Kommentar
Erhöhung der Tarife für den Musikunterricht: Der St.Galler Stadtrat reagiert auf Kritik und zeigt Grösse

Mit der Erhöhung der Tarife für den Musikunterricht hat der Stadtrat wenig Fingerspitzengefühl an den Tag gelegt. Es hagelte Unverständnis und Kritik. Weil er seinen Entscheid jetzt korrigiert, verliert die Stadtregierung ihr Gesicht nicht. Im Gegenteil.

Daniel Wirth
Daniel Wirth
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Die E-Gitarre ist ein beliebtes Instrument.

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Chris Iseli / LTA

Als der Stadtrat sich über das Budget für das laufende Jahr beugte, war es finster am Finanzhimmel. Kein Mensch konnte im Spätsommer 2020 sagen, wie gross das Loch sein wird, das die Folgen der Coronapandemie in die Stadtkasse reissen wird. Und das kann auch heute noch niemand. Dass der Stadtrat in dieser Situation nicht nur darüber nachdenkt, die Ausgaben zu senken, sondern sich auch überlegt, an welchen Schrauben auf der Einnahmenseite gedreht werden kann, ist nachvollziehbar. Er entschied sich unter anderem dafür, die Tarife für den Musikunterricht zu erhöhen und obendrein den Geschwisterrabatt ganz zu streichen.

Für dieses Streichkonzert erhielt der Stadtrat keinen Applaus. Im Gegenteil: Die Sektion Ost-Südost des Schweizerischen Musikpädagogischen Verbands lancierte eine Petition und sammelte im Nu mehrere Hundert Unterschriften. Im Stadtparlament reichten drei Fraktionen eine dringliche Interpellation ein, und es hagelte Leserbriefe in den Spalten dieser Zeitung. Der Stadtrat geriet unter Druck. Diesem Druck gibt er nun nach. Das ist keine Schwäche. Es ist ein Zeichen der Grösse, wenn eine Exekutive einen unpopulären Entscheid korrigiert. Allerdings: Politisches Fingerspitzengefühl hatte der Stadtrat bei der Tariferhöhung nicht.

Die Tariferhöhung hätte Familien mit tiefem Einkommen und mehreren Kindern, die ein Instrument lernen möchten, in Schwierigkeiten gebracht. Gerade in der Pandemie, in der wegen Kurzarbeit oder Jobverlust weniger Geld in die Familienkasse fliesst, sind Tariferhöhungen Gift.
Der Stadtrat kündigt an, auch die Musikschule müsse angesichts künftiger Defizite einen Beitrag zur Verbesserung der finanziellen Lage leisten. Sie komme nicht um eine Tariferhöhung herum. Anstelle der Streichung des Geschwisterrabatts prüft er nun einkommensabhängige Tarife. Das ist lobenswert. Ein Instrument zu lernen darf nicht noch mehr ein Privileg von Kindern reicher Eltern werden.