KOMMENTAR: Macht Arbeit endlich Spass?

Kaspar Enz

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Millionen von Schweizerinnen und Schweizern stehen jeden Morgen auf und machen sich an die Arbeit. Nicht immer gerne. Arbeit ist mühsam und oft sinnlos: Stundenlang drückt man Knöpfe und Hebel, um eine Maschine dazu zu bringen, etwas herzustellen, was man selber nie kaufen würde. Man füllt Formulare aus, deren Zweck sich nur Spezialisten erschliessen, man schiebt Zahlenreihen hin und her und schreibt Rechnungen und Offerten an Menschen, die man kaum kennt. Kommt man abends nach Hause, ist der einzige Lichtblick, dass man sich so den Lebensunterhalt verdient, und vielleicht noch etwas dazu für das, was einem wirklich gefällt.

Doch bald wird alles besser. Mit dem Internet, mobilen Geräten und Robotern können wir die langweilige Routine, die immer gleiche Mühsal den immer schlaueren Maschinen überlassen. Für uns Menschen bleiben die schönen Seiten der Arbeit: kreative Ideen entwickeln, in weltweit vernetzten Teams Kunden und Mitarbeiter beraten. Wir arbeiten nicht mehr in lauten Fabrikhallen, sondern wo wir wollen: zu Hause, im Café, im Co-Working-Space und manchmal im Büro, wo die Kaffeemaschine und der Austausch mit den Kollegen statt der Befehlsempfang im Zen­trum steht. So versprechen es die Propheten der neuen Arbeit. IT-Unternehmen treiben diese Entwicklung voran, schaffen Hierarchien ab und bauen Büros, in denen man gerne Zeit verbringt. Und so wünschen sich auch viele Arbeitnehmer die Zukunft der Arbeit. Das zeigt eine Studie der Fachhochschule St. Gallen.

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Das zeigen die Resultate der Studie ebenso. Die Mitarbeitenden grosser Unternehmen sind nicht zufrieden damit, wie ihre Arbeitgeber mit dem Wandel umgehen. Kein Wunder. Viele traditio­nelle Konzerne sind träge – und sie wissen selbst noch nicht, was die Digitalisierung für sie bedeutet. Doch Grösse allein heisst nicht, dass man nicht fit ist für die Zukunft. Denn die Digitalisierung schafft neue Giganten wie Facebook oder Google.

Fragt sich, ob man dort überhaupt ankommt, im Paradies von «New Work». Oder ob man dort überhaupt ankommen will. Wer mehr Freiheiten hat, wer mehr mitbestimmen kann, der identifiziert sich mit seiner Arbeit, dem macht sie auch mehr Spass. Er fühlt sich verantwortlich für seine Leistung und für die Entscheidungen, die vorher noch der Chef für einen traf. Das kann schnell auch mehr Stress bedeuten. Gerade dann, wenn Flexibilität und Selbstverantwortung nur Vorwände sind, um den Mitarbeitern mehr Arbeit aufzuhalsen. Die können sich dann selbstbestimmt überarbeiten – und nicht mal mehr dem Chef die Schuld geben.

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