KOMMENTAR: Der Hausarzt wird zum Satelliten

Lange gehörten sie zu den Pfeilern des Dorf­lebens – und brechen nun langsam weg. Die Hausärzte werden immer älter und haben zunehmend Schwierigkeiten, Nachfolger für ihre Praxen zu finden. Ein Kommentar von Michael Genova.

Michael Genova
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In den kommenden Jahren werden schätzungsweise 60 Prozent der Hausärzte ihre Tätigkeit aufgeben. Experten warnen schon heute vor einer Unterversorgung.

Der Grund für den Nachwuchsmangel ist nicht etwa der abgelegene Arbeitsort in der Provinz. Im Gegenteil: Laut einer aktuellen Umfrage des Berner Instituts für Hausarztmedizin würden junge Hausärztinnen und Hausärzte am liebsten auf dem Land arbeiten. Allerdings nicht als ein­same Kämpfer in einer Einzelpraxis, sondern in gemischten Teams in einer Gruppenpraxis. Und weil immer mehr Frauen in diesem Beruf arbeiten, steigt auch der Wunsch nach Teilzeitarbeit.

Dazu kommt, dass sich junge Hausärzte vor dem hohen finanziellen Risiko einer Praxisübernahme scheuen.

Für viele altgediente Hausärzte bedeutet dies, dass sie sich vom Traum verabschieden müssen, ihre Einzelpraxis verkaufen zu können. Das ist bitter. Denn viele hatten gehofft, mit dem Erlös ihre Pension aufzubessern.

Doch seit ihrem Berufseinstieg vor mehreren Jahrzehnten hat sich vieles verändert: die Lebensrealität der jungen Kolleginnen und Kollegen, der Gesundheitsmarkt, die Bevölkerungsstruktur. Die Einzelpraxis ist zu einem Auslaufmodell geworden.

Auch Gemeinden müssen sich wappnen. Sie sollten aktiv werden, lange bevor ein Hausarzt seine Praxis für immer schliesst.

Zwar gibt es Gemeindevertreter, welche die hausärztliche Grundversorgung am liebsten dem Markt überlassen würden. Doch sie seien gewarnt. Es ist wie mit dem Dorflädeli und der Postfiliale. Sind sie erst einmal geschlossen, bleiben sie meist für immer verloren. Und das Schreckensszenario der Schlafgemeinde wird immer mehr zur Realität.

Die Lösung des Problems liegt in den Wünschen des Nachwuchses. Gäbe es mehr Gemeinschaftspraxen, würden auch mehr junge Ärztinnen und Ärzte aufs Land ziehen. Gemeinden und Kantone sollten deshalb solche neuen Modelle unterstützen – auch finanziell. Und Hausärzte vor der Pensionierung sollten sich gut überlegen, ihre Einzelpraxis in grössere Einheiten einzubringen. Zum Vorteil beider Seiten. Grössere Gemeinschaftspraxen könnten Aussenstellen in kleineren Dörfern eröffnen.

Die Aussenstellen ihrerseits würden bei der Administration oder bei Vertretungsregelungen von ihren Zentralen profitieren. Anders gesagt: Der heutige Hausarzt muss sich wandeln und künftig wie ein Satellit die nächst grössere Gemeinschaftspraxis umkreisen.

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch