Kolumne
Lü: Oh Thurgau, du Heimat

Silvan Lüchinger schreibt in seiner Kolumne «Lü» über die vergangene Woche und fasst zusammen, was ihm dabei ins Auge gestochen ist.

Silvan Lüchinger
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Silvan Lüchinger

Silvan Lüchinger

Bild: Coralie Wenger

Es lässt sich nicht anders ausdrücken: Wolfgang Matt ist ein armes Schwein. Von einem harten Arbeitstag bereits leicht ermattet, rafft er sich auf und besucht doch noch eine Impfstelle. Als Bürgermeister gehört sich das so, und als Bürgermeister von Feldkirch sowieso. An Ort angekommen, stellt Matt sich diskret in eine dunkle Ecke und verfolgt das Geschehen. Schaut zu, wie seine ältesten Untertanen gestochen werden und darüber auch noch glücklich sind. Irgendetwas, sinniert Matt, muss an dieser Impfung dran sein – aber was?

Als die Schlange der Wartenden kürzer wird, beginnt Matt zu zählen. Er zählt die Alten und er zählt die verbliebenen Impfdosen auf dem Tisch. Immer wieder, bis er sich sicher ist: Das geht nicht auf. Mindestens eine Dosis wird übrig bleiben. Was geschieht damit? Wegwerfen kommt nicht in Frage. Solange man aus altem Brot Toast machen kann, wird im Hause Matt nichts weggeworfen. Wolfgang Matt gibt sich einen Ruck, steht ganz hinten an, und tatsächlich – die letzte Spritze, die aufgezogen wird, ist seine. Kaum ist der Kolben durchgedrückt, durchströmt ihn eine wohlige Wärme. Die Stadt kann aufatmen - der Bürgermeister von Feldkirch ist gerettet.

Und dann das. Statt Lobpreis und Halleluja Schimpf und Schande. Aus dem Wiener Gesundheitsministerium kommt böse Schelte. Der Vorarlberger Landeshauptmann haut ebenfalls drauf, und im Ausland schimpfen sie ihn sogar «Impfdrängler». Das könnte zum Wort des Jahres werden. Auf ewig mit seinem Namen verbunden. Dabei hat Wolfgang Matt nur sich selber impfen lassen. Nicht einmal seine Familie, und seine Haustiere auch nicht. Es war ja auch nur eine Dosis übrig.

Johann Rupert ist kein armes Schwein. Im Gegenteil. Der Milliardär gilt als reichster Mann Südafrikas – und auch er ist geimpft. Zuerst versucht er es in Luzern; vergeblich. In einem Privatspital im Thurgau klappt es dann. Nicht als Impfdrängler. Als Testperson, wohlverstanden. Ein bisschen ein Held ist er also schon. Wäre auch seltsam, wenn sich der Flug in die Schweiz nicht gelohnt hätte. Schliesslich gehört ihm das Spital. Wäre ja noch schöner, wenn man sich im eigenen Krankenhaus nicht impfen lassen könnte. Die motzenden Thurgauer sollen dankbar sein, wenn er es nicht gleich zumacht.

Derweil grübelt Wolfgang Matt weiter, was er falsch gemacht hat. Bis er merkt: es ist nicht seine Schuld. Es ist der Lohn. Würde ihn die Stadt Feldkirch anständig zahlen, hätte auch er sich die Reise in den Thurgau leisten können. Wie Johann Rupert, nur halt im Zug statt mit dem Flieger. Einmal, hat er sich vorgenommen, wird er den Thurgau besuchen. Diesen Kanton, in dem alle gleich behandelt und geimpft werden. Ohne Ansehen der Person. Man muss dafür nicht einmal Thurgauer sein. Milliardär reicht.