KOMMENTAR: Altes Misstrauen am falschen Objekt

Das Misstrauen gegenüber der Kantonshauptstadt St.Gallen hat im Linthgebiet eine lange Geschichte. Die Kritik an den Plänen für die Neuorganisation der Fachhochschule Ostschweiz schiesst aber am Ziel vorbei, schreibt Silvan Lüchinger, stellvertretender Chefredaktor.

Silvan Lüchinger
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Blick aus der Hochschule für Technik (HSR) in Rapperswil. (Bild: Benjamin Manser)

Blick aus der Hochschule für Technik (HSR) in Rapperswil. (Bild: Benjamin Manser)

Ab 1798 war Rapperswil die stolze Hauptstadt des Kantons Linth. Welche Genugtuung nach Jahrhunderten erzwungener Unterordnung. Am Anfang hatten die Herren von Rapperswil das Sagen, am Ende die reformierten Orte der Alten Eidgenossenschaft. Das Intermezzo "Hauptstadt" dauerte nur fünf Jahre. 1803 wurde der neue Kanton zerschlagen, Rapperswil und sein Umland fielen an den Kanton St.Gallen.

Zwar stellte die Stadt in der Folge immer wieder nationale und kantonale Politiker – zuletzt drei Regierungsräte in Serie. Richtig warm geworden ist man am oberen Zürichsee mit der Neuzuteilung aber nie. 

St.Gallen ist nicht nur geografisch und topografisch weit weg, auch die Mentalitäten sind unterschiedlich. Von der Sprache nicht zu reden. Bis heute fährt jedes Rapperswiler Kind mindestens zehnmal nach Zürich, bevor es vielleicht – im Rahmen einer Schulreise? – zufällig nach St.Gallen kommt. Im ohnehin zusammengestückelten Kanton ist die Region ennet dem Ricken nochmals ein Fall für sich. Allzeit ist man dort bereit, Erlasse aus der fernen Hauptstadt auf tatsächliche oder vermeintliche Benachteiligungen der eigenen Region abzuklopfen.

Dem Linthgebiet deswegen Sezessionsgelüste nachzusagen, wäre übertrieben. Dennoch ist das Misstrauen gegenüber "St.Gallen" permanent spürbar. Die Klage, der südwestliche Kantonsteil werde zu wenig gehört und nicht seiner Bedeutung angemessen behandelt, gehört zum Standardrepertoire regionaler Politiker. Das war zuletzt so, als man in Rapperswil-Jona partout nicht einsehen wollte, warum die Toggenburger hinter den sieben Bergen ihre Kantonsschule behalten dürfen. Und das ist jetzt wieder so, wenn es darum geht, der Fachhochschule Ostschweiz (FHO) eine neue, zugegeben zentralistischere Struktur zu geben.

Die grundsätzliche Notwendigkeit einer Reform ist auch im Linthgebiet unbestritten. In der heutigen Form ist die FHO nur noch bis 2022 anerkannt. Bis dann muss eine Neuakkreditierung gemäss revidiertem Hochschulgesetz erfolgen. Im schweizweiten Vergleich gehört die Fachhochschule St.Gallen zu den kleinen Einrichtungen ihrer Art. Das gilt erst recht für die einzelnen Teilschulen in St.Gallen, Buchs und Rapperswil. Soll die FHO in der Hochschullandschaft Schweiz wahrgenommen werden und Gewicht haben, muss sie ihr Potenzial und ihre Kompetenzen bestmöglich bündeln. Nebst dem schulischen Angebot auch im Organigramm.

In der Praxis heisst das Unterstellung unter einen Hochschulrat und unter ein Rektorat – so wie es die Regierung richtigerweise vorsieht. Wenn die Kritiker aus der Region Rapperswil das als drohende Fernsteuerung aus St.Gallen bekämpfen, lassen sie das übergeordnete Ziel ausser Acht. Ebenso ist nicht einzusehen, weshalb ein einziger Hochschulrat und ein einziges Rektorat die Teilschulen schwächen sollten. Die Verbindung der Schulen zur Wirtschaft – zur regionalen wie zur überregionalen – sind zweifellos von enormer Bedeutung. Die Behauptung, mit der vorgesehenen Strukturreform würde diese "abgewürgt", ist aber mehr als gewagt. Es gibt keinen Grund, weshalb sich die Wirtschaft von einer Fachhochschule Ostschweiz mit schlankeren Strukturen und der Führung aus einer Hand abwenden sollte. Zumal Vertreter der Wirtschaft bei der Erarbeitung des neuen Modells betont hatten, eine Verzettelung sei zu vermeiden, weil die exportorientierte Ostschweizer Wirtschaft sich wenig an regionalen und kantonalen Räumen orientiere.

"So viel zentrale Steuerung wie nötig, so viel Autonomie wie möglich." An dieser Leitidee ist nichts auszusetzen. Ihr lässt sich auch unter einem Hochschulrat und mit einem Rektorat nachleben. Totale Autonomie kann auch in die Isolation führen. Isolierte gehen gern vergessen.