KOMMENTAR
Das Impfgeheimnis der Thurgauer Regierung ist falsche Solidarität

Das Versteckspiel der Thurgauer Regierungsmitglieder um ihre Impfung ist eine Verweigerung, ihre Vorbildrolle wahrzunehmen.

David Angst
David Angst
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David Angst, Chefredaktor.

David Angst, Chefredaktor.

Bild: Ralph Ribi

Nur vier von fünf Mitgliedern des Thurgauer Regierungsrats sind geimpft. Aber der Informationsdienst darf nicht verraten, welche. Auf Anfrage teilt er mit, das sei Privatsache und gehe die Öffentlichkeit nichts an. Mit anderen Worten: Vier geimpfte Regierungsmitglieder begeben sich für ein ungeimpftes in Solidarhaftung. Damit macht sich der Regierungsrat, gelinde gesagt, lächerlich. Es ist ja schön, dass wir eine so harmonisch funktionierende Regierung haben. Aber Harmonie hat auch ihre Grenzen.

Im Juli fragte unser Medium die fünf Regierungsmitglieder an, wo sie ihre Ferien zu verbringen gedächten. Eines von ihnen antwortete, das sei nicht von öffentlichem Interesse. Natürlich ist es Privatsache, wo Walter Schönholzer seine Ferien verbringt, auch wenn es seltsam anmutet, dass er das geheim hält.

Bei der Covid-Impfung ist das aber etwas anderes. Corona hat das Leben von Milliarden von Menschen auf den Kopf gestellt, und es hat bereits Unsummen an Steuergeldern gekostet. Ohne Impfstoffe wäre ein Ende der Krise nicht absehbar. Ohne Impfstoffe wäre es unvorstellbar, dass wir jetzt, nach eineinhalb Jahren, über das Ende der Pandemie – oder wenigstens ihrer schlimmsten Folgen – nachdenken können.

Virologen rechnen damit, dass sie erst ab einer Impfquote von 80 Prozent überwunden ist. Sich impfen zu lassen ist also nicht nur zum eigenen Schutz geboten, es ist ein Akt der Solidarität. In der Bevölkerung sind aber viele skeptisch gegenüber der Impfung. Das bringt den Staat in ein Dilemma. Er will niemanden zwingen, aber möglichst viele Bürgerinnen und Bürger dazu bewegen, es freiwillig zu tun.

Aus diesem Grund ist es im Fall der Regierungsmitglieder keineswegs Privatsache, ob sie geimpft sind oder nicht. Bund und Kantone versuchen, den skeptischen Teil der Bevölkerung zum Umdenken zu bewegen. Gleichzeitig weigern sich die Magistraten, ihre Vorbildrolle aktiv wahrzunehmen. Das ist nicht nur zum Schmunzeln, das ist geradezu bedenklich.