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Kommentar

Nach dem "Kriegs-Theater" türkischer Primarschüler in Uttwil: Shaqiri ist die Realität - nicht Erdogan

Die Kriegs-Inszenierung türkischer Primarschüler in der Ostschweiz hat für viel Ärger gesorgt. "Natürlich hat es etwas Verstörendes, wenn Primarschüler Krieg imitieren", schreibt der stellvertretende Chefredaktor Jürg Ackermann in seinem Kommentar. Ein generelles Problem hingegen sieht er nicht.
Jürg Ackermann

"Erdogan lässt Schüler in der Schweiz Krieg spielen." Die Schlagzeile des "Sonntags-Blicks" hat die Öffentlichkeit viele Tage beschäftigt. Der Auslöser: Türkischstämmige Primarschüler spielten in der Mehrzweckhalle Uttwil die Schlacht von Gallipoli nach. Die Zeitung fragte alarmistisch, ob Märtyrer herangezogen werden.

Türken in der Schweiz sind kaum Erdogan-Jünger

Dass türkische Schüler – auch in der Schweiz – seit Jahrzehnten die Schlacht von Gallipoli imitieren, weil sie für die türkische Identität wichtig ist, verschwieg der Boulevard. Dass Gallipoli eher für Atatürks laizistische Vision einer modernen Türkei steht als für die rückwärtsgewandte islamische Version à la Erdogan ebenso. Dies hätte nur die knackige Schlagzeile gestört. Vergessen war auch, dass die Türken in der Schweiz bisher kaum als Erdogan-Jünger auffielen. Beim Referendum vor einem Jahr stimmten nur 38 Prozent für Erdogans umstrittenes Präsidialsystem, viel weniger als in den umliegenden Ländern.

Einige Kommentatoren stilisierten die martialische Theateraufführung dennoch zu einem generellen Integrationsproblem. Sie malten das Schreckgespenst von Parallelgesellschaften an die Wand wie sie in Paris, London oder Berlin existieren. Und sie stellten die Kurse in heimatlicher Sprache und Kultur (HSK) für ausländische Kinder, in deren Rahmen die Theateraufführung entstand, generell in Frage.


Kein Platz für religiöse Propaganda

Natürlich hat es etwas Verstörendes, wenn Primarschüler Krieg imitieren. Doch das tun zuweilen auch Schweizer Schüler mit der Schlacht am Morgarten. Und natürlich macht es sich der St.Galler Bildungsdirektor Stefan Kölliker einfach, wenn er sagt, der Kanton fühle sich nicht für die Inhalte der HSK-Kurse zuständig. Immerhin stellt er die Schulzimmer dafür zur Verfügung. Dabei ist die Vorgabe klar: Der HSK-Unterricht soll nach den gleichen Leitlinien erfolgen wie die reguläre Schule, politisch und konfessionell neutral. Das Schulzimmer darf nicht zu einem Ort politischer Indoktrination oder religiöser Propaganda werden.

Doch haben wir hier generell ein Problem? Versagen die Behörden bei der Integration ausländischer Kinder und Jugendlicher? Nein! Die Schweiz hat mit über 25 Prozent den nach Luxemburg höchsten Ausländeranteil in Europa. Doch gibt es weder Parallelgesellschaften noch Gettos. Selbst in Klein-Basel oder in Zürich Schwamendingen nicht, wo der Ausländeranteil bei 50 Prozent oder mehr liegt.

Viele Tore stehen offen

Die Schweiz zeigt immer wieder eine erstaunliche Integrationskraft. Das hat mit der dichten Vereinsstruktur zu tun, die vor allem im Sport als Integrationsmotor wirkt. Und noch viel mehr mit dem im Vergleich mit anderen Ländern hervorragenden Schul- und Ausbildungssystem, das wir uns als reiches Land leisten können. So betreiben schon Primarschulen einen immensen Aufwand, um mit Nachhilfe- und Stützunterricht allen Kindern ähnliche Chancen zu bieten. Selbst Jugendlichen aus Sri Lanka oder Eritrea, die ohne Deutschkenntnisse und unter schwierigen Voraussetzungen hierher kommen, stehen viele Tore offen, wenn sie für ihr Glück etwas tun. Beispielsweise über die Berufslehre.

Kein Wunder, gelingt meist auch die Integration in den florierenden Arbeitsmarkt. Studien belegen es: Secondos steigen im Vergleich zu gleichaltrigen gebürtigen Schweizern bei vergleichbarer Ausbildung mindestens so schnell auf. Das gilt oft auch für türkische Einwanderer, die nicht nur den Kebab zum hiesigen Kulturgut machten, sondern auch immer wieder erstaunliche Karrieren hinlegen, nicht nur im Fussball.


Fussball als Vorbild

Gerade der Fussball zeigt exemplarisch, wie erfolgreich die Schweiz ausländische Jugendliche integriert und sie zu Leistungsträgern macht. Bis zu zwei Drittel des Nati-Kaders für die Fussball-WM in Russland werden ausländische Wurzeln haben. Die Helden unserer Kinder beim Paninibilder-Sammeln heissen nicht Fässler, Moser oder Brunner, sondern Shaqiri, Behrami oder Xhaka. Sie stammen alle aus Kosovo.

juerg.ackermann@tagblatt.ch

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