KOMMENTAR: Täter, Trump und Scham

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Die Frauen sind jedes Mal andere, die Gespräche ähnlich. Die eine erzählt von einer fremden Hand auf dem Schenkel im Bus, die andere von ihrem Arbeitskollegen, der ihre Brüste preist, die dritte von ihrem Chef, der ihr den Rücken streichelt. Fast jede Frau kann eine solche Geschichte erzählen. Das Ende ist meistens dasselbe: Die Frauen wehren sich nicht oder erst spät.

Es gibt Frauen, die ihre Grenzen sofort aufzeigen. Sie sind Vorbilder. Reden, wegstossen, nur nicht schweigen – aus Angst oder Scham. «Erhält ein Täter, der wiederholt aus sexueller Neigung Frauen anfasst, keine Konsequenzen, wird er nie damit aufhören», sagt der Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen, Hanspeter Krüsi.

Arbeitgeber stehen dabei besonders in der Pflicht. Sie sollten ein offenes Klima schaffen, in dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Grenzen äussern. Werden Grenzen wiederholt oder grob überschritten, sollten Arbeitgeber Konsequenzen ziehen. Das gilt im Übrigen auch, selbstverständlich, wenn eine Frau einen Mann belästigt, nur ist dieser Fall deutlich seltener. Scham ist eine Sanktion von innen, eine Verwarnung oder Kündigung ist eine Sanktion von aussen.

Donald Trump ist weit weg, aber wir hören seine Worte täglich. Sie sind schamlos. Wenn der amerikanische Präsident sagt, man könne Frauen einfach zwischen die Beine greifen, hinterlässt einen das zunächst sprachlos. Aber das ist falsch. Dagegen anreden, nur nicht schweigen.

Katharina Brenner
katharina.brenner@tagblatt.ch