Kolumne
Justizgeschichten: Pferdegetrappel auf der Autobahn

Vier Pferde verirrten sich auf die Rheintalautobahn. Darauf wurde die Halterin wegen Störung des öffentlichen Verkehrs angeklagt. Das Gericht spricht sie frei: Erst eine missglückte Einfangaktion der Polizei habe die Tiere in Panik versetzt.

Rolf Vetterli
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An einem Freitagnachmittag rissen vier Pferde aus ihrer eingezäunten Weide in der Rheinebene aus. Sie liefen mehrere Kilometer dem Fluss entlang, überquerten eine Brücke, bogen in die Zufahrt ein und gerieten auf die Autobahn, worauf sich ein langer Stau bildete. Der Staatsanwalt machte die Pferdehalterin verantwortlich, weil sie die Weide nur mit einem niedrigen und wackligen Elektrozaun umgeben habe. Er auferlegte ihr wegen fahrlässiger Störung des öffentlichen Verkehrs eine bedingte Geldstrafe von fünfzig Tagessätzen.

Alt Kantonsrichter Rolf Vetterli.

Alt Kantonsrichter Rolf Vetterli.

Bild: Hanspeter Schiess

Der Anwendungsbereich dieser Strafbestimmung ist enorm weit. Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren wird allen angedroht, die auf gefährliche Weise eine geordnete Fortbewegung beeinträchtigen – sei es das Fliegen, Gleiten, Fahren, Rollen, Gehen, Schwimmen, Rudern, Skifahren oder Eislaufen. Ausgenommen sind die regulären Strassenbenützer. Behindern sie den Verkehr, so werden sie nach dem SVG bestraft und kommen oft mit einer Busse davon.

Geprüft, ob der Zaun gut zwicke

Die Pferdebesitzerin gelangte an das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland und beteuerte, sie habe sich nach Kräften bemüht, die nur provisorisch genutzte Weide zu sichern. Sie habe den Zaun auch regelmässig abgeschritten und nachgeprüft, ob er überall gut zwicke. Am Fluchttag habe sie bemerkt, dass ein Pfahl nach innen umgestürzt und ein Halfter verschwunden war. Vermutlich hätten Lausbuben ein Loch in den Hag gerissen und die Pferde davongejagt.

Nach einer ziemlich banalen Vorschrift in der Tierschutzverordnung soll ein Freigehege so gestaltet werden, dass die Tiere nicht entweichen können. Im Anhang werden die Mindestanforderungen an die Tierhaltung zwar genauer umschrieben. Ausgerechnet bei Pferden wird aber – anders als etwa bei Kaninchen – nicht gesagt, wie ein Weidezaun beschaffen sein müsse. Der Staatsanwalt zog die Empfehlungen der Beratungsstelle für Unfallverhütung heran, nach denen ein Pferdehag aus mehreren Latten oder Bändern bestehen und mindestens eine Höhe von anderthalb Metern erreichen sollte. Darauf stellte auch schon das Bundesgericht in einer Haftpflichtsache ab, als ein fünfjähriger Bub unter einem Draht durchschlüpfte und von einem ausschlagenden Pferd getroffen wurde.

«Kleinwüchsige, gutmütige Pferde»

Die Richterin liess sich davon nicht beeinflussen, weil hier ja keine Kinder eingedrungen, sondern Tiere ausgebrochen seien. Sie vertraute stattdessen auf die Ratschläge des Tierschutzbundes und erklärte, der etwas mehr als einen Meter hohe Zaun habe unter normalen Umständen ausgereicht, um die kleinwüchsigen und gutmütigen Pferde zusammenzuhalten. Die Beschuldigte habe es nicht an Sorgfalt fehlen lassen.

Der kämpferische Staatsanwalt entschliesst sich zum Weiterzug. Dafür erntet er freilich kein Lob. Das Kantonsgericht St.Gallen hält ihm vor, er habe sich auf eine allzu strenge Auslegung der Halterpflichten beschränkt und andere mögliche Ursachen nicht in Betracht gezogen. Das Gericht zitiert zunächst aus einem neueren Entscheid zum Unfall mit einem Schulpferd, das in einem gewaltigen Satz aus dem Paddock ausbrach und den Grossvater einer Reitschülerin überrannte: Es sei fast unmöglich, ein verängstigtes Ross aufzuhalten – dafür würde wenigstens eine drei Meter hohe massive Mauer gebraucht.

Polizei bitte Radfahrer um Hilfe

Das Gericht stellt zudem fest, dass die angerückte Polizeipatrouille sich eher ungeschickt verhielt, was sie in ihrem Rapport allerdings schamhaft verschwieg. Sie bat offenbar einen zufällig daherkommenden Radfahrer um Hilfe. Dieser überholte die kleine Herde auf dem Rheindamm, stellte sich breitbeinig vor sie hin und fuchtelte mit den Armen, wobei die Pferde erst recht erschraken, ihm auswichen und in Richtung der Autobahn davonstoben. Das Kantonsgericht kommt zum Schluss, dass dieser intensive Eingriff in den Ablauf die Kausalkette unterbrochen habe. Es sei letztlich gar nicht mehr wichtig, ob die Einzäunung Mängel aufwies. Somit wird der Freispruch bestätigt.

Die Pferde grasen seither friedlich auf einer Wiese hinter dem Wohnhaus der Halterin. Nur der Amtsschimmel hat bis auf Weiteres keinen Auslauf mehr.