KOMMENTAR
Bétriseys Nichtwahl im Thurgau: Die SP und die Grünen haben das Risiko bewusst in Kauf genommen

Die Nichtwahl von Karin Bétrisey war ein Debakel, und es zeichnete sich ab. Mit ihrer Parteistärke sollten die Grünen eigentlich in der Lage sein, eine geeignete Person für dieses Amt aufzubauen.

David Angst
David Angst
Drucken
Teilen
Sonja Wiesmann, Fraktionspräsidentin der SP, mit Karin Bétrisey.

Sonja Wiesmann, Fraktionspräsidentin der SP, mit Karin Bétrisey.

Bild: Andrea Stalder

Die Grünen verzichten nun auf eine weitere Kandidatur fürs Vizepräsidium des Grossen Rats. Karin Bétrisey hat letzte Woche in zwei Wahlgängen bekanntlich keine Mehrheit erreichen können. Sandra Reinhart, die Fraktionspräsidentin der Grünen, sagt:

«Wir sehen das nicht als Debakel von unserer Seite.»

Ähnliches hatte zuvor schon ihre Kollegin von der SP, Sonja Wiesmann, gesagt. Damit liegen sie falsch.

Sandra Reinhart, Fraktionspräsidentin der Grünen.

Sandra Reinhart, Fraktionspräsidentin der Grünen.

Bild: Donato Caspari

Diese Nichtwahl war ein Schiffbruch. Noch selten wurde im Thurgau eine Politikerin so abserviert wie Karin Bétrisey. Die Verantwortung dafür tragen die Fraktionen der Grünen und der SP. Wie soll man das beschreiben, was sie letzte Woche fabriziert haben? Sie seien mit offenen Augen in eine Wand gefahren, ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen. Aber ganz sicher haben sie versucht, den Karren zwischen einer Wand und einem Abgrund hindurch zu steuern, obwohl sie wussten, dass der Weg extrem schmal ist. Die Grünen und die SP nahmen den Absturz bewusst in Kauf.

«Der Widerstand der Ratsmehrheit richtete sich nicht gegen den Anspruch der Grünen.»

Es ging auch nicht um Erfahrung oder um die politischen Ansichten der Kandidatin. Es ging weder um ihre fachliche Kompetenz, noch ging es um ihr Geschlecht. Es ging einzig um die Person. Die klare Mehrheit im Grossen Rat wollte Karin Bétrisey nicht als zukünftige Präsidentin. Sie hatte, um es salopp auszudrücken, zu viel Geschirr zerschlagen.

Als sich das Debakel dann nach dem ersten Wahlgang abzeichnete, waren die SP und die Grünen gefangen in ihrer Idée fixe. Sie waren nicht mehr in der Lage, sich aus dem Dilemma zu befreien zwischen der Loyalität zu ihrer Kandidatin und der Erkenntnis, dass sie auf einer Mission impossible waren. Wenn Sandra Reinhart nun den Bürgerlichen «veraltetes Denken» und «verstaubte Ansichten» vorhält, ist das reines Schattenboxen, das müsste sie eigentlich wissen.

Karin Bétrisey.

Karin Bétrisey.

Bild: Donato Caspari

Strafaktionen sind bei der Wahl des Vizepräsidiums an der Tagesordnung. Und weil es eine geheime Wahl ist, muss sich auch niemand rechtfertigen. Es gibt auch Antipathien und alte Rechnungen, die dabei beglichen werden. Im Fall von Karin Bétrisey hat sich all dies so sehr kumuliert, dass es für eine Mehrheit nicht mehr gereicht hat.

Dass die Grünen den Ball nun an die SP zurückspielen, muss man ihnen nicht als Trotzreaktion ankreiden. Sie haben keine Person, die für das Amt des Präsidiums in Frage kommt – und es auch will. Das ist für die Partei bedauerlich, da es eine historische Chance gewesen wäre, dieses ehrenvolle und prestigeträchtige Amt zu besetzen. Die Grünen müssten eigentlich in der Lage sein, in den nächsten Jahren jemanden aufzubauen. Dies auch im Hinblick auf eine mögliche Regierungsratskandidatur. Immerhin haben sie mittlerweile mehr Sitze im Grossen Rat als die SP.