Kommentar: Die Islamdebatte hat erst begonnen

Michael Genova
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Ein Imam entzweit die Stadt Wil. Wegen einer Einsprache muss das Stadtparlament kommende Woche über das Einbürgerungsgesuch von Bekim Alimi entscheiden. Mittlerweile geht es in der öffentlichen Diskussion weniger darum, ob Alimi die formalen Einbürgerungskriterien erfüllt. Im Zentrum steht die Frage, ob er als Präsident des Dachverbands islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein (Digo) tatsächlich einen liberalen Islam vertritt.

Kritiker sprechen deshalb von inquisitorischen Fragen an Alimi und ziehen Vergleiche zur Hexenverbrennung. Das ist übertrieben, denn die Debatte ist aus drei Gründen wichtig: Erstens geht es um die Frage, wie stark der politische Islam in Ostschweizer Moscheen verbreitet ist. Menschenrechtsaktivistin Saïda Keller-Messahli kritisiert, dass Alimi radikale Prediger toleriere, die in Ostschweizer Moscheen aufgetreten seien. Wie häufig es zu islamistischen Aktivitäten in der Ostschweiz kommt, ist nicht abschliessend nachgewiesen. Und doch wäre es wichtig, den ideologischen Kontext zu beleuchten, der den Nährboden für Radikalisierungen bereitet, sagt etwa die schweizerisch-jemenitische Politologin Elham Manea. Die Idee des einsamen Angreifers, der sich übers Internet radikalisiere, greife zu kurz.

Zweitens muss Alimi verstehen, dass er als Repräsentant der Ostschweizer Muslime wahrgenommen wird. Es ist symbolträchtig, mit wem er auf Podien debattiert oder auf Fotos posiert. Zeigt er sich mit radikalen Predigern, sendet er falsche Signale. Da hilft es wenig, zu beteuern, dass es sich um Zufallsbekanntschaften handle und er deren Überzeugungen nicht teile. Hier muss Alimi sensibler werden.

Drittens sollte sich der Wiler Imam überlegen, wie stark er Rücksicht auf konservative Kräfte nehmen will. Niemand kann von ihm verlangen, dasselbe Islamverständnis wie Saïda Keller-Mes­sahli zu vertreten. Alimi muss als Präsident eines Dachverbands eine gewisse Meinungsvielfalt vertreten. Allerdings sollte er sich fragen, wo er die Zugehörigkeitsgrenzen zieht. Dabei ist Ambivalenz fehl am Platz. Zum Beispiel, wenn es darum geht, die Auftritte salafistischer Prediger in Ostschweizer Moscheen aktiv zu verurteilen.

Aus rechtsstaatlicher Sicht sprechen diese Argumente nicht gegen eine Einbürgerung von Bekim Alimi. Auch Kantonspolizei, Staatssekretariat für Migration und Nachrichtendienst haben keine Einwände. Das Wiler Stadtparlament sollte deshalb am kommenden Donnerstag das Einbürgerungsgesuch von Alimi annehmen. Die Debatte über die Verbreitung des politischen Islam in Ostschweizer Moscheen hat jedoch gerade erst begonnen.

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch