dem Siedlungsnamen könne auch ein Hausname vorausgegangen sein. «Biblisch motivierte Hausnamen waren früher ganz alltäglich», so Graf. «Sie dienten einfach zur Identifizierung und Lokalisierung, bevor es Hausnummern gab.»

Auch Siedlungen wie Himmelreich, Himmelrich oder Himmenreich, die im Thurgau mehrmals vorkommen, klingen religiöser als sie sind. «Meist bezeichnet der Name die gute, erhöhte Lage», sagt Sprachforscher Graf. Daher könne man sie auch metaphorisch verstehen − als Orte, «wo einem ist wie im Himmelreich». Als Gegenstück dazu gebe es auch viele Höll-Flurnamen, mit denen man meist tief gelegene, schattige und unwirtliche Plätze benenne.

Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen

Nebst kauzigen Namen wie Rauspfeife und Torkel oder romantischen wie Herzenwiese und Geigenhof gibt es im Thurgauer Siedlungsverzeichnis auch ganz geläufige, die durch ihre Häufigkeit auffallen. Darunter Egg, Buch oder Ifang. «Sie nehmen Bezug auf immer wieder vorkommende Flurformen, Bewuchsarten und Bewirtschaftungstypen», erklärt Martin Hannes Graf. So ist mit Egg eine Geländekante gemeint, mit Buch das Buchengehölz und mit Ifang eine Einzäunung. Einer der kürzesten Siedlungsnamen ist übrigens Hoi. Im Hoi sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht.

2009 wurde um die Thurgauer Flurnamen gestritten

Was ist mit Roopel gemeint und was mit Lanzedoore? Für Ortsunkundige ist diese Frage nicht ganz einfach zu beantworten. Bei Roopel handelt es sich um die mundartliche Bezeichnung der Hofgruppe Rotbühl bei Fischingen, bei Lanzedoore um jene des Weilers Lanzendorn in der politischen Gemeinde Berg. In den letzten zehn Jahren hat sich – bis auf einige Ausnahmen – im Thurgau die schriftsprachliche Variante der Siedlungs- und Flurnamen durchgesetzt: Zum Beispiel heisst es nun Ottenberg statt Ottebärg oder Hellacker statt Hellägger. Dieser Kehrtwende voraus gingen heftige Diskussion um einen zeitgemässen Gebrauch der Siedlungsnamen. Dass der Kanton Thurgau sich am Sprachbild der Grossväter-Generation und damit an der teilweise unleserlichen Mundartform orientierte, kam nicht nur gut an und gipfelte 2009 in einer Welle der Empörung. Eine Arbeitsgruppe machte sich nach öffentlichem Druck schliesslich daran, die Siedlungsnamen zu überarbeiten, und beendete damit den Namensstreit. Das Siedlungs- und Ortschaftenverzeichnis des Kantons Thurgau setzt heute auf die schriftsprachlichen Namen. Im Geoinformationssystem ThurGIS sind nebst diesen auch die Mundart-Bezeichnungen zu finden. Der Name Roopel, beziehungsweise Rotbühl, bezeichnete ursprünglich einen «Hügel mit Rotfärbung». (uam)

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