KOMMENTAR ZU SEXUELLER BELÄSTIGUNG: Zeigt die Busengrapscher an

"Ein Griff an den Busen ist kein Kavaliersdelikt. Es ist eine Straftat. Wenn Übergriffe im Ausgang toleriert werden, finden sie Einzug in den übrigen Alltag", so der Kommentar von Redaktorin Julia Nehmiz zu den steigenden Vorfällen sexueller Belästigung, die nicht gemeldet werden.

Julia Nehmiz
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Im Ausgang kommt es vermehrt zu sexueller Belästigung. (Symbolbild) (Bild: Fotolia)

Im Ausgang kommt es vermehrt zu sexueller Belästigung. (Symbolbild) (Bild: Fotolia)

Der Griff an den Po ist Normalität geworden. Junge Frauen werden im Ausgang begrapscht, und sie nehmen es hin. Es geht hier nicht um die Silvesternacht von Köln, es ist ein gewöhnlicher Freitagabend in St. Gallen. Auch wenn nur wenige Anzeigen wegen sexueller Belästigung bei der Polizei eingehen: Die Zahlen, die eine Studie in Lausanne ermittelte, sind erschreckend. 63 Prozent der befragten Frauen gaben an, 2016 in den Strassen der Westschweizer Stadt sexuell belästigt worden zu sein.

Für die Ostschweiz liegen keine Zahlen vor. Hier wird auch keine politische Diskussion darüber geführt. Noch scheint es nicht notwendig, in die Sicherheit des Ausgehvolks zu investieren. Doch eine Umfrage der «Ostschweiz am Sonntag» unter Clubbesuchern zeigt: Sexuelle Belästigung ist in der hiesigen Partyszene Realität. Junge Frauen berichten, es sei normal, dass man im Ausgang begrapscht werde.

Normal? Im Jahr 2017? Wo bleibt der Aufschrei? Haben über 200 Jahre Frauenbewegung nichts bewirkt? Die resignierende Haltung – «grapschen gehört dazu» – ist fatal. Ein Täter, der immer wieder Frauen (oder Männer) sexuell belästigt und keine Konsequenzen spürt, habe ein grösseres Potenzial, später grobe Sexualdelikte zu begehen, heisst es von der Polizei. Zwar wird nicht aus jedem Grapscher ein Vergewaltiger. Doch die irrige Toleranz führt zu absurden Überlegungen. Frauen fragen sich vor dem Discobesuch, was sie anziehen sollen, um nicht betatscht zu werden. Ein junger Mann entgegnet, wer nicht angefasst werden wolle, solle einen Rollkragenpulli anziehen. Es wird diskutiert, ob eine Frau selber schuld sei, weil sie einen Minirock trägt.
Das ist die falsche Diskussion. Schuldig ist, wer anderen unter den Rock greift, egal, wie kurz dieser ist. Bei Übergriffen spielt die sexuelle Anziehung keine Rolle. Es ist eine reine Machtdemonstration des Angreifers. Er nimmt sich etwas, ohne dass der andere Mensch seine Zustimmung gegeben hat.

Ein Griff an den Busen ist kein Kavaliersdelikt. Es ist eine Straftat. Wenn Übergriffe im Ausgang toleriert werden, finden sie Einzug in den übrigen Alltag. Frauen, die im Ausgang zum Objekt degradiert werden, werden in Beruf und Gesellschaft kaum mit mehr Respekt behandelt. Auch wenn Feminismus für viele zum Unwort verkommen ist, vielleicht ist es an der Zeit, sich auf dessen Ursprung und Ziele zu besinnen. Gleichstellung wird noch nicht gelebt. Die heutige Generation junger Frauen muss das Recht auf Selbstbestimmung neu verteidigen. Es ist ein guter Anfang, einen sexuellen Übergriff nicht mehr hinzunehmen, sondern anzuzeigen.